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WDR

Autorin: Anastasiya Polubotko
Redaktion:
Julia Linn, Sarah Sanner
Fotos: privat
Videos: privat

Bildrechte: privat, WDR

Wir helfen Menschen im Krieg

Olga Partserniak (28) und Sviatoslav Nikolaichuk (40) leben mit ihrer 6-jährigen Tochter in Schmerynka, in der Westukraine. Im Krieg beschließen sie: Sie helfen Menschen, die Grausames gesehen haben und Schutz suchen. Bis es passiert: Eine Rakete nur wenige hundert Meter entfernt. Ihr Wille zu helfen bleibt ungebrochen.

Protokoll: Anastasiya Polubotko



Explosionen: Derart nah und doch so unerwartet

„Olga: Es war um acht Uhr morgens, da haben wir noch geschlafen. Wir wurden wach von einem sehr lauten und sehr spezifischen Geräusch. Wir sind sofort aufgestanden, haben uns im Flur versteckt. Zwei Explosionen gab es. Wir haben etwas im Flur gesessen und uns dann auf den Weg gemacht, um zu schauen, was passiert ist.

Wir sind ins Feld gefahren und haben gesehen, was wo brennt und wie nah das eigentlich ist. Wir haben abgewartet, bis die Sirenen aufhören und sind dann heimgekehrt. Das glaubt man irgendwie nicht. Es war ja zu erwarten – aber wir hätten nicht gedacht, dass es derart nah passiert und doch so unerwartet und so erschreckend.

Bei manchen ist der Krieg im eigenen Garten

Sviatoslav: Seit Kriegsbeginn, das sagen zumindest die offiziellen Zahlen, sind schon mehr als sechs Millionen Menschen vor dem Krieg geflohen. Manche direkt aus dem Land, manche aber innerhalb der Ukraine an Orte, wo es kein oder weniger aktives Kriegsgeschehen gibt.

Olga und ich hatten das Gefühl: Jede Bürgerin und jeder Bürger sollte etwas dafür tun, dem Land zu helfen. Wir haben uns entschieden, Menschen zu versorgen, die hierhergekommen sind, vor dem aktiven Kriegsgeschehen geflohen. Krieg ist im ganzen Land, aber bei manchen passiert es praktisch im eigenen Garten. 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche.

Olga: Ungefähr eine Woche nach Beginn des Kriegs kamen wir zu dem Schluss, dass wir helfen müssen. Deshalb habe ich allen Freunden geschrieben:

Wenn ihr helfen wollt: Die Situation sieht so aus, dass wir viele Geflüchtete und Reisende haben. Menschen, die unter dem Krieg gelitten haben. Auch Einheimische, die deshalb ohne Einkommen geblieben sind, weil sie ihre Jobs verloren haben.

Meine Hauptaufgabe hört an der Landesgrenze zur Ukraine auf: Briefe schreiben, Menschen kontaktieren, anrufen, erzählen, was benötigt wird. Sobald dann diese Hilfsgüter die ukrainische Grenze passieren, übernimmt mein Mann.

Vollgepackter Transporter mit Hilfsgütern aus Polen, die in die ukrainische Stadt Schmerynka gebracht wurden.

Wir helfen Menschen im Krieg - wenn die Regierung es nicht schafft

Sviatoslav: Das, was ankommt, nehmen wir neben der ukrainischen Grenze entgegen. Auch das nimmt Zeit und Ressourcen in Anspruch, weil wir nonstop zum Beispiel nach großen Autos suchen, die wir dafür nutzen können. Wir haben bisher schon acht große Transporterladungen - alles 7,5 Tonner - erhalten.

Es gibt aber auch echt viel Hilfe. Der eine kommt, um beim Ausladen zu helfen. Der nächste, um Tüten zu packen. Die nächste Person stellt uns den Wagen oder die Tankfüllung zur Verfügung oder die Lagerhalle. Wir können da alles unterbringen, sortieren, dort Tüten zusammenstellen, die wir dann an die Menschen verteilen, die dringend Hilfe benötigen.

Die Leute hier in der Ukraine helfen weniger dem Land oder der Politik als Menschen auf der Flucht und Menschen im Krieg. Dann, wenn wir sehen, dass die Regierung das nicht schafft. Das kommt leider häufiger vor. Dann arbeiten Menschen zusammen, viele werden zu Ehrenamtlichen, jeder auf seinem Gebiet.

