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Bildrechte: WDR, Volker Lannert

Wie viel Bio können wir uns leisten?

Der schwierige Spagat zwischen Umweltschutz und Ernährungssicherheit

Die Bundesregierung will den Anteil des Ökolandbaus verdreifachen, doch nicht nur NRW hängt bei den ambitionierten Plänen weit hinterher. In Zeiten steigender Preise stellt sich die Frage: Können wir uns so viel Bio überhaupt leisten, und wie sinnvoll ist das Ganze?

Von Timo Landenberger

Es gibt schnaufende Trecker, glückliche Weidekühe, freilaufende Hühner, Ziegen und Gänse. Der Schauhof von Familie Zens ist auf jeden Fall die Art von Bilderbuch-Bauernhof, die man sich vorstellt. Seit mindestens sieben Generationen ist der Betrieb in Willich bei Düsseldorf in Familienbesitz. Ein Traditionsunternehmen und trotzdem ging es hier nicht immer so idyllisch zu.

„Irgendwann haben wir begonnen, auch mal nach links und rechts zu schauen und angefangen, die alltägliche Arbeit zu hinterfragen“, sagt Hof-Erbe Peter Zens. „Muss Landwirtschaft auf maximale Produktion ausgerichtet sein, koste es, was es wolle?“

Peter und Petra Zens, seit 2019 überzeugte und zertifizierte Bio-Bauern.

2016 hat das Ehepaar angefangen, seinen konventionellen Betrieb auf Bio umzustellen. Drei Jahre hat das gedauert, eine strapaziöse Zeit. Zu den Auflagen gehört auch, Weidefläche für die Kühe bereitzustellen. „Die Tiere kamen mit der Umstellung gar nicht klar, konnten anfangs kein Gras fressen und die Milchleistung ist eingebrochen“, sagt Petra Zens. Außerdem sei es enorm schwer gewesen, einen Abnehmer für das neue Bioprodukt zu finden.

Dennoch: Der Aufwand habe sich gelohnt. Ein Käufer konnte gefunden werden, die Tiere haben sich an das Gras gewöhnt „und es ist einfach schön zu sehen, wie glücklich sie auf der Weide sind“, sagt Petra Zens. „Die Arbeit ist aufwändiger. Aber sie macht auch mehr Spaß.“ Seit 2019 ist der Schauhof offiziell „Bio“, zertifiziert durch das Bioland-Label und damit einer von rund 2000 Öko-Betrieben in NRW. Zu wenig, wenn es nach der Politik geht.

30 Prozent Bio bis 2030

30 Prozent Ökoland-Flächenanteil bis 2030 lautet das erklärte Ziel der Bundesregierung, so steht es im Koalitionsvertrag. Schließlich trage ökologischer Landbau dazu bei, „Ökosysteme und die Artenvielfalt zu erhalten, den Boden zu schützen, das Wasser sauber und die Klimabelastung gering zu halten“, teilt die Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft mit.

Tatsächlich ist die Bio-Landwirtschaft strengen Umweltschutz-Auflagen unterworfen, darunter insbesondere der Verzicht auf Pflanzenschutzmittel und chemischen Dünger. Dadurch können Emissionen reduziert und die Artenvielfalt geschützt werden. Unter Experten und Expertinnen ist das nahezu unumstritten.

Agrarwissenschaftler Thomas Döring hält das Ziel der Bundesregierung für unrealistisch.

Den Ökolandbau auszubauen, sei deshalb nicht nur sinnvoll, sondern angesichts der Klimakrise und des Artensterbens auch unabdingbar, sagt Agrarwissenschaftler Thomas Döring von der Universität Bonn. Das Ziel sei allerdings völlig utopisch. Schließlich lag der Bio-Anteil an der Landwirtschaft 2021 bei gerade einmal 10,9 Prozent, und viel zu wenige Bauern entscheiden sich für eine Umstellung.

NRW fast Schlusslicht

Bei uns im Westen sieht es sogar noch schlechter aus: In NRW lag der Bio-Anteil bei lediglich 6,4 Prozent. Nur Niedersachen schneidet noch schlechter ab. Spitzenreiter unter den Flächenländern ist das Saarland mit 19,4 Prozent.

