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Los geht's

Traumatherapie im Nordirak

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IS-Opfer

Eine Multimedia-Reportage von
Katharina Adick und Dirk Gilson
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Nordirak, Herbst 2018: Swad lebt seit vier Jahren in einem Flüchtlingscamp in der autonomen Region Kurdistan. Sie ist verzweifelt – zwei ihrer Kinder sind immer noch in den Fängen des sogenannten Islamischen Staates.
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Swad Hamad Chamad

Als der IS kam, haben wir das Haus um 8 Uhr morgens fluchtartig verlassen. Meine Töchter, meine Onkel, insgesamt sieben Familienmitglieder sind in Geiselhaft geraten. Sie wurden am Fuße des Bergs festgenommen. Wir sind dann nach Kurdistan gekommen. Seit vier Jahren sind wir hier und haben keine Neuigkeiten über die verschollenen Familienmitglieder. Gar keine.

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Swad stammt aus Til Ezer in der Region Sindschar im Nordirak. Hier leben die meisten irakischen Jesiden. Im August 2014 überfallen Milizen des so genannten Islamischen Staates die Region. Für sie sind Jesiden „ungläubige Teufelsanbeter“. Sie wollen die Glaubensgemeinschaft vernichten. Zehntausende flüchten vor den Terroristen.     
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Die IS-Terroristen töten die Männer meist an Ort und Stelle. Frauen und Kinder versklaven, misshandeln und vergewaltigen sie systematisch. Auf der Flucht wird für viele das bis zu 1.400 Meter hohe Sindschar-Gebirge zur tödlichen Falle: Bei 45 Grad im Schatten sind die Menschen eingekesselt – ohne Wasser und Nahrung.
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Die Flüchtlingscamps

Erst nach Tagen gelingt es, einen sicheren Korridor für die 50.000 Menschen zu schaffen, die im Gebirge festsitzen. Sie und viele andere, die den Terroristen entkommen, fliehen in die autonome Region Kurdistan. Sie gilt als sicher.
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Etwa 300.000 jesidische Binnenvertriebene leben seither in einfachen Flüchtlingscamps. Bis heute können sie nicht zurück in ihre Heimat – weil ihre Dörfer zerstört oder vermint sind oder weil sie dort erneute Angriffe fürchten müssen. Auch Swad lebt mit ihrer Familie in einem dieser Zelte.
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Ein neues lokales Projekt bietet einigen psychologische Hilfe: Noori ist angehender Psychotherapeut.
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Noori Saeed Khudur – Angehender Psychotherapeut

Noori: Wie sieht es aus mit deinem Appetit und deinem Schlaf?  

Swad: Es ist schlechter geworden. Mir geht es von Tag zu Tag schlechter. Jedes Mal, wenn eine befreite Geisel hier ankommt, kann ich an dem Tag weder essen noch schlafen. Ich kann dann gar nicht mehr sprechen – ich muss sofort weinen.  

Noori: Und bist du noch immer gereizt?
 
Swad: Ja. Ich bin sehr gereizt. Ich bin wahnsinnig. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mit meinen Kindern streite. Weil ich so gereizt bin, so verbittert und voller Wut.  

Noori: Verstehe. Deine ganze Wut lädst du bei ihnen ab, nicht wahr?

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Die Therapeuten

Auch für den 28jährigen Noori ist das keine einfache Situation. Denn eigentlich steckt er noch mitten in seiner Ausbildung. Noori ist Masterstudent an der Universität Dohuk. Seit 2017 gibt es hier das Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie. Es soll die Basis für die Etablierung der modernen Psychotherapie in der Region werden.
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Student*innen aus der Region werden hier zu Therapeut*innen ausgebildet. Gegründet hat das Institut der deutsch-kurdische Professor Jan Ilhan Kizilhan. Sein Ziel: Die Student*innen sollen zwei Welten miteinander verbinden. Sie sollen die wissenschaftlich erprobten Therapiemethoden des Westens lernen und diese dann an den jeweiligen Kulturen und gesellschaftlichen Strukturen des Orients anwenden.
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Jan Ilhan Kizilhan – Psychotraumatologe

Wir müssen in der Lage sein, ihnen das Know how zu geben. Und wir sagen „kultursensitiv“ - das heißt, wir kommen mit der westlichen Vorstellung von Gesundheit, von Krankheit. Wir haben gute Techniken, die medizinisch-therapeutisch überprüft worden sind. Aber die müssen auf diese Kultur angepasst werden, damit tatsächlich diese Menschen hier gut behandelt werden.

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Kizilhan hat selbst jesidische Wurzeln. Der Orientalist und Traumaexperte lebt schon seit seiner Kindheit in Deutschland. Er ist Leiter der Transkulturellen Psychosomatik an der Klinik am Vogelsang in Donaueschingen und lehrt an der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen. Seit über 15 Jahren forscht er zu Fragen der psychosomatischen Rehabilitation und untersucht, inwiefern kulturelle Besonderheiten in der Psychotherapie Berücksichtigung finden müssen. Kizilhan leitete auch ein Sonderprogramm der Landesregierung Baden-Württemberg zur Aufnahme von jesidischen Terroropfern. Sein großes Ziel: Die moderne Psychotherapie im Nahen Osten zu etablieren und damit Hunderttausenden schwer traumatisierten Kindern, Frauen und Männern zu helfen.
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Schon kurz nach Ausbildungsbeginn schickt der Wissenschaftler seine Student*innen in die Camps der Region, um Patient*innen zu behandeln. Der Bedarf ist so enorm groß, dass jede Hilfe sofort gebraucht wird. Außerdem ist es wichtig, möglichst früh praktische Erfahrung zu sammeln.    
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Die 22-jährige Studentin Yasa trifft eine Patientin, die erlebte, wie IS Kämpfer brutal mordeten. Yasa wendet die Methode Life Line an. Ein Versuch, den Lebensweg zu rekonstruieren. Das Gedächtnis ist bei einem Trauma oft gestört – ganze Lebensabschnitte geraten in Vergessenheit. Dabei bergen einige vielleicht Potenziale für die spätere Therapie: Talente, Ressourcen, schöne Erinnerungen. Die Methode hilft auch, die Stimmung zu heben. Für die Patient*innen in den Camps ist der therapeutische Ansatz von Kizilhan und seinem Team neu. Einige sind am Anfang skeptisch.
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Jan Ilhan Kizilhan – Psychotraumatologe

Sie gehen eher zu einem Psychiater. Wenn überhaupt, dann muss es ein Arzt sein und wenn ich eine psychische Erkrankung habe, soll er mir Medikamente geben. Und durch das Medikament soll das ganze Problem plötzlich verschwinden. Jetzt sagen wir: Nein, das ist aber wichtig, dass sie über diese Dinge sprechen. Und wir helfen ihnen, zu lernen damit umzugehen und die Symptome zu reduzieren.

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Viele Betroffene versuchen, ihr Leiden für sich zu behalten. Sexuelle Gewalt und Folter werden noch stärker tabuisiert als in westlichen Gesellschaften. Kizilhan hat mit tausenden IS-Opfern gesprochen. Viele hat er zur Behandlung nach Deutschland geholt. Auch heute noch fährt er so oft wie möglich selbst raus in die Camps, um sich ein Bild von der Lage zu machen.
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Die Therapie

Heute trifft er die neunjährige Medya. Ihre Geschichte ist die von Tausenden Kindern hier. Sie war sechs Jahre alt, als ihr Dorf überfallen wurde und sie mit ihrer Familie zehn Tage lang ohne Wasser und Nahrung über die Berge fliehen musste. Auf dem Weg sah sie Tote, sie erlebte die Angst ihrer Eltern davor, dass die Verfolger auch sie noch einholen.
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Medya – Musste vor dem IS fliehen

Kizilhan: Wie geht es dir nachts? Schläfst du durch oder hast du Ängste?

Medya: Ich schlafe durch.

Kizilhan: Hast du noch Ängste?


Medya: Nicht mehr wie früher.

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Medya war nach der Flucht schwer traumatisiert. Sie hatte Krampfanfälle, ist in Ohnmacht gefallen und hat über Monate nur mit ihrer Puppe gesprochen. Ein Arzt hat Schizophrenie diagnostiziert. Aber für Kizilhan war sofort klar, dass es das nicht ist. Krampfanfälle und Ohnmacht sind eine Möglichkeit, der Angst zu entfliehen. Der Körper entscheide, dass es besser ist, eine Pause zu machen, erklärt Kizilhan.
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Jan Ilhan Kizilhan – Psychotraumatologe

Wir haben ihr dann eine Therapeutin zur Seite gestellt, und sie hat lange Zeit gebraucht, bis sie Vertrauen zu ihr hatte. Das ging dann erst einmal über Zeichnungen und kleine Gespräche. Mit der Zeit konnte sie sich öffnen und hat mit der Therapeutin auch angefangen zu sprechen, neben den Zeichnungen. Und ich wollte sie heute nochmals sehen, und sie sagt auch, die Eltern bestätigen, dass die Krampfanfälle deutlich zurückgegangen sind.

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Es sind solche Erfolge, die Kizilhan zeigen, dass sich sein Einsatz lohnt. Das Wissen um kulturspezifische Reaktionen auf einen Schock oder ein Trauma sind wichtig für die spätere Behandlung. Deshalb ist der kultursensible Ansatz auch so wichtig für die Studierenden hier in der 500.000-Einwohner-Stadt Dohuk.
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Sechs Monate später. Gute Nachrichten im Camp Sharya: Nach fünf Jahren Gefangenschaft sind Swads älteste Töchter tatsächlich gerettet. Noori trifft die Mutter mit all ihren fünf Kindern vor ihrem Zelt. Seit acht Wochen sind die 13-jährige Kristina und ihre jüngere Schwester, die neunjährige Hadia, nun frei.
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Swad Hamad Chamad

Zuerst kam die Kleine frei. Als sie bei der Anlaufstelle für Jesiden eintraf, rief man meinen Mann an und hat ihn benachrichtigt, dass sie dort sei. Ich habe vor Freude geweint. Und nach einem Monat kam dann auch sie zurück. Ich konnte gar nichts sagen. Nicht ein einziges Wort konnte ich sagen. Ich war wie verrückt.

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Swad erzählt, dass die Mädchen massiv misshandelt wurden, sie wurden als Sklavinnen gehalten und durften ihre Muttersprache Kurdisch nicht mehr sprechen. Die Zeit hat Spuren bei den Mädchen hinterlassen, mit denen sie ganz unterschiedlich umgehen.    
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Noori Saeed Khudur – Angehender Psychotherapeut

Kristina ist ein sehr ruhiger und in sich gekehrter Typ. Sie ist sehr nachdenklich und sehr, sehr, sehr traurig. Dagegen ist Hediye ein sehr gereizter Typ. Sie ist sehr streitsüchtig. Sie stiftet viel Unruhe und ist mit allem unzufrieden. Sie lehnt alles ab. Wenn man ihr beispielsweise Hilfe anbietet, sagt sie direkt, sie bräuchte diese nicht.

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Teufelskreis durchbrechen

Die meisten Kinder, die nun aus der Gefangenschaft freikommen, erwartet keine Rückkehr in ihr normales Leben, sondern ein Leben in einem neuen Ausnahmezustand. Viele haben Eltern und Geschwister verloren und leben nun mit entfernten Verwandten in einem Zelt. Mit ihren Erinnerungen und seelischen Nöten sind sie allein, eine Perspektive für ein normales Leben gibt es nicht. Kizilhan sieht darin auch eine Gefahr - etwa bei ehemaligen Kindersoldaten, die mit hohem Aggressionspotenzial zurückkehren. Der IS hat die Kinder gezielt verroht, entmenschlicht – zu Enthauptungen und anderen Gewalttaten gezwungen.
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Jan Ilhan Kizilhan – Psychotraumatologe

Stellen Sie sich vor – Kindersoldaten, die Teil des IS waren. Die so eine Gehirnwäsche durchlebt haben, die in der Lage waren, selber andere Leute umzubringen und die zum Teil auch ihre Verwandten umgebracht haben. Sie kommen zurück mit einem hohen Potenzial von Aggression, von Impulskontrollstörungen. Und sie bleiben unbehandelt. Da müssen wir kein Prophet sein, um zu erkennen, dass wir schon jetzt die nächste Generation von Terroristen züchten, die dann irgendwann diese Gesellschaft in Unheil versetzen.

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Daran, diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen, arbeiten Kizilhan und sein Team. Traumatisierte brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf, ihre seelischen Wunden müssen heilen – auch damit der Frieden in der Region eine Chance hat.  


Diese Reportage wurde unterstützt durch ein Stipendium des European Journalism Center:
https://health-de.journalismgrants.org/
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