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Loveparade: Von der Katastrophe zum Prozess

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Auch Jahre nach dem Loveparade-Unglück, bei dem 21 Menschen starben und mehr als 650 verletzt wurden, trifft man in Duisburg noch immer auf eine gezeichnete Stadt: Eine Begegnung mit Besuchern des Festes, deren Leben aus der Bahn geriet. Ein Treffen mit einer Staatsanwältin, die nach Antworten sucht, einer Lokalpolitikerin, die die politischen Folgen bis heute spürt. Und einem Mann, der jeden Tag gegen das Vergessen kämpft.

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Die Katastrophe

Am Nachmittag des 24.07.2010 liefen die ersten Eilmeldungen ein: Auf der Loveparade in Duisburg hatte es eine Massenpanik gegeben, mehrere Menschen starben. 

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Die Folgen

Der Tag danach: Zwischen Müll und leeren Flaschen zwei Kreideumrisse auf dem Asphalt - hier starben Menschen. Fünf Jahre danach: nackter Asphalt und eine schlimme Erinnerung. 

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Thorolf Schmidt, Dirk Schales und Gregor Hecker kommen noch regelmäßig an den Ort, an dem sich die Katastrophe abspielte. Hier, an der Gedenkstätte auf dem Gelände der Loveparade, finden sie ein bisschen Ruhe - denn das Geschehene holt sie auch Jahre später im Alltag immer noch ein. 

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"Du hast die Leute sterben sehen - warum?"

Anfangs konnte Thorolf Schmidt seinen Alltag noch normal bewältigen. Erst mit der Zeit kamen die Alpträume. Und immer wieder die Frage: Warum mussten 21 Menschen sterben?

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Weiter so, aber wie?

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Sanitäter an der Unglücksstelle.(24.7.2010)
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Thorolf Schmidt selbst erinnert sich nicht mehr, wie er aus der Menge herauskam. Doch die Bilder von Rettungssanitätern, die um ihn herum Besucher wiederbelebten, verfolgen ihn bis heute. Über 650 Menschen wurden bei der Massenpanik teils schwer verletzt.  

Schreiende Menschen, die übereinanderliegen, in Todesangst versuchen, aus der Masse herauszukommen. Schmidt selbst wollte all diese Bilder vergessen. Er machte sich selbstständig, arbeitete, um sich abzulenken, wie er sagt. Doch die Erinnerungen kamen wieder - auch in ganz banalen Alltagssituationen.

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Sanitäter an der Unglücksstelle.(24.7.2010)
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"Enge verbinde ich automatisch mit dem Tod"

An der Supermarktkasse kann sich Thorolf Schmidt seit dem Unglück nicht mehr anstellen - dann fühlt er sich eingeengt und gerät in Panik. Auch Aufzüge kann er seit der Katastrophe nicht mehr benutzen.

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Die strafrechtliche Aufarbeitung der Loveparade wird mit einem Prozess abgeschlossen, den es so nur selten in Deutschland gegeben hat.

Ein Saal im Kongresszentrum der Messe Düsseldorf wird zu einem großen Verhandlungssaal umfunktioniert. Aber die Zeit ist knapp. Im Sommer 2020  droht die Verjährung der zur Last gelegten Taten.

Zehn Beteiligte sitzen auf der Anklagebank. Ihnen werden schwere Fehler bei Planung und Durchführung der Loveparade vorgeworfen. 

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600 Sitzplätze hat der Saal im Congress-Center Düsseldorf. Jeder Einzelne davon wird gebraucht, damit die zehn Angeklagten und ihre 24 Verteidiger, 64 Nebenkläger und ihre 41 Anwälte sowie 360 Medienvertreter und Zuschauer teilnehmen können.

Das 360°-Foto zeigt den im Oktober 2017 zur Probe aufgebauten Verhandlungssaal. 

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Für den Prozess mit so vielen Beteiligten ist der Verhandlungssaal mit modernster Technik ausgestattet worden. Kameras und Mikrofone übertragen Bild und Ton auf große Videoleinwände und Monitore. 

