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WDR

Konzept, Text, Produktion: Jörn Seidel
Animationen: Han Lay
Recherche: Merle Göddertz
Redaktion: Axel Klauwer, Raimund Groß, Jeanette Erfurth

Bildrechte: ddp/Geisler/Christoph Hardt, WDR, Michael Lang, LfU RLP, dpa/ Philipp von Ditfurth, WDR/Google Earth, Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord, WDR / picture alliance / Geisler-Fotopress, WDR/Michael Lang, DWD







Ahrtal unter Wasser

Chronik einer Katastrophe

Beim Jahrhundert-Hochwasser 2021 in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen starben allein an der Ahr mindestens 133 Menschen. Wie konnte es dazu kommen? Eine Rekonstruktion der Flut-Ereignisse im Ahrtal am Mittwoch und Donnerstag, 14. und 15. Juli, anhand von Pegelständen, behördlichen Warnungen und Erlebnissen des Gastronomen Michael Lang. Er bekam die Katastrophe am eigenen Leib zu spüren und dokumentierte sie in Videos.

Von Jörn Seidel, Han Lay (Animationen) und Merle Göddertz (Recherche)

Vor der Flut

Die Tische sind dekoriert, der Wein steht bereit. Für die Eröffnung seiner Ahr-Vinothek hat Michael Lang so gut wie alles vorbereitet. Das Haus im kleinen Marienthal mit Garten und Terrasse direkt an der Ahr hat der Gastronom erst vor neun Monaten gekauft. Im Obergeschoss ist seine Wohnung. Im Erdgeschoss hat er ein halbes Jahr lang renoviert. Zwei Wochen noch, dann sollen die ersten Gäste kommen.

Doch dann beginnt es zu regnen. Und das Wasser der Ahr beginnt zu steigen.

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Überschwemmte Gebiete an der Ahr. Datenbasis: Satellitenbilder und Berechnungen des Karlsruher Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology.

Mittwochvormittag und früher Nachmittag

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Am Morgen des 14. Juli 2021 warnt der Deutsche Wetterdienst (DWD) erneut vor "extremem Unwetter" mit Dauerregen und Starkregen in weiten Teilen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Schon am Montag warnte die Behörde vor Überflutungen – und informierte die Hochwasserzentralen der Länder.

Screenshot eines DWD-Videos mit Unwetterwarnungen, Stand: Mittwoch, 10.52 Uhr.

11.17 Uhr: Das Landesumweltamt Rheinland-Pfalz ruft für das Einzugsgebiet an der Ahr die zweithöchste Warnstufe aus: rot, "hohe Hochwassergefährdung". Über die Katwarn-App warnt es die Bevölkerung und andere Behörden vor "schnell ansteigenden Wasserständen".

14.30 Uhr: Der Wasserstand am Pegel Altenahr ist bereits auf 1,38 Meter angestiegen. Normalerweise liegt er deutlich unter einem Meter.

14.34 Uhr: Die Kreisverwaltung Ahrweiler warnt die Bevölkerung über die Katwarn-App, es sei "örtlich mit Überschwemmungen zu rechnen". Man solle "bei Überschwemmungsgefahr nicht in Keller und Tiefgaragen" gehen.

15.26 Uhr: Das Landesumweltamt prognostiziert, dass bei diesem Hochwasser ein bedrohlicher Höchststand erreicht werden könnte: 5,19 Meter am Pegel Altenahr. Der höchste Stand in den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde dort 2016 mit 3,71 Metern gemessen.

Der Ton kann über das Lautsprecher-Symbol in der Navigationsleiste wieder deaktiviert werden.

Mittwochnachmittag

Etwa 16.00 Uhr: Michael Lang steht mit Regenschirm im Garten seiner Ahr-Vinothek in Marienthal. Ende Juli will er das Weinlokal eröffnen. Der Dauerregen lässt die Ahr stark ansteigen. Der Gastronom hat eine schlimme Vorahnung.

