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Autoren: Louisa Heerde und Mitja Harrer
Grafiken: Anna Zdrahal und Hanna Manger
Redaktion: Sarah Sanner und Julia Linn

Medien
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Ein Jahr Krise

Wie uns die Inflation verändert

Zuerst Corona, dann der Krieg in der Ukraine - 2022 hatten wir die höchste Inflationsrate seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Im Sommer haben wir einige Menschen gefragt, wo ihnen die Inflation am meisten weh tut. Jetzt wollen wir wissen: Wie haben sie diese Zeit überstanden?

Von Louisa Heerde und Mitja Harrer

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"Die ganze Familie achtet jetzt auf Preise"

"Ich kann mir die Schokolade für meine Kinder nicht mehr leisten", das hat uns Engin Kelik im Sommer letzten Jahres erzählt. Ein Satz, der damals viele berührt hat. Für den Vater wurde der normale Einkauf zunehmend zur Belastung. Mit seinem Gehalt als Metallarbeiter gilt er zwar offiziell nicht als arm, spürt die Preissteigerungen aber deutlich. Noch vor kurzem hat Engin deshalb ein Haushaltsbuch geführt, um die Ausgaben der Familie zu überblicken.

"Seit gut einem halben Jahr tue ich das nicht mehr, weil das für mich ein Horrorszenario ist."

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Stattdessen achtet jetzt die ganze Familie auf die Preise. Das schweißt auch zusammen: Letztes Jahr hat Engin auf den Urlaub verzichtet, diesmal bleiben seine Frau und Töchter daheim, um ihm ein paar Tage Auszeit zu gönnen. "Freizeitpark, Zoo oder Kino - das ist alles weggefallen."

Aber wir haben gelernt, weniger Geld auszugeben und mehr Zeit für uns zu nutzen.

Statt Kino gibt es jetzt Fernsehabende und Spaziergänge mit der ganzen Familie. “Das hat die familiäre Bindung gestärkt”, erzählt Engin. Er versucht positiv zu bleiben in dieser Zeit.

Dennoch hofft der alleinverdienende Vater, dass sich die Lage bald wieder etwas entspannt. Noch deutet sich das allerdings nicht an: Nahrungsmittel waren im Februar 2023 durchschnittlich 21,8 Prozent teurer als im Vorjahresmonat. Zum Vergleich: Zwischen 2001 und 2019 lag die Teuerungsrate durchschnittlich knapp unter 1,5 Prozent.

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Frieren für Hund und Katz: Ein Tierheim rettet sich aus der Energiekrise

Auch das Tierheim Bochum kämpft mit steigenden Kosten. Hier sind es vor allem die Energiepreise, die dem Team zu schaffen machen. Und mit einer alten Ölheizung ist das Sparen schwierig. Die Preise für Heizöl und Pellets schwankten im letzten Jahr stark, bleiben aber auf hohem Niveau.

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Im März 2022 kostete Heizöl teilweise 2,10 Euro - dreimal so viel wie ein Jahr zuvor. Für die Tierheimleiterin Carmen Dechert eine spürbare Belastung: "Wir haben natürlich versucht, dem Ganzen vorzubeugen. Wir heizen nicht mehr volle Pulle in den Räumen, wo wir Menschen sind. Unsere Tiere haben es natürlich trotzdem schön muckelig warm, wo es nötig ist."

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Die schlimmsten Zeiten konnte das Tierheim so gut überstehen. Mittlerweile erholen sich die Heizölpreise - auch wenn sie noch höher als in den Jahren vor 2022 sind. Und auch die letzte Spendenaktion zu Weihnachten lief besser als erwartet. "Da hatten wir schon gedacht: Oh Gott, da wird wahrscheinlich gar nicht viel kommen. Weil: Viele Leute sind gebeutelt. Aber da waren wir überrascht:"

Wir haben viele Futterspenden bekommen - und da waren wir den Leuten äußerst dankbar.

Endlich wieder Lebensmittelspenden im Kühlschrank

Auch das Dortmunder "Gast-Haus" ist auf Spenden für die wohnungslosen Gäste angewiesen. Doch im letzten Sommer blieben die Kühlschränke häufig leer.

Ein halbes Jahr später kann die Geschäftsführerin des Gast-Hauses ein wenig aufatmen: Für die Mahlzeiten, die sie Obdachlosen 365 Tage im Jahr anbietet, ist wieder Joghurt gespendet worden. Noch immer müssen Katrin Lauterborn und ihr Team aber zukaufen, um ihre Gäste zu versorgen - und spüren dort die Auswirkungen der Inflation: "Die Kostenfaktor-Steigerung im Lebensmittelbereich ist unfassbar."

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Trotz aller Schwierigkeiten können sie noch immer jeden Gast versorgen - darauf ist Katrin Lauterborn stolz. Aber eine Entwicklung macht ihr Sorgen: Mehr Menschen aus breiteren Gesellschaftsschichten kommen zu ihr ins Gast-Haus. Wegen finanzieller Nöte suchen sie dort Rechtsbeistand und Sozialberatung, erzählt Katrin Lauterborn:

Gerade die Menschen, die an der Armutsgrenze leben, wissen nicht mehr, wie sie finanziell ihren Alltag stemmen sollen.

"Ich hab einen Nebenjob, um meinen Großeltern etwas wiedergeben zu können!"