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Woran liegt das? Die Landesregierung spricht auf Anfrage von „agrarstrukturellen Besonderheiten“. „Nordrhein-Westfalen ist das am dichtesten besiedelte Flächenland Deutschlands mit einer hohen Intensität der Flächennutzung, hoher Flächenkonkurrenz, einem regional hohen Anteil intensiver Tierhaltung und teilweise hohen Pachtpreisen“, so eine Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums (MLV). Je höher die daraus resultierenden Kosten, desto geringer der Bio-Anteil.

Denn: Durch den Verzicht auf Pestizide und chemische Düngemittel ist der Ertrag in der Öko-Landwirtschaft teils deutlich geringer als in der konventionellen. Anders ausgedrückt: Für die gleiche Menge Getreide wird erheblich mehr Fläche benötigt. Außerdem müssten konventionelle Ställe teuer umgebaut werden, um die Bio-Auflagen zu erfüllen.

Das bundesweite Ziel von 30 Prozent will man in NRW deshalb gar nicht erreichen und steckt sich niedrigere Ziele. 20 Prozent Öko-Landwirtschaft strebt das Land an – doch selbst das scheint höchst ambitioniert. Gelingen soll das unter anderem mittels gezielter finanzieller Förderung. So wurden im Rahmen des „NRW-Programms Ländlicher Raum“ im vergangenen Jahr rund 22 Millionen Euro an sogenannten Öko-Flächenprämien ausbezahlt. Ab 2023 soll der Beitrag noch weiter steigen.

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Weniger Gewinn und geringerer Ertrag

Anders wird es wohl auch nicht funktionieren: Dem Fachmagazin agrarheute zufolge, das sich auf Zahlen des Bundeslandwirtschaftsministeriums beruft, verdienten Biobauern über die vergangenen Jahre im Schnitt zwar mehr an einem Kilogramm Weizen oder einem Liter Milch als konventionelle. Bezogen auf die bewirtschaftete Fläche ist es jedoch aufgrund der hohen Ertragsunterschiede genau andersherum.

Auch wenn hier zahlreiche Faktoren eine Rolle spielen und die Unterschiede innerhalb der Öko-Landwirtschaft laut Thünen-Institut sehr groß sind, am Ende kommt für Bio-Bauern oft weniger rum als für konventionelle. Kurzum: Eine Umstellung lohnt sich für die meisten nur wegen der staatlichen Subventionen.

Je mehr Landwirte allerdings umstellen, desto weniger bleibt für jeden einzelnen. Es sei denn, die Fördertöpfe würden kontinuierlich angepasst – und auch auf Bio ausgelegt. Denn das ist noch längst nicht immer so. Beispiel EU: Rund sechs Milliarden Euro an Agrarsubventionen fließen jährlich nach Deutschland. Experten kritisieren, dass davon immer noch viel zu wenig in die Bio-Landwirtschaft investiert werde. Dem Ecologic Institut aus Berlin zufolge zielt die EU-Förderung in Deutschland auf lediglich 14 Prozent Ökolandbau ab, keinesfalls auf 30.

Weizen-Ertrag bei Bio nur die Hälfte

Doch wie sinnvoll wäre eine so deutliche Steigerung des Bioanteils überhaupt? Die Ertragsunterschiede zwischen Bio und konventionell sind teils immens und machen beim wichtigsten Grundnahrungsmittel Weizen im Schnitt mehr als 50 Prozent aus. Bei anderen Produkten sind es durchschnittlich rund 20 Prozent. Bei 30 Prozent Öko-Landbau ließe sich der hohe Selbstversorgungsgrad in Deutschland nicht mehr halten, von einem Beitrag gegen die globale Lebensmittelknappheit ganz zu schweigen.