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Mittwochnachmittag

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17.17 Uhr: Das Landesumweltamt ruft über die Katwarn-App die höchste Warnstufe aus: violett.

An der Ahr und ihren Zuflüssen ist die Hochwassergefahr sehr groß. Innerhalb der nächsten 24 Stunden ist mit Sturzfluten und Überflutungen zu rechnen.
Karte des Landesumweltamts: Höchste Hochwasser-Warnstufe (violett) für das Gebiet der Ahr.

17.40 Uhr: Die Kreisverwaltung Ahrweiler ruft die zweithöchste Alarmstufe aus, obwohl die Hochwasser-Warnstufe des Landesumweltamtes da schon die höchste ist. In einer Pressemitteilung des Kreises heißt es:

Die technische Einsatzleitung (Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, DRK, Polizei und Verwaltungskräfte der Kreisverwaltung) unterstützt den Brand- und Katastrophenschutz-Inspekteur des Kreises, Michael Zimmermann, der um 17:40 Uhr die überörtliche Einsatzleitung übernommen hat, da Alarmstufe 4 ausgerufen wurde.

Damit hat sich nun auch der sogenannte Krisenstab gebildet. Er konferiert im Gebäude der Kreisverwaltung in Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Mittwoch, früher Abend

Etwa 18.00 Uhr: Michael Lang meldet sich erneut aus dem Garten seiner Ahr-Vinothek in Marienthal. Mittlerweile besorgt ihn das Hochwasser sehr.



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Mittwoch, früher Abend

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18.25 Uhr: Das Landesumweltamt senkt seine Pegelstand-Prognose auf vier Meter, gibt allerdings keine Entwarnung. Vorausgegangen ist eine reduzierte Regenprognose des Deutschen Wetterdienstes.

Später wird sich Jürgen Pföhler (CDU), Landrat des Kreises Ahrweiler, auf die gesunkene Pegel-Prognose berufen, um zu erklären, warum der Kreis erst spät weitreichende Maßnahmen ergriffen hat.

Kurz nach 19.00 Uhr: Landrat Pföhler und der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) treffen in der Einsatzzentrale des Krisenstabs ein.

Minister Lewentz (links), Katastrophenschutz-Inspekteur Zimmermann (2. v. l.), Landrat Pföhler (rechts)

Gegen 19.30 Uhr: Innenminister Lewentz verlässt die Einsatzzentrale. Später wird er sagen: Er habe bei seinem Besuch den Eindruck gehabt, dass im Krisenstab "ruhig und konzentriert" gearbeitet werde.

19.30 Uhr: Der Pegelstand in Altenahr hat den Höchststand von 2016 nun tatsächlich übertroffen.

19.57 Uhr: Das Landesumweltamt hebt seine Pegelstand-Prognose wieder deutlich an: auf 5,30 Meter.

Mittwochabend

Etwa 20.00 Uhr. Michael Lang steht im Garten der Ahr-Vinothek mittlerweile tief im Wasser.



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Mittwochabend

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20.43 Uhr: Das Landesumweltamt erhöht seine Pegelstand-Prognose auf 6,81 Meter.

20.45 Uhr: Der Pegel in Altenahr zeigt bereits einen Wasserstand von 5,75 Metern an. Es ist das letzte Mal bei diesem Hochwasser, dass für Altenahr ein genauer Wert vorliegt. Danach fällt offenbar zunächst der Strom aus. Die Messstation liefert keine Daten mehr. Später zeigt sich: Die Pegellatte ist irgendwann zusammen mit dem kleinen Häuschen, an dem sie angebracht war, von den Wassermassen abgerissen und weggeschwemmt worden.

Altenahr: Reste der Pegellatte und Messstation nach dem Hochwasser.

20.56 Uhr: Die Kreisverwaltung Ahrweiler schreibt bei Twitter, dass mit weiteren "Sturzfluten und Überflutungen" zu rechnen ist. Als "aktuellen Pegelstand" in Altenahr nennt sie 5,09 Meter – mehr als einen halben Meter unter dem jüngsten Messwert.

