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WDR

Autor: Jörn Kießler Nachher-Fotos: Jan Knoff
Redaktion: Rainer Kellers, Lea Brockmann, Birgit Becker

Bildrechte: WDR/Jan Knoff, REUTERS/Thilo Schmuelgen, privat/Raphael Dörr, privat/Michael Griese, privat/Merle Hein, privat/Werner Lindener, WDR, privat/Ferdi Dogan, REUTERS/Thilo Schmuelgen/WDR/Jan Knoff, privat/Mike Jabor

Kleine Bäche, die zu reißenden Flüssen wurden. Regenmassen, die Straßen unterspülten und Erdrutsche auslösten. Überschwemmungen, die Wohnungen fluteten und Häuser zum Einsturz brachten.

Vor einem halben Jahr, im Juli 2021, brach die Flutkatastrophe über den Westen herein. An manchen Orten, wie in der Klosterstraße in Erftstadt-Lechenich, überschwemmten die Wassermassen Straßen und fluteten Keller.

Anderenorts jedoch entwickelte das Wasser verheerende Kräfte. Allein in Nordrhein-Westfalen kamen fast 50 Menschen in den Fluten ums Leben. Tausende verloren ihr Heim. Und selbst dort, wo die Überschwemmungen nicht alles augenblicklich zerstörten, richteten sie Schäden an, die noch Monate später nachwirken.

Für viele Betroffene bedeutete das neben dem riesigen finanziellen Schaden, den sie erlitten, vor allem eins: unglaublich viel Arbeit.

Sie machten sich - trotz aller Widrigkeiten - daran, ihr Heim wieder aufzubauen. Wir haben einige von ihnen sechs Monate nach der Katastrophe besucht. Im Vorher/Nachher-Vergleich können Sie sehen, wie weit sie im vergangenen halben Jahr schon gekommen sind.

Endlich wieder schaukeln

Eigentlich ist der Garten von Ferdi Dogan und seiner Lebensgefährtin Susen Dyck in Eschweiler ein wahres Paradies für ihre Kinder. Genug Platz zum Umhertollen, ein Fußballtor, ein Spielturm mit Rutsche und eine Schaukel, die vor allem ihre zweijährige Tochter Alia liebt.

Doch dieses Kinderparadies wird in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 in wenigen Stunden zerstört. Denn die Inde tritt in Rekordzeit über die Ufer und flutet das ganze Wohngebiet. "Das war, also ob eine Badewanne volllaufen würde", erinnert sich Susan Dyck.

Das Ganze geht so schnell, dass Dogan und seiner Frau gerade noch Zeit bleibt, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. "Wir waren gerade dabei zu kochen, als das Wasser unter der Tür durchkam", sagt Dogan. Kurz darauf steht das Wasser im Erdgeschoss auf einer Höhe von 2,20 Meter. Als Dogan und Dyck später aus dem ersten Stock ins Erdgeschoss schauen, schwimmt dort unter anderem die Pfanne vorbei, die kurz zuvor noch auf dem Herd stand.

Mittlerweile konnte die Familie wieder von dem Wohnwagen im Garten, in dem sie eine Zeit lang lebte, zurück in ihr Haus ziehen. Dass das trotz der immensen Schäden so schnell ging, liegt daran, dass Ferdi Dogan selbstständiger Handwerker und auf Innenausbau sowie die Beseitigung von Wasserschäden spezialisiert ist. Während viele Flutopfer verzweifelt nach Handwerkern suchen, konnte er sich selbst an die Arbeit machen.

Leider gibt es daran einen Haken: "Ich kann mir selbst keine Rechnungen stellen", erklärt Dogan. Aber genau diese Rechnungen brauche er laut seinem Steuerberater, um finanzielle Hilfen beim Land NRW beantragen zu können.

Herzens-WG mit hohem Do-it-yourself-Faktor

Der Plan, den Merle Hein hat, als sie im Juli 2021 in das Haus ihrer Großmutter in Solingen-Unterburg einzieht, ist eigentlich ein ganz anderer. Die 26-Jährige will sich um ihre Oma kümmern, damit diese nach einem Schlaganfall nicht in ein Pflegeheim muss. Doch schon drei Tage, nachdem die Großmutter aus dem Krankenhaus entlassen wird, zwingt die Flutkatastrophe Merle Hein ein ganz anderes Projekt auf: Sie muss das ganze Haus sanieren.

Durch die Feuchtigkeit müssen ganze Wände und Zwischendecken entfernt und neu gebaut werden. Die 26-Jährige hat aber Glück und findet ein Bauunternehmen, dass die meisten Arbeiten übernimmt. Alles was die Handwerker nicht können, macht Merle Hein selbst. "Ich habe Dinge gemacht, die ich mir vorher nie zugetraut hätte", sagt sie selbst. Und sie legt dabei ein beachtliches Tempo vor.Bereits im Januar 2022 konnte sie wieder in das Haus einziehen.