„Tatsächlich kann die notwendige Kehrtwende nur gelingen, wenn sie mit einer Reduktion der Tierproduktion und der Lebensmittelverschwendung einhergeht“, sagt Agrarexperte Döring. So landen rund 60 Prozent des in Deutschland angebauten Getreides im Futtertrog. Von diesen Flächen müsse ein größerer Teil zur unmittelbaren Nahrungsmittelproduktion genutzt werden. Einfach formuliert: Es muss weniger Fleisch gegessen werden. „Doch das bedeutet große Umwerfungen für das Agrarsystem von der Größenordnung des Kohleausstiegs“, so Döring.

Dabei liegt es laut Rheinischem Landwirtschafts-Verband „im besonderen Maße an den Konsumenten, ihr Haushaltsbudget vorrangig für hochwertige Lebensmittel auszugeben“. Schließlich sind Bio-Produkte im Regelfall deutlich teurer als herkömmliche. Doch nur eine „verlässliche Nachfrage nach ökologisch erzeugten Nahrungsmitteln und nicht das vollmundige Bekunden, dass eine Bereitschaft zum Kauf bestünde“, schaffe das Vertrauen bei den Landwirten, so eine RLV-Sprecherin.

Stärkung der Nachfrage

Deshalb setzt die Landesregierung auch auf eine Stärkung der Nachfrage. So fördert NRW unter anderem künftig fünf Öko-Modellregionen: Die Regionen Niederrhein, Bergisches RheinLand und Kulturland Kreis Höxter sind bereits gestartet, die Regionen Mühlenkreis Minden-Lübbecke und Münsterland nehmen in Kürze ihre Arbeit auf. Das Ziel: mehr regionale Bio-Produkte beim Bäcker oder Metzger, im Handel, in der Gastronomie oder in öffentlichen Kantinen.

Nachdem über die vergangenen Jahre ein zunehmender Bio-Trend zu beobachten war, sorgte die Inflation zuletzt für eine spürbare Zurückhaltung bei den Verbrauchern. Auch zuvor lag der Bio-Anteil am Lebensmittelmarkt nach Angaben des Bundes-Landwirtschaftsministeriums bei unter sieben Prozent. Umfragen zum Konsumverhalten der Verbraucher kommen oft zu einem ganz anderen Ergebnis.

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Lebensmittelpreise in Deutschland zu niedrig?

„Wichtig ist natürlich, dass hier keine zwei-Klassen-Ernährung aufgebaut wird“, sagt Döring. „Öko für die Reichen und konventionell für die Ärmeren.“ Fakt sei aber auch: „Die Lebensmittelpreise in Deutschland sind im internationalen Vergleich relativ niedrig, und wir müssen uns fragen, ob wir insgesamt nicht zu wenig für Nahrungsmittel ausgeben. Denn die Preise spiegeln den gesamtwirtschaftlichen Aufwand nicht wider.“

Gemeint sind vor allem die nachgelagerten Kosten, etwa im Bereich Klima-, Umwelt- und Grundwasserschutz, die durch intensive Landwirtschaft überhaupt erst entstehen. Kosten für die Gesellschaft, die durch ökologischen Landbau von vornherein vermieden würden. Doch ist das wirklich so?

Öko-Landwirtschaft und Klimaschutz

Einige Studien kommen hier zu einem anderen Ergebnis. Wissenschaftler der Universität Göppingen und der Cranfield University in Großbritannien beispielsweise kamen zu dem Schluss, dass die Vorteile des Biolandbaus für Umwelt und Klima dann nicht gelten, wenn die Ertragsunterschiede berücksichtigt würden. Schließlich werde für die gleiche Menge Getreide bei ökologischer Produktion deutlich mehr Fläche benötigt. Fläche, die andernfalls dem Natur- und Umweltschutz dienen könne.

Auch wenn das Feld bereits abgeerntet wurde: Einen Streifen mit Futter-Kräutern lässt Peter Zens für die Artenvielfalt stehen. So haben Insekten und Co. auch im Herbst noch einen Rückzugsort.

