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WDR

Autorin: Anastasiya Polubotko
Redaktion:
 Sarah Sanner, Thierry Backes
Fotos: privat

Bildrechte: Anastasiya Polubotko, WDR

Ukraine-Hilfe: „Es wäre grausam, nicht weiter­zumachen“



WDR-Reporterin Anastasiya Polubotko organisiert private Hilfslieferungen in die Ukraine. Sie ist in dem Land geboren, kam mit fast sieben Jahren nach Deutschland. Jede Fahrt in ihre alte Heimat ist eine Herausforderung - nervlich wie logistisch. Doch sie sagt: „Wie könnte ich anders handeln?“

Von Anastasiya Polubotko



Mittwoch, 18.30 Uhr, Köln

Scheiße, bin ich sauer.

Wir bereiten gerade eine Hilfslieferung für die Ukraine vor. Drei Mal waren wir schon dort, haben Lebensmittel, Hygieneartikel, Medizin und Textilien gebracht.

Wir, das sind derzeit elf Menschen, die vor dem Krieg schon befreundet waren oder sich erst nach dem dem Kriegsausbruch am 24. Februar kennengelernt haben und helfen wollen. Im „wahren Leben“ sind wir Journalistinnen, Berater, Elektriker und Studierende. Alle keine Transport- oder Logistik-Profis, aber wir lernen dazu. Und sind jetzt in einem gemeinnützigen Verein organisiert.

Diesmal haben wir von den Geldspenden online bei einem Supermarkt eingekauft. Ab 50 Euro geht das kostenlos, und es spart Zeit. Konserven, Getreideprodukte, Gläser, was sich halt hält und 1.500 Kilometer Fahrt übersteht. Wir lagern das Zeug in unseren Wohnungen, eine andere Möglichkeit haben wir gerade leider nicht. Aber das passt schon.

Jetzt ist der Lieferwagen da – und mit ihm, wie mitbestellt, ein Platzregen. Schlecht für die vielen Papiertüten, in denen alles geliefert wurde. Ich trage gerade zwei davon in den Hausflur, als ich höre, wie jemand hupt, dann brüllt.

„Für arme Deutsche macht ihr sowas nicht“, schreit er. Christian, ein Freund, der uns beim Hochtragen hilft, erzählt mir später: Der mittelalte, blonde Mann im Porsche SUV kam nicht am Lieferwagen vorbei. Christian wollte ihm erklären, dass die Bestellung für die Ukraine ist und wir gleich fertig sind. „Dafür hab' ich erst recht kein Verständnis“, blökte der SUV-Fahrer.

Kürzlich hat mir jemand online geschrieben, warum wir denn nicht für Afrika sammeln und dass „wir Heuchler“ doch Putin übergeben werden müssten. Ich habe es nicht ausgehalten, diesem offensichtlichen Troll, natürlich ohne Klarnamen, nicht zu antworten. Es macht mich wütend, dass ich die Zeit und Kraft aufwenden muss, um mich zu rechtfertigen.

Warum tue ich das? Warum habe ich das Gefühl, dass ich das muss?

Meine Wohnung als Lagerhalle, wenige Tage vor der Abfahrt.



Donnerstag, 19 Uhr, Köln

Unsere Fahrzeuge sind da – zwei Transporter plus Anhänger. Darin sitzen Anton und sein Mitarbeiter Wolfgang. Anton ist ein Spediteur aus Bayern, wir haben uns bei Ebay Kleinanzeigen kennengelernt.

Ich suche auch dort nach Spenden und schreibe seitdem sehr oft mit vielen fremden Menschen. Manchmal bringen sie Spenden vorbei, manchmal holen wir sie bei ihnen ab. Ab und zu stänkern Trolle, es hält sich aber zum Glück noch in Grenzen.

Volle Ladung: „Unsere“ zwei Transporter mit Anhänger.

Wir laden alles ein, und viel mehr können wir gar nicht mitnehmen, weil wir vermutlich schon jetzt das zulässige Gewicht überschreiten.