Dominik Daverfeld gehört zu der Gruppe, die am stärksten von Armut betroffen ist: junge Erwachsene. Mehr als jeder vierte von ihnen gilt laut Bertelsmann-Stiftung als armutsgefährdet.

Das merkt Dominik täglich, wenn es mit dem Fahrrad oder der Bahn zur Ausbildungsstelle geht. Autos sind seine Leidenschaft, aber weniger als 500 Euro Ausbildungsvergütung im Monat reichen nicht, damit der angehende Karosseriebauer selbst einen Führerschein machen kann, erzählt er uns im Sommer vergangenen Jahres.

Aber Dominik gibt nicht auf: Neben der Arbeit im Ausbildungsbetrieb und der Berufsschule hat er jetzt noch einen Nebenjob angefangen - und kann erste Erfolge beim Thema Führerschein feiern:

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Im nächsten Jahr wird Dominiks Ausbildungsvergütung um 50 Euro erhöht. Damit möchte er die Praxisstunden finanzieren und seine Großeltern etwas entlasten. An ein eigenes Auto ist aber nicht zu denken: "Da sehe ich momentan sehr große Probleme, schon allein bei den Anschaffungskosten. Das sind Mondpreise, was da verlangt wird."

Autokauf und Spritpreise: Wie sich der Markt verändert hat

Wer 2022 einen Neuwagen kaufte, musste 19 Prozent mehr ausgeben als noch fünf Jahre zuvor. Durch den Chipmangel gibt es außerdem Lieferengpässe. Die Folge: Weniger Menschen kaufen Neuwagen - und bieten ihr altes Auto deshalb nicht auf dem Gebrauchtmarkt an. Die Zahl der Besitzumschreibungen hat in den letzten Jahren drastisch abgenommen.

Die Nachfrage bleibt aber hoch - und so sind laut der Deutschen Automobil Treuhand (das Unternehmen ermittelt den Wert von Fahrzeugen) die Gebrauchtwagenpreise im letzten Jahr um 19 Prozent gestiegen. Wer schon ein Auto hat, kann immerhin beim Tanken langsam aufatmen. Nach Einschätzungen des ADAC werden sich die Spritpreise in den nächsten Monaten wieder normalisieren - ein Jahr nach Rekordpreisen: Im März 2022 hat Diesel mit 2,321 Euro und E10 mit 2,203 Euro so viel gekostet wie noch nie zuvor.

Wenn das Geld nicht für den Schulranzen reicht

Familien mit niedrigem Einkommen leiden am meisten unter der Inflation: Sie belasten die Preissteigerungen deutlich stärker als andere. Von ihrem Einkommen muss ein größerer Anteil für Nahrungsmittel und Energiekosten ausgegeben werden - und ausgerechnet das ist gerade teurer. So fällt ihre individuelle Inflationsrate höher aus als beispielsweise die eines Singles mit höherem Einkommen.

Das zeigen auch Auswertungen der Bertelsmann-Stiftung: Die Zahl der Kinder aus Familien, die Bürgergeld beziehen, ist im Juni zum ersten Mal seit fünf Jahren angestiegen.

Wenn dann noch zum Schulstart eine teure Schulausrüstung her muss, bekommen viele Familien das kaum noch gestemmt. Denn schnell kommen da mal 500 Euro und mehr zusammen. Diesen Familien soll das Schulstarterpaket helfen. Zum neuen Schuljahr kriegen berechtigte Kinder 116 Euro, zum Halbjahreszeugnis dann 58 Euro für neue Materialien.

Sebastian Bals von der Stiftung Kinderglück findet: Das reicht nicht - erst recht in Zeiten der Inflation. "Was kann man mit 120 Euro anfangen? Nicht wirklich viel. Das reicht am Ende nur für das Material - Bücher, Hefte, Stifte."

Ein guter Schulranzen ist da nicht drin.

Damit finanziell benachteiligte Kinder trotzdem einen guten Start ins Schulleben haben, schenkt die Stiftung Kinderglück ihnen Schulranzen - ein Projekt, das immer mehr Menschen im Ruhrgebiet in Anspruch nehmen wollen.

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Dass die Kinder nicht wissen, wer ihnen den Tornister geschenkt hat, ist ihm egal. "Ich brauche dafür keine Bestätigung. Weil ich weiß, dass wir hier was richtig tolles und großes schaffen. Dass wir so viele Kinder erreichen, hätte ich nie gedacht - und macht mich umso stolzer."

Schulden: "In der Mitte der Gesellschaft angekommen"

Seit die Inflation und die gestiegenen Energiepreise mehr Kosten verursachen, habe sich auch das Klientel bei der Schuldnerberatung verändert, sagt Katharina Fey. Mittlerweile kämen auch mehr Menschen mit kleinem und mittlerem Einkommen zur Beratung. Das Thema Ver- und Überschuldung sei also in der Mitte der Gesellschaft angekommen - und belaste extrem.

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Auch wenn die Wartezeiten aktuell lang sind: Wer wirklich Hilfe braucht, solle sich nicht schämen und die Angebote der Schuldnerberatungen nutzen, sagt Katharina Fey.

"Wenn dieser erste Schritt gegangen ist, berichten viele unserer Ratsuchenden, dass sie danach erleichtert bei uns rausgegangen sind und noch ein Stück befreiter sind."

Raus aus der Schuldenfalle | wdr.de