Mittwochabend

Etwa 21.20 Uhr. Michael Lang nimmt ein letztes Video in Marienthal auf. Dann flüchtet er vor der Flut.



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Mittwoch, später Abend

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Etwa 22.00 Uhr: Der Krisenstab in Bad Neuenahr-Ahrweiler bemerkt mutmaßlich erst jetzt, dass sich der Pegel in Altenahr nicht mehr verändert.

23.09 Uhr: Der Kreis Ahrweiler löst die höchste Warnstufe und damit den Katastrophenalarm aus. Über die Katwarn-App ruft der Kreis zur Teil-Evakuierung auf:

Aufgrund der starken Regenereignisse sollen die Bewohnerinnen und Bewohner der Städte Bad Neuenahr-Ahrweiler, Sinzig und Bad Bodendorf, die 50 m rechts und 50 m links von der Ahr wohnen, ihre Wohnungen verlassen.

Der Aufruf reicht bei Weitem nicht aus. Auch in anderen Orten gibt es große Überschwemmungen. Wie Satellitenbilder später zeigen, werden sogar Häuser im Umkreis von 250 Metern überflutet.

In Dernau zum Beispiel sind weite Teile der Ortschaft überschwemmt (Bild von Donnerstag).

Mittwoch, später Abend

Etwa 23.15 Uhr: Michael Lang hat das Haus in Marienthal verlassen und ist nun vier Kilometer flussabwärts in Bad Neuenahr-Ahrweiler angekommen. Dort betreibt er eine Weinhandlung mit Ausschank. In der Altstadt dreht Lang ein letztes Video an diesem Mittwoch. Von den Warnungen der Kreisverwaltung, die ihren Sitz gleich um die Ecke hat, oder von einem Sirenenalarm bekommt er an diesem Tag nichts mit, wie er dem WDR später sagt.



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Donnerstag, nachts und früher Morgen

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0.22 Uhr: Vielerorts im Ahrtal hat es längst aufgehört zu regnen. Der Deutsche Wetterdienst warnt jedoch schon wieder vor starken Regenfällen.

Im Ahrtal herrscht mittlerweile Chaos. Überall, wo es möglich ist, versuchen Einsatzkräfte, Menschen vor der Flut zu retten. Seit der Katastrophenfall ausgerufen wurde, helfen auch Bundeswehr und Bundespolizei mit. Nicht wenige Menschen verbringen die Nacht auf dem Dach.

In der Nacht liegt der Wasserstand in Altenahr nach Schätzungen des Landesumweltamtes über 7,00 Metern. Auch fast zwei Monate später kann das Amt noch keine genaueren Angaben machen. "Waren es acht oder neun Meter? Es kann keiner sagen", so ein Sprecher der Behörde. In die Berechnung bezieht das Amt auch Hinweise aus der Bevölkerung und Abflussdaten aus anderen Messstationen mit ein.

Donnerstag, früher Morgen

Etwa 6.00 Uhr: Michael Lang steht am Marktplatz Ahrweiler. Noch immer ist alles überflutet - also nicht nur sein Haus in Marienthal, sondern auch sein Ladenlokal.



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Donnerstagmorgen

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6.39 Uhr: Der Kreis Ahrweiler verschickt über die Katwarn-App eine weitere Hochwasser-Warnung. Darin ist von einer Trinkwasserknappheit die Rede:

In der Ortslage Bad Bodendorf kommt es derzeit durch die extreme Hochwasserlage zu massiven Einschränkungen in der Trinkwasserversorgung. Die Bevölkerung wird aufgefordert, mit dem Trinkwasser äußerst sparsam umzugehen.

Bei Tageslicht werden die immensen Überflutungen im Ahrtal deutlich sichtbarer. Das Einsatzgebiet erstreckt sich über 40 Kilometer links und rechts der Ahr.