Ich gehe ins Bett mit dem befreienden Gefühl, wieder mehr Platz in meiner Wohnung zu haben. Und, so naiv es vielleicht auch klingt: wieder einen Schritt vorangekommen zu sein, etwas Gutes getan zu haben.

Ich wurde in der Ukraine geboren, aber ich würde nicht sagen, dass ich mich dem Land wahnsinnig verbunden fühle. Den Großteil meines Lebens (mehr als 20 Jahre) habe ich in NRW verbracht, bin vom Ruhrpott ins Rheinland gezogen und habe das Gefühl, hier etwas Heimat gefunden zu haben. Das liegt weniger an Stadt oder Region als daran, dass ich einige sehr tolle Leute Freunde nennen darf, die von hier aus gut erreichbar sind.

So ähnlich verhält es sich mit der Ukraine: Ich kenne das Land kaum, bin als Kind nur ganz selten aus der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, herausgekommen. Aber dort leben eine Oma, ein Onkel, eine Patentante und eine gute Freundin – und denen fühle ich mich verbunden.

Was mich beeindruckt: Die Freundin organisiert Hilfen für Binnengeflüchtete und hat mich Ende März gebeten, ihr von hier aus zu helfen. Keine Woche später haben wir die erste Ladung hinter die ukrainische Grenze gefahren.

Es ist unheimlich stressig und hart – aber wie könnte ich anders handeln?

Wir sammeln alle Spenden selbst, heben sie bei uns auf und bringen sie selbst in die Ukraine. Wie oft hat man im Leben die Möglichkeit, so konkret und so aktiv helfen zu können und direkt zu wissen, wo die eigene Arbeit reinfließt? Wie oft kann man mit ein bisschen Mühe Menschen im Krieg beim Überleben helfen?

Es wäre grausam, nicht weiterzumachen – auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, daran kaputt zu gehen.

Spediteur Anton aus Bayern (r.) beim Beladen eines Anhängers.

Aber ich sitze im Warmen, habe ein Dach über dem Kopf, ein Einkommen, gute Freunde in meiner Nähe – und keinen Grund, Angst zu haben, diese durch eine Bombe zu verlieren. Ich sollte mich nicht beklagen.

Bei diesen Gedanken im Bett bekomme ich immer mehr Bauchschmerzen, wie die Fahrt dieses Mal verlaufen wird: Wie oft stehen wir im Stau? Können wir den Zeitplan einhalten? Wie wird die Grenzüberfahrt diesmal verlaufen?

Gut, dass wir morgen früh direkt los können. Die Erfahrung zeigt: So eine Strecke ist unberechenbar und jede Stunde Puffer, die man hat, eine gute Stunde.



Freitag, 8.47 Uhr, Köln

Wir sind endlich auf dem Weg. Ein paar Minuten später als geplant, aber noch ganz gut in der Zeit. Der erste Halt: das Blau-Gelbe Kreuz. Ein ehrenamtlicher Verein, der 2014 nach Beginn des Kriegs in der Ostukraine gegründet wurde und dessen Mitglieder sich stark machen für Geflüchtete und Bedürftige in der Ukraine und jene, die hierher kommen.

Vor solchen Treffen bin ich immer nervös. Zu jemandem zu gehen und zu sagen „Hey, du hast doch auch noch Hilfsgüter für uns?“, das fühlt sich irgendwie nicht gut an. Natürlich ist es nicht „für uns“, wir haben jeden Cent an Spenden genau dokumentiert. Trotzdem gehe ich mit Bauchschmerzen in die Lagerhalle, die sich sehr schnell als unbegründet herausstellen.

Mehrere Kartons mit Textilien, Isomatten, Schlafsäcken und einige Kartons mit Medikamenten und Lebensmitteln bekommen wir mit für die Ukraine. Völlig frei von Misstrauen und irgendwelchen Unterstellungen, denen man gerade im Internet häufiger begegnet.