Dabei sah es zunächst nicht danach aus. Denn durch die Überschwemmung hatte das ganze Haus so viel Feuchtigkeit gezogen, dass sich Schimmel breit machte. So konnten Hein und ihre Oma dort unmöglich wohnen.

Im ersten Schritt hieß das: Alles muss raus. Doch mit der Hilfe von einem Handwerkerbetrieb, Freunden, Nachbarn und Bekannten machte sich Hein direkt an die Sanierung des Hauses. Sechs Monate nach der Flut sieht es zumindest vor der Tür ein bisschen so aus, als wäre nichts gewesen.

Dankbarkeit inmitten der Katastrophe

Vom Einzug in sein Haus ist Werner Lindener in Bad Neuenahr noch weit entfernt. Nach der Flut vor sechs Monaten musste es komplett entkernt werden und ist quasi wieder im Zustand eines Rohbaus. Bis er und seine Familie hier wieder leben können, werden noch Monate vergehen. Für Lindener jedoch kein Grund, niedergeschlagen zu sein. "Ich hatte in dieser ganzen Katastrophe sehr viel Glück", sagt er.

Und das, obwohl die Wohnsiedlung, in der Lindener wohnt, von der Flut schwer getroffen wird. Das Gebiet ist nur 150 Meter von der Ahr entfernt, trotzdem ging die Feuerwehr nicht davon aus, dass das Wasser hier so hoch steigen könnte. Kurz vor der Flut hatten die Einsatzkräfte die Anwohner des Wohngebiets gewarnt und ihnen Sandsäcke vorbeigebracht. Da dachten auch die Bewohner noch, dass die Überschwemmung im schlimmsten Fall den Boden der Erdgeschosse fluten würde. Stattdessen stieg das Wasser aber auf mehr als zwei Meter Höhe im ganzen Wohngebiet.

Mit verheerenden Folgen: Der Bungalow, der hinter Lindeners Haus stand, schwamm während des dramatischen Hochwassers im Ahrtal in der Nacht zum 15. Juli einfach weg. Das Haus des Nachbarn war - wie viele andere in der Siedlung - so beschädigt, dass es abgerissen werden musste. Im Vergleich dazu, sei der Verlust fast ihrer ganzen Einrichtung nicht so schlimm, sagt Lindener. "Dazu kommt, dass wir so viel Unterstützung bekommen haben. Hier haben Menschen geholfen, die kamen aus Hamburg oder München, die kannte ich überhaupt nicht. Ich bin ihnen aber unglaublich dankbar."

Sie mussten unter anderem das komplette Erdgeschoss leerräumen, das bis unter die Decke geflutet wurde. Das ganze Mobiliar von Lindener und seiner Frau war dadurch mit einer dicken Schlammschicht überzogen und größtenteils zerstört. Es wird noch Monate dauern, bis Werner Lindener wieder in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch arbeiten wird. Betreten kann er es zumindest wieder.

Feuerwache wieder in Betrieb

Die Löschgruppe Knerling der Freiwilligen Feuerwehr Altena stand während der Flutkatastrophe im Juli 2021 vor einer besonderen Herausforderung. Feuerwehrmann Mike Jabor und seine Kolleginnen und Kollegen wurden nämlich nicht nur zu zahlreichen Hochwasser-Einsätzen gerufen. Sie waren auch selbst betroffen, als eine Schlammlawine neben der Feuerwache herunterkam und das Haupttor blockierte. Mike Jabor und seinen Kameradinnen und Kameraden gelang es jedoch, mit einer Bierbank das Tor aufzubrechen.

Das es soweit kam, ist kein Wunder. Die enormen Wassermassen, die vom Himmel fielen, ließen sogar den kleinen Brachtbecker Bach, der an der Feuerwache vorbeifließt, zu einem reißenden Strom werden. In der Nacht zum 15. Juli kam das Wasser in Altena-Knerling quasi von allen Seiten. Mittlerweile fließt der Brachtbecker Bach wieder ganz friedlich vor der Feuerwache vorbei - und die ist auch wieder in Betrieb.

Dabei kam die Feuerwehr noch ganz glimpflich davon. In anderen Teilen Altenas - wie hier im Grenningloher Weg - wurden ganze Straßen von den Fluten weggespült. Sechs Monate danach sieht man, dass sich die Menschen dort nicht von der Katastrophe haben entmutigen lassen. Sie haben ihre Heime wieder aufgebaut.