Für Thomas Döring ist das zu kurz gedacht. „Man kann die Arten nicht einfach in ein Naturschutzgebiet packen und das Problem ist gelöst. Im Gegenteil: Biodiversität braucht die Landwirtschaft in der Breite. Dort, wo intensiv konventionell bewirtschaftet wird, sterben die Arten einfach aus. Da ist Öko-Landbau die bessere Alternative.“

Bei der Vermeidung von Treibhausgasen hingegen seien die Einwände der Autoren zumindest teilweise berechtigt. Aufgrund der geringeren Produktivität und des höheren Flächenbedarfs werde in der ökologischen Landwirtschaft für denselben Ertrag mehr Energie benötigt und mehr CO2 freigesetzt.

"Konventionelle Landwirtschaft muss nachhaltiger werden" | Gespräch mit Agrarökonom Stephan von Cramon

„Allerdings werden bei den Studien die Emissionen in der Vorkette völlig außer Acht gelassen“, sagt Öko-Bauer Peter Zens. „Unser gesamtes Tierfutter bauen wir selbst an.“ Heu, Mais und Kräuter legen also maximal ein paar hundert Meter vom Feld in den Stall zurück. Auf Sojaschrot basierendes Kraftfutter für die konventionelle Viehhaltung wird hingegen zu großen Teilen importiert und ist oft mehrere Tage auf Schiffen, Zügen oder Lastwagen unterwegs, ebenso importierte Düngemittel und Pestizide.

Öko-Landbau meist widerstandsfähiger

Sein gesamtes Tierfutter baut Peter Zens selbst an. Die Trockenheit der vergangenen Wochen konnte dem Mais wenig anhaben.

Biologische Landwirtschaft gilt als widerstandsfähig. Durch den Verzicht auf chemische Zusätze und die Anwendung entsprechender Anbaumethoden sind die Böden gesünder, können mehr Nährstoffe und insbesondere mehr Wasser aufnehmen und speichern. Das macht die Pflanzen meist resistenter gegen die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels wie Hitze und Trockenheit. Hintergrund ist der höhere Anteil organischer Substanz, sogenannter Humus.

Daneben ist der Boden der wichtigste natürliche Speicher von Treibhausgasen an Land. Diesen zu stärken, ist auch laut den Berichten des Weltklimarats unerlässlich, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens einzuhalten und die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Dabei gilt: je mehr Humus im Boden, desto höher die Speicherkraft.

Regional oder Bio?

Dennoch stellt sich für Verbraucher beim Einkauf häufig die Frage: Sind Bio-Nahrungsmittel immer die richtige Wahl? Besonders Discounter bieten seit einigen Jahren eine immer breitere Öko-Palette. Doch die Produkte kommen aufgrund der geringeren Preise häufig aus dem Ausland, der Transport macht die Klima-Bilanz wieder wett und als Verbraucher fragt man sich: Was denn nun – Bio oder regional?

„Wichtig ist vor allem, dass man saisonal einkauft“, sagt Thomas Döring. Ob dann Bio oder regional im Einzelfall besser sei, hänge von zu vielen Faktoren ab. Aber beim Kauf einer Sommerfrucht im Winter sei die Klimabilanz des Gewächshauses in der Nachbarschaft genauso schlecht wie die des Transports aus Neuseeland.

Was bleibt unterm Strich? Die Landwirtschaft und damit auch unser Konsumverhalten müssen sich ändern, wenn wir der zunehmenden Klimakrise und dem Artensterben etwas entgegensetzen wollen. Darin ist sich die Wissenschaft letztlich einig. Den ökologischen Landbau auszuweiten, kann hier ein Teil der Lösung sein. In einer freien Marktwirtschaft funktioniert das allerdings nur, wenn auch die Nachfrage nach regionalen Bio-Produkten mitwächst und die Verbraucher bereit sind, mehr für unsere Lebensmittel auszugeben. Andernfalls verlagern sich die negativen Klima- und Umwelteffekte einfach ins Ausland.

Fakt ist aber auch: Selbst bei 30 Prozent Bio bleiben mehr als zwei Drittel konventionell und allein mit einem zertifizierten Öko-Anteil kann die Umstellung der Landwirtschaft nicht gelingen. Expertinnen und Experten fordern deshalb: Auch die konventionelle Landwirtschaft muss nachhaltiger werden. Und auch das hat seinen Preis.

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