Knapp 100 volle Tüten mit dringend benötigten Produkten wie Lebensmitteln, Toilettenpapier und Seife.

Wenn alle weggingen: Wen gäbe es dann noch zu beschützen?

Olga: Wenn man sich mit etwas beschäftigt, ist es auch leichter, die Aufmerksamkeit darauf zu richten. Das ist die eine Sache, zuhause zu sitzen und zu denken: ‚Oh je, ich sitze im Krieg, neben meinem Haus gab es eine Explosion‘ - das ist hart. Es ist aber was anderes, wenn man weiß: Da sind noch 200 Familien, die nichts zu essen haben und die können wir aber versorgen. Dann reißen wir uns zusammen und beschäftigen uns damit.

Manche gehen ins Ausland, um sich und ihre Kinder zu schützen, manche versuchen, aus dem Ausland zu helfen, andere helfen hier. Wenn alle weggingen: Wen gäbe es dann noch zu beschützen?

Sviatoslav: Wenn wir eine Ladung bekommen, stellen wir eine Anzeige auf unsere Social Media-Seiten und dann rufen Menschen an und vereinbaren eine Zeit, in der sie vorbeikommen. Das können dann auch 100 Familien am Tag sein. Da geht es vor allem um Lebensmittel, für Kleidung und Hygieneprodukte kommen die Leute jeden Tag. Geld, um sich die Sachen selbst zu kaufen, haben viele nicht.

Olgas Facebook-Titelbild: Sie weist darauf hin, dass die Familie humanitäre Hilfe für Geflüchtete anbietet.

Sviatoslav: Heute waren schon zwei Familien da. Eine, die geflohen ist, und eine Großfamilie von hier. Da leben 14 Menschen in einem Haus, mehrere Generationen. Die erwachsenen Männer haben in einer Fabrik in der Stadt gearbeitet, die hat aber wegen des Kriegs zugemacht. Dementsprechend ist das für sie ziemlich schwierig. Die haben wenigstens einen Haushalt und einen Garten, wo sie Gemüse anbauen und sie haben auch Hühner. Aber Geld für Kleidung für die kleinen Kinder haben sie nicht. Oder Windeln – davon haben sie heute welche genommen.



Ein Teil des Lagerraums, den Olga und Sviatoslav nutzen können, um die Hilfsgüter auszupacken, zu sortieren und auszuteilen.

Uns finden die Leute, die Gott geschickt hat

Sviatoslav: Bis heute haben wir mit unserer Arbeit Menschen in fünf Orten erreicht. Je mehr Leuten wir helfen, desto mehr kommen dann auch wieder auf uns zu. Wir sagen gern: Uns finden die Leute, die Gott geschickt hat. Man muss aber auch sagen: Die Mundpropaganda läuft. Es gibt immer mehr und mehr Menschen, die aus uns zukommen. Die Leute rufen quasi den ganzen Tag an. Sie rufen an, wenn sie irgendwo gehört haben, was wir tun: ‚Wir haben gehört, ihr verteilt Hilfsgüter.‘

Die meiste Zeit investieren wir so, dass wir direkt die Dörfer abfahren und den Leuten Sachen bringen. Wir haben den Eindruck, dass in größeren Städten und auch in Schmerynka direkt die Möglichkeit für Geflüchtete, Hilfen zu bekommen, größer ist. Weil es hier einfach mehr Ehrenamtliche gibt. Aber in Dörfern, vor allem in denen, die etwas weiter weg sind, da kommt quasi nichts an.

Wenn sie nicht in der Lagerhalle sind, fahren sie selbst Familien in den Dörfern rund um Schmerynka ab.

Olga: Mein Mann ist da auch sehr strukturiert und merkt sich Fakten und sortiert gedanklich alles. Und ich bin aber eher so, dass ich die emotionale Färbung von Geschichten sehr stark wahrnehme und mir merke. Und das ist in der Situation schon schwierig.

Ich hab Angst, mir vorzustellen, was diese Menschen erlebt haben, erleben und wie sie damit klarkommen. Der Mensch, der das nicht selbst erlebt hat, wird das nie ganz verstehen. Irgendeinen Teil schon, aber bis zum Ende können auch wir hier vor Ort das nicht nachvollziehen und nachfühlen.

Sieben Tage Horrorszenarien

Olga: Wir haben auch ein Rentnerpaar kennengelernt. Die kommen aus einem Dorf neben dem Flughafen Gostomel (Anm. der Redaktion: auch Flughafen Kiew-Hostomel genannt). Und der Herr hat mir erzählt, wie die beiden eine Woche lang bei sich im Keller abgewartet haben. Wie da Soldaten durchs Dorf gelaufen sind, Menschen geprügelt haben, irgendwas ist ihrer Nachbarin angetan worden.

Jedenfalls: Als eine Rakete das Nachbarhaus getroffen hat, haben die beiden beschlossen, zu flüchten. Sie haben bis zur letzten Minute gehofft, dass sie das nicht müssen. Er hat nicht erzählt, wie genau sie hergekommen sind. Aber sie waren sieben Tage da im Keller, haben diese Horrorszenarien gesehen und gehört, wie der Flughafen zerbombt wurde und durch irgendeine Fügung ist es ihnen gelungen, von dort zu entkommen.

Eine andere Familie, die hierhergekommen ist: Die haben gerade erst ihr Haus fertig gebaut. Haben alles, was sie hatten, da rein investiert. Die Leute waren nicht arm. Aber dieses Haus ist bis zum letzten Stein abgebrannt, wir haben Fotos gesehen. Da ist nichts von übrig geblieben, da kann man nichts wiederherstellen. Und das Auto, mit dem sie gekommen sind, ist alles, was ihnen geblieben ist.

Das Zuhause ist abgebrannt, Job und Geld sind weg

Sviatoslav: Viele Menschen, die hierhin kommen, waren nicht unbedingt arme Menschen. Die Leute aus den Vororten von Kyjiw waren oft wohlhabend. Die kommen dann her in einem Mercedes, aber haben sonst nichts. Das Zuhause ist abgebrannt, der Job ist weg, das Geld damit quasi auch. Dann wohnen sie hier in einfachen Hütten, ohne Duschen. Sie versuchen, hier etwas anzupflanzen, aber das dauert natürlich.

Olga: Ganz viele Leute konnten mit Zügen evakuiert werden. Und diese Züge - da wurden auch Leute reingestopft wie in die Konservendose. Sehr sehr eng. Eine nächste Chance gibt es vielleicht nicht mehr. In allen Gängen, auf den oberen Schubladen, wo eigentlich Koffer draufkommen, sind auch Leute.

Und das passiert ja alles mit Kleinkindern, mit Hunden und Katzen. Die Leute retten nur das Wertvollste. Und das ist dann nicht der teure Mantel, sondern ein bisschen was zum Umziehen für das Kind und die Tiertransportbox. Da passt das Wertvollste halt irgendwie in den kleinen Rucksack.

Viele Menschen kommen nur mit einem kleinen Rucksack. Neben Lebensmitteln und Hygieneprodukten bekommen sie von Olha und Sviatoslav auch Kleidung und Schuhe.

Wir rechnen mit dem Schlimmsten, aber hoffen das Beste

Sviatoslav: Gerade nimmt diese Arbeit einen Großteil unseres Lebens ein, so ist es. Aber wir rechnen damit, dass der Krieg nicht unendlich dauert, irgendwann hört das auf. Aber gerade muss man diese Periode im Leben halt dieser Arbeit wenden.

Olga: Bis zur Explosion neben uns konnte ich auch tatsächlich relativ ruhig schlafen. Die erste Woche des Kriegs war sehr beängstigend, danach hat man sich irgendwie dran gewöhnt. Das ging schon. Nach der Explosion neben uns … Gestern wollte ich nicht wirklich einschlafen, weil ich dachte: Da muss noch ein Luftalarm kommen und den muss ich abwarten. Irgendwann bin ich eingeschlafen in dem Gedanken: Ich muss so früh wie möglich aufstehen. Ich möchte nicht wieder von diesem Geräuschen geweckt werden.

Das passiert gerade öfter, dass ich aufwache, mich frage: Ist alles okay? Gibt es wieder Luftalarm? Und wenn nicht, schlafe ich manchmal wieder ein. Aber ich denke, das geht auch vorbei. Der Mensch kann sich an alles irgendwie gewöhnen. Plus: Ich glaube fest daran, dass alles irgendwann bald mal vorbei geht.

Wir rechnen schon mit dem Schlimmsten, aber hoffen das Beste.“

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