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WDR

Autorinnen: Louisa Heerde, Katharina Wallrafen

Redaktion: Julia Linn, Sarah Sanner

Bildrechte: WDR / Louisa Heerde, WDR

Mein Glücksmoment in dieser Zeit

Krieg in der Ukraine, Gas-Krise, Klimawandel, Corona, persönliche Sorgen  - all das belastet. Wie schafft man es in dieser Zeit, die Zuversicht nicht zu verlieren? Menschen aus NRW haben uns erzählt, welches Mittel sie gefunden haben.

Im Hier und Jetzt landen

Seit 2015 überkommt Verena ab und an die Angst. “Das hat mit den Berichten von Terroranschlägen in Europa angefangen”, sagt sie. “Seitdem hab ich so ziemlich jedes Thema durch, worüber man sich den Kopf zerbrechen kann". Der 30-jährigen Grundschulreferendarin ist es inzwischen besonders wichtig, schlechten Nachrichten nicht zu viel Raum zu geben.

Mir hilft das dann total, mich an die Scheibe zu setzen und einfach meine Hände in den Ton zu stecken. Ich komme dann im Moment an und konzentriere mich auf das, was ich tue. Und das tut gut! Dann werde ich aus den Zukunftsszenarien rausgezogen und lande wieder im Hier und Jetzt.

In Düsseldorf hat Verena einen Töpferkurs besucht - und sich schlagartig in das Kunsthandwerk verliebt. Kurze Zeit später ist eine Töpferscheibe im Gäste-WC ihrer Eltern in Velbert eingezogen. In der Küche hängen ihre Tassen an Haken, sodass ihr Markenzeichen am Tassenboden zu sehen ist: eine Libelle. “Mich macht es richtig glücklich, mir zu überlegen, welches Gefäß ich herstellen möchte, welchen Ton ich nehmen möchte, welche Glasur”, schwärmt sie - und nimmt noch einen Schluck Tee aus der selbstgetöpferten Tasse.

"Ich habe Angst vor morgen" - wie man aus der Angstspirale kommt | 1live

Erinnerungen schaffen - und bewahren

Im Schrank neben dem Bett von Gertrud Neugebauer liegen Fotoalben voller schöner Erinnerungen. Es stapeln sich die Mappen mit Zeichnungen, die sie auf Reisen gemacht hat, und Gedichten, die sie im Laufe ihres Lebens geschrieben hat. "Ich habe schon einiges erlebt. Ich glaube, das bringt Stärke - dass man weiß, man kann auch mit schwereren Sachen fertig werden." Ihr Mann ist nach langer Krankheit verstorben. Gertrud Neugebauer erinnert sich gerne an die vielen schönen Momente, die sie mit ihm im gemeinsamen Laden hatte. Eine Einstellung, die sie an jüngere Generationen weitergeben will.

Sie werden bei mir keine Diamanten sehen. Wenn wir Geld übrig hatten, haben wir das ins Reisen investiert. Jeder Mensch sollte sich bewusst sein, dass die Erinnerung ein ganz kostbarer Schatz ist. Immer wenn ich unterwegs oder verreist war, habe ich meine Erlebnisse, Gedanken und Gefühle in Reimform niedergelassen. Wenn ich das jetzt nochmal durchlese, habe ich die Situation immer wieder vor Augen. Ich denke, das ist ein großes Glück, dass ich dadurch meine Erinnerung leichter zurückholen kann. Ich bin jetzt 91 - ich muss selber staunen, dass ich so alt bin, denn ich war als Kind oft krank. Aber ich bin zufrieden und ich glaube, Zufriedenheit ist Glück.

Noch heute malt und dichtet sie. Im Mai hat sie einer Mitbewohnerin in ihrem Altenzentrum  ein Geburtstagsgedicht geschrieben: “101 Jahre alt zu werden, ist sehr selten hier auf Erden. Doch mit Zuversicht und Kraft, haben Sie das heut geschafft”, zitiert Frau Neugebauer sich selbst spontan. Ihre Gedichte hat sie noch immer im Kopf.

Vom Erinnern und Vergessen: Wie wir unser Gehirn fit halten | Quarks

"Von Hunden können wir einiges lernen"

Michelle Kles war Rechtsanwaltsfachangestellte, hatte sogar ein lukratives Jobangebot in Dublin. Erfüllt hat sie das aber nicht. Die Arbeit am Schreibtisch empfand sie als  monoton,  Kostüm und hohe Schuhe seien  wie eine Verkleidung gewesen. Letztendlich schlug Michelle das Stellenangebot aus - und fasste einen Entschluss: Sie will mit Hunden arbeiten.

Das macht mich glücklich, weil man in so einer kleinen, Extra-Welt unterwegs ist. Hunde haben den Menschen voraus, dass sie nicht in diesen Alltagsproblemen hängen wie wir. Wir stehen morgens auf, machen uns schon Sorgen - gehen mit den Sorgen abends ins Bett. Oder dieser Druck, was man alles am Tag machen muss, was man erfüllen muss, um andere glücklich zu machen - das haben die nicht. Die sind happy hier, tollen auf der Wiese rum und leben im Moment. Davon könnte man sich auf jeden Fall immer eine Scheibe abschneiden.

Als Dogwalkerin ist Michelles Arbeitsplatz jetzt die Natur rund um Düsseldorf. Dass die 35-Jährige mehr verdienen könnte, ist ihr egal - Hauptsache, sie wird von genügend Vierbeinern begleitet.

Wieder Kind sein: "Das macht glücklich, das macht frei"

Wenn Thomas vorliest, werden Geschichten lebendig: Beim Auftritt eines großen Drachens senkt er die Stimme und hebt die Arme. Dann stoppt er plötzlich, spitzt die Ohren und guckt sich um, um die Aufmerksamkeit seiner kleinen Zuhörer zu bekommen. “Ich suche mir Geschichten aus, die man lebhaft erzählen kann. Deswegen sind die Kinder dabei, die kleben einem an den Lippen.” Regelmäßig liest der Berater für Nachhaltigkeit in einer Kindertagesstätte in Köln vor. Der 57-Jährige engagiert sich ehrenamtlich über die Initiative “LeseWelten”.

Ich mache das aus Begeisterung und Liebe zu dem, was drumherum passiert. Ich bin dann einfach wie ein Kind. Ich verstehe manchmal nicht, wenn jemand sagt: “Du bist kindisch.” Denn das macht glücklich, das macht frei. In der Gesellschaft ist heutzutage alles viel schneller, viel aggressiver geworden. Das Vorlesen ist wie eine Insel, die uns alle ausbremst und wieder zurückbringt. Ich tanke einfach Emotionen auf. Schöne Emotionen, die gerade jetzt mehr als wichtig sind - für alle.

Sein eigener Sohn wurde gerade eingeschult. Thomas begeistert es, diese Lebensphase noch einmal durch die Augen seines Kindes betrachten zu können. Eine Fähigkeit, die auch seine Besuche in der Kita prägt: Nach der Vorlesestunde sind die Kinder glücklich - und Thomas meist verschwitzt, vom vollen Einsatz. Er macht sich dabei oft zum Clown, sagt er. Aber genau das sei es, was die Vorlesestunde zu seinem Glücksmoment mache.

Von alten Zechen und neuen Freunden

Es ist ein heißer Sommertag, das Gras vor dem Bergbau-Museum in Bochum ist vertrocknet. Trotzdem haben sich viele Menschen auf der Wiese vor dem Fördergerüst zusammengefunden. Christina spielt hier gerne mit ihrer WG Roundnet - eine schnelle Sportart, bei der ein Ball auf ein trampolinartiges Netz geschlagen wird. Heute spielen sie sich zu dritt den Ball zu. Die 29-Jährige arbeitet als Referentin bei einer Jugendorganisation. Grüne Flächen in der Stadt sind für sie ein wichtiger Rückzugsort nach einem langen Tag im Home Office.

Das macht mich total glücklich. Generell ist die Wiese für mich ein schöner Ort, weil viele Leute ihren Abend hier ausklingen lassen und hier das Leben ist. Das ist eigentlich das Schöne: Dieser Raum hier ist für alle da, er ist nicht geschlossen.

Ein vierter Mitspieler ist deshalb schnell gefunden. Tam hat sein Studium beendet und ist jetzt Augenarzt. Dafür ist der 26-Jährige vor kurzem erst nach Bochum gezogen. Schon seit Stunden ist er auf der Suche nach Menschen, die Roundnet spielen. In Essen gab es eine große Messenger-Gruppe für alle Interessierten, erzählt Tam. Das fehlt ihm in der neuen, noch unbekannten Stadt. Glücklich ist er vor allem, wenn er unter Menschen ist - und sich bewegen kann.

Ich habe auch so einen inneren Schweinehund, der sagt: “Es ist jetzt 18 Uhr, nach der Arbeit - gar keinen Bock, was zu machen.” Ich zwinge mich trotzdem jeden Tag rauszugehen. Weil ich einfach weiß: Wenn ich rausgehe, gibt mir das erstmal die Möglichkeit, etwas zu erleben. Auch jetzt mit den Leuten hier: Die wären ja nicht von selbst zu mir gekommen und hätten geklingelt.  

Als es zu dunkel ist, um den Ball zu erkennen, tauschen Tam und Christina Nummern aus. Ihr gemeinsames Ziel: Auch in Bochum soll es bald eine Roundnet-Gruppe geben. 

Ausflugtipps für NRW und Umgebung | Hier und heute 

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Die Autorinnen und ihre Glücksmomente

Katharina Wallrafen

Joggen an der frischen Luft, wie hier am Rhein - besser kann ich nicht abschalten. Dabei gute Musik oder ein Podcast und das ist dann meine Glücksstunde des Tages. Das Gefühl danach? Ein Mix aus positiver Erschöpfung, Stolz und Erleichterung, dass es geschafft ist.

Louisa Heerde

Während Corona habe ich das Fotografieren etwas aus den Augen verloren. Die Arbeit für diesen Artikel hat mir wieder aufgezeigt, wie glücklich es mich macht, anderen Menschen durch meine Kamera zu begegnen. Bald geht's in den Urlaub - und die Fotoausrüstung ist schon eingepackt!