Donnerstagmorgen

Etwa 8.00 Uhr: Von einem Weinhang in Marienthal blickt Michael Lang auf sein Haus herab, das wie eine Insel in der Ahr liegt. Er sorgt sich um seine Nachbarn.

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Donnerstag, morgens bis abends

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10.27 Uhr: Die Kreisverwaltung Ahrweiler teilt bei Twitter mit, dass sie derzeit von rund 1.300 Vermissten ausgehe. Etwa 3.500 Menschen seien in Betreuungseinrichtungen untergebracht.

Am Vormittag gibt es eine Pressekonferenz mit Landrat Pföhler, Innenminister Lewentz und anderen. Dabei stellt Pföhler fest:

Dieses Hochwasser ist die größte Katastrophe im Kreis Ahrweiler seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Tage danach

Freitag: Noch einmal ist Michael Lang zum Weinhang in Marienthal zurückgekehrt. Von dort erblickt er nun das volle Ausmaß der Verwüstung. Nicht nur die Ahr-Vinothek wurde vom Hochwasser zerstört, sondern auch seine Wohnung im Obergeschoss.

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Samstag: Blick über Marienthal. Zerstörte Häuser, Schlamm und Schutt. So sieht es nun in vielen Orten im Ahrtal aus. Während die Suche nach Vermissten weitergeht, haben die Aufräumarbeiten bereits begonnen.

Rund zwei Monate später

Mittwoch, 8. September: Im Ahrtal werden nach der Hochwasser-Katastrophe immer noch drei Menschen vermisst. 133 Menschen sind durch die Flut im Ahrtal gestorben.

In der Gemeinde Blankenheim im NRW-Kreis Euskirchen kam direkt an der Ahr niemand ums Leben. In ganz NRW gibt es 49 Todesopfer der Hochwasser-Katastrophe.

Inzwischen ist klar, dass im Einzugsgebiet der Ahr allein am Mittwoch, 14. Juli, mehr Regen gefallen ist als sonst im ganzen Monat. Das zeigt eine Auswertung des Deutschen Wetterdienstes.

Ich bin damit einverstanden, dass mir Diagramme von Datawrapper angezeigt werden.

Hat der Kreis Ahrweiler die Menschen nicht ausreichend vor dem Hochwasser gewarnt? Seit mehreren Wochen ermittelt die Staatsanwaltschaft Koblenz gegen Landrat Pföhler und eine weitere, nicht näher genannte Person aus dem Krisenstab.

Schon Ende August beschloss der rheinland-pfälzische Landtag, eine Enquete-Kommission zur Flut-Katastrophe einzusetzen. Sie soll nicht nur die Ereignisse aufklären, sondern auch Vorschläge unterbreiten, damit sie sich nicht wiederholen.

Am 22. September setzt der rheinland-pfälzische Landtag auf Antrag der CDU-Fraktion einen Untersuchungsausschuss zur Hochwasser-Katastrophe im Ahrtal ein.

Nach der Flut – so geht es für die Menschen weiter

Die meisten Menschen im Ahrtal haben nicht resigniert. Die Aufräumarbeiten dauern an. Mancherorts hat der Wiederaufbau begonnen. Er wird sich wohl noch über Jahre hinziehen.

Auch Michael Lang lässt sich nicht unterkriegen. Seit einigen Wochen wohnt er in einer Laube inmitten eines Weinbergs in Ahrweiler. Obwohl er so vieles verloren hat, sagt er, dass er Glück gehabt habe. "Andere haben es viel schwerer als ich. Die haben Angehörige verloren."

Immer wieder veröffentlicht er bei Instagram und Facebook neue Videos aus seinem Leben und von seinem Haus in Marienthal. Trotz Schutt und Schaden, sagt er, sehe er "nur das Schöne an diesem magischen Ort im Ahrtal". Dass er die Ahr-Vinothek doch noch irgendwann eröffnen wird, "das ist nicht nur Hoffnung, das ist das Ziel".

Dieses Stückchen Erde hat es verdient, wieder zum Leben erweckt zu werden.