Ein besonderes Augenmerk hat das Gericht auf die Lage vieler Verletzter und Hinterbliebener gelegt. Sie treten als Nebenkläger im Prozess auf. Für sie wurden spezielle Rückzugsräume eingerichtet. Dort stehen auch geschulte Psychologen bereit.





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Matthias Breidenstein, Sprecher Landgericht Duisburg

"Die zeitliche Dimension ist allen bewusst. In der Regel wird drei Mal in der Woche verhandelt. Der Verlauf der Verhandlung hängt jedoch von der Interaktion aller Beteiligten ab."

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Jahrelanges juristisches Wirrwarr

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Viele Verletzte und Hinterbliebene hatten die Hoffnung auf einen Strafprozess fast verloren.

Dreieinhalb Jahre dauerten die Ermittlungen. Dann erhob die Staatsanwaltschaft Duisburg im Februar 2014 Klage gegen sechs städtische Mitarbeiter und vier des Veranstalters Lopavent. Der Vorwurf: schwere Fehler bei der Planung und Durchführung der Loveparade 2010.

Richter des Landgerichts Duisburgs prüften die Anklage zwei jahre lang. Dann der Paukenschlag: Die Klage wurde abgewiesen. Grund: Die Juristen zweifelten das zentrale Gutachten eines britischen Panikforschers an.  

Erst die Beschwerde beim Oberlandesgericht Düsseldorf machte den Weg zum Strafprozess  frei. Dort sahen die Richter keine gravierenden Mängel im Gutachten und verwiesen das Verfahren zurück an eine andere Strafkammer des Landgerichts Duisburg.

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Bärbel Schönhof, Anwältin

"Das Strafverfahren hat für die Nebenkläger eine hohe Bedeutung. Einerseits, weil es lange gedauert hat. Andererseits, weil damit die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden."

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Bis zu fünf Jahre Haft oder eine Geldstrafe droht den Angeklagten. 

Das Beweismaterial in der Hauptakte umfasst 52.000 Seiten. Hinzu kommen 1.000 Stunden Videomaterial aus Überwachungskameras und Handys.

Die Verteidiger der Angeklagten bezweifeln, dass ihre Mandaten verurteilt werden können. Die Akten legten zwar einen Verdacht nahe, aber daraus könne keine Schuld abgeleitet werden, sagen sie. 

Dass die Aussicht auf eine Verurteilung nicht groß ist, glauben auch viele Nebenkläger. Ihnen ist vor allem die juristische Aufarbeitung der Loveparade-Katastrophe wichtig.

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Während die Justiz noch Zeugen vernahm und Beweismaterial sichtete,  stand für viele Duisburger schnell fest, wo neben der juristischen Schuld die Verantwortung für die Katastrophe zu finden war: Im Duisburger Rathaus - dort, wo die Veranstaltung genehmigt wurde. Im Ratssaal waren Veranstalter und Bürgermeister unmittelbar nach der Katastrophe vor die Presse getreten. 

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OB Sauerland tritt nicht zurück

Auf einer schnell einberufenen Pressekonferenz stellen sich Stadtverwaltung und Veranstalter der Presse. OB Sauerland macht deutlich: Eine persönliche Verantwortung für das Unglück lehnt er ab. 

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Claudia Leiße, Fraktionsvorsitzende der Grünen, ist seit 2009 Mitglied des Duisburger Rates. Sie erfuhr im Urlaub von der Katastrophe - auch ihr Sohn war auf der Loveparade.

Den Umgang im Rat mit der Katastrophe war ihr häufig zu sachlich: Politiker aller Parteien zogen sich darauf zurück, keine Verantwortung zu tragen. Allen voran der Duisburger Bürgermeister selbst, der sich dadurch in der Stadt immer unbeliebter machte.

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"Druck aus der Bevölkerung sehr groß"

Vor der Katastrophe war Adolf Sauerland in vielen Vereinen ein gern gesehener Gast, erinnert sich die Grünen-Politikerin Claudia Leiße. Das änderte sich nach der Loveparade.