Ich bedanke mich und bekomme als Antwort ein warmes Lächeln und einen verständnisvollen Blick, der sagt: „Wir setzen uns alle für den gleichen Zweck ein.“ Es tut wahnsinnig gut, sich mit Menschen auszutauschen, die verstehen, was man macht. Auch wenn ich mir nicht anmaßen würde, unsere Arbeit mit dem zu vergleichen, was dieser Verein bisher schon geschafft hat.

Hilfsgüter zum Mitnehmen: Zwischenstop beim Blau-Gelben Kreuz in Köln.

Freitag, 18 Uhr, Großpösna in Sachsen

Wir sind endlich ein bisschen vorangekommen. Nicht schnell genug, nicht weit genug. Die Fahrt mit vollgeladenen Anhängern und Stau an jeder zweiten Ecke kommt mir ewig vor.

Ich habe gestern Abend noch die Bitte aus der Ukraine erhalten, ein paar glutenfreie Produkte mitzubringen. In Schmerynka, der Stadt, für die unsere Hilfsgüter bestimmt sind, ist sowas derzeit nicht zu bekommen. Wir halten an einem großen Supermarkt, kaufen glutenfreie Nudeln, Brot, Snacks und ein paar kalte Getränke für die Fahrt ein und dann passiert etwas wahnsinnig Schönes.

Hilft an der Grenze: ein Schild mit der Information „Humanitäre Hilfe“ auf Polnisch und auf Ukrainisch.

Auf unseren Transportern ist auf Ukrainisch und Polnisch „Humanitäre Hilfe“ zu lesen und eine Ukraine-Flagge aufgeklebt. Wir haben bei unserer ersten Hilfsfahrt gelernt: Die Verständigung an der Grenze ist nicht immer so einfach. Je leichter man zeigen und erklären kann, was man will, desto besser.

Auf diesem Parkplatz in Sachsen kommt plötzlich eine ältere Frau auf uns zu, sie hat das Schild am Auto gesehen. „Toll, was Sie machen“, sagt sie. „Darf ich Ihnen ein Scheinchen zustecken?“ Und drückt mir 20 Euro in die Hand.



Freitag, 21.15 Uhr, knapp hinter der polnischen Grenze

Lautes Gegröle in unserem Auto. Wir singen zu Madonna und Depeche Mode. Laune aufrecht halten, ablenken. An diesem Punkt ist völlig klar, was ich mir heute Morgen noch nicht eingestehen wollte: Wir werden nicht in Polen übernachten können, wir müssen die Nacht durchfahren. Es liegen so viele Staus hinter uns, und der Zeitplan ist leider strikt.

Laut Navigationsgerät sind es noch siebeneinhalb Stunden Fahrt. Real werden es bestimmt elf Stunden sein, schätzt Spediteur Anton. Er muss es wissen: Er ist als seit über zwanzig Jahren im Einsatz.



Samstag, 3.10 Uhr, irgendwo in Polen

Wirklich besser wird die Laune nicht. Die Fahrer versuchen, sich mit aller Kraft wach zu halten, während die anderen schlafen. Und ich sitze dazwischen und fühle mich nutzlos. Seit fast zehn Jahren saß ich nicht mehr am Steuer. Ich fahre mit, um die Organisation zu übernehmen und an der Grenze zu sprechen. Ich bin, wenn auch in der Ukraine geboren, die einzige, die Russisch versteht.

Mit jedem Meter steigt die Nervosität, die Grenze zur Ukraine kommt näher. Wir müssen einigermaßen pünktlich durchkommen, weil unsere Kontakte nicht lange auf uns warten können. Sie müssen bis zur Ausgangssperre wieder zu Hause sein. Wir fahren in der Regel nur einige Kilometer rein, zwei Leute aus Schmerynka kommen uns entgegen.

Bis Schmerynka durch zu fahren, das schaffen wir nicht: Der Weg aus Köln dauert schon an die zwanzig Stunden. Jede Fahrt bedeutet für uns ohnehin schon ein Wochenende und einen Urlaubstag.

Deshalb ist der Zeitplan so strikt: Wir müssen zwischen 12 und 15 Uhr da sein, damit das Treffen funktioniert.



Samstag, 10.18 Uhr, Grenzübergang Korczowa-Krakowez

Wir stehen nun seit einer halben Stunde vor der Grenze und sehen zu, wie unsere Pläne zu scheitern drohen. Am Grenzübergang wurde eine Regelung geändert: Beim letzten Mal kam man als Hilfstransport bevorzugt durch, heute ist dem nicht mehr so. Knapp 50 Autos vor uns habe ich gezählt, als ich daran vorbei gestapft bin, um die Beamten vorne zu fragen, wie das heute abläuft.

Stau an der polnisch-ukrainischen Grenze.

Ich stehe im engen Austausch mit den Ukrainern, die keine 30 Kilometer weiter auf uns warten. Wann wir ankommen? Keine Ahnung.

„Ich schätze mal, so gegen 11 Uhr“, sagt mir ein junger Mann. Es ist nicht der, den ich gefragt habe, sondern ein Kollege, der zu uns gerufen wurde, weil er Englisch spricht. Leider wird er nicht Recht behalten.



Samstag, 15 Uhr, Yavoriv in der Ukraine

Schon fertig. Der wichtigste Teil der Fahrt ist in weniger als einer Stunde erledigt und so unspektakulär wie immer. Schließlich müssen wir uns weiterhin an einen strikten Zeitplan halten und sind nach mehr als 24 Stunden ohne Schlaf im Auto völlig erledigt.

Wir haben uns an der üblichen Tankstelle getroffen, uns gefreut, dass alle noch leben, innerhalb einer knappen halben Stunde, bei strömendem Regen natürlich, alle Hilfsgüter umgeladen und machen uns jetzt auf den Weg zurück.

Kontakt Sascha lädt die Hilfsgüter in ein ukrainisches Fahrzeug.

Ob nun die Anspannung vorbei ist? Nicht wirklich. Mehr als fünf Stunden Fahrt haben Sviat und Sascha, unsere Freunde aus Schmerynka, noch vor sich. Mitten durch das Kriegsland.

Autorin Anastasiya Polubotko vor dem jetzt vollbeladenen ukrainischen Lkw.



16.12 Uhr, polnischer Grenzübergang

In einigen Stunden bekomme ich hoffentlich wie immer die Nachricht, dass Sviat und Sascha gut in Schmerynka angekommen sind. Dann suchen wir uns in Polen einen Schlafplatz und können wieder ein bisschen Energie tanken.

An der ukrainischen Seite des Grenzübergangs sind wir mittlerweile ohne großen Probleme vorbei. Ein polnischer Grenzbeamte hat unsere Pässe mitgenommen, wir müssen warten.

Plötzlich höre ich einen lauten Knall. Nur wenige Zentimeter von meinem Ohr weg hat jemand mit voller Kraft gegen unseren Transporter geschlagen, reißt dann die Tür auf: „Was fällt euch ein?“ Es ist der Grenzbeamte, der uns unsere Pässe wiederbringen sollte.

Was passiert ist: Wir wissen, wie viele Kilometer Schlange hinter uns sind, fahren hinter dem Fahrzeug vor uns einen Meter vor, während der Grenzbeamte in seinem Häuschen unsere Pässe checkt. Das hat dem Mann in Uniform wohl nicht gefallen. Das sei seine Kontrolle hier, brüllt er ins Auto.

Ich versuche, mich kleinlaut zu erklären. Und sinke in mich zusammen. Hätten wir besser machen können, ja. Aber an der Grenze so behandelt zu werden – das passiert mir zum ersten Mal. Ein ekliges Gefühl.

Geschafft: ein Teil des Teams nach dem Verladen der Hilfsgüter.



Montag, gegen 3 Uhr, Köln

Sviat und Sascha aus der Ukraine sind am Samstagabend gut heimgekommen und haben am Sonntag die Hilfsgüter sortiert und angefangen, sie auszuteilen.

Auch wir sind in der Nacht von Sonntag auf Montag heimgekehrt. Wohlauf, etwas stolz, aber auch und vor allem extrem erschöpft. Und doch ist klar: Nach der Fahrt ist vor der Fahrt. Jetzt werden wieder Spenden gesammelt.



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