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Proteste gegen Sauerland

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Demonstration für die Opfer der Loveparade-Katastrophe (29.07.2010 in Duisburg)
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Im Rathaus hält die Unterstützung für den Oberbürgermeister: Nicht nur seine eigene Fraktion, auch Vertreter der Grünen stellen sich hinter Sauerland, eine erste Abwahl im Rat scheitert.

Doch außerhalb des Rathauses formiert sich Widerstand: Wenn der Oberbürgermeister öffentlich auftritt, wird er ausgepfiffen und bedroht. Für viele Duisburger trägt er die Verantwortung für die Katastrophe, sie fordern eine Absetzung Sauerlands. Dafür demonstrieren sie vor dem Rathaus, gründen Bürgerinitiativen, organisieren einen Bürgerentscheid. 

Nachdem eine erste Abwahl im Rat scheitert, sammeln Duisburger Bürger 80.000 Unterschriften für ein weiteres Abwahlverfahren. Mit Erfolg: Über 129.000 Duisburger stimmen bei der Abstimmung gegen Sauerland.

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Demonstration für die Opfer der Loveparade-Katastrophe (29.07.2010 in Duisburg)
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Sauerland wird abgewählt

"Damit lautet das vorläufige amtliche Endergebnis: Der OB ist abgewählt", verkündet Stadtdirektor Peter Greulich am Abend des 12. Februar 2012 - die Freude der Bürger im Rathaus ist riesig.

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Heute leitet ein neuer Bürgermeister die Ratssitzungen in Duisburg: Sören Link (SPD) hat die Nachfolge von Adolf Sauerland angetreten.

Geblieben ist jedoch eine Verwaltung, die vor allem eines will: Dieselben Fehler nicht noch einmal machen. Das macht nicht nur Politikern die Arbeit schwer, sagt Claudia Leiße.

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"Die Verwaltung ist sehr zögerlich"

Eine Stadt lebt von Veranstaltungen, glaubt Claudia Leiße. Doch viele Vereine begegnen nun einer verängstigten Verwaltung, die mit immer strengeren Vorgaben Veranstaltungen unmöglich machen.

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Blumen und Fotos, kleine Porzellan-Engel und Kerzen schmücken das Schotterbeet vor der Fluchttreppe, ein schmaler Pfad windet sich die ehemalige Rampe zum Loveparade-Gelände herauf: Hier, direkt am Ort des Unglücks, ist Platz für Erinnerungen. Ein Ort, an dem Angehörige und Betroffene zusammenfinden und trauern können. Zum dritten Jahrestag der Katastrophe wurde die Gedenkstätte im Sommer 2013 eröffnet. Sie setzt ein Zeichen: Die Loveparade soll in Duisburg immer präsent bleiben, nicht vergessen werden.   

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Die Fluchttreppe

Heute sind es nur noch schmale Betonstufen - am 24. Juli 2010 war es der einzige Weg in die Freiheit: Über die Treppe flüchteten viele Besucher aus dem Gedränge. Heute stehen dort Blumen und Kreuze - als Erinnerung.

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Auch Jörn Teich war am 24. Juli 2010 auf der Loveparade - eigentlich nur als Zaungast: Er wollte seiner kleinen Tochter die Raver mit den bunten Haaren zeigen, kam durch einen Sanitäter-Eingang aufs Gelände. Doch der Rückweg wurde ihm versperrt: Mit dem kleinen Mädchen auf den Schultern kämpfte er sich durch den überfüllten Tunnel, erlitt selbst schwere Verletzungen. Vom Betroffenen wurde Teich nach der Katastrophe zum Helfer:

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"Ich wollte nicht alleine sein"

Ursprünglich suchte Jörn Teich selbst Hilfe - nun hilft er anderen: "Da ist jemand, der kümmert sich - da bleiben wir", sagen die Menschen zu ihm. 

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Die Nacht der tausend Lichter

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Vor dem Hauptbahnhof: Das rund zehn Tonnen schwere Stahldenkmal des Duisburger Künstlers G. Losemann.
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Das Unglück soll nicht vergessen werden - darum kämpft Jörn Teich jeden Tag. Er spricht mit Angehörigen und Betroffenen, verhandelt mit Vertretern der Stadt. Jedes Jahr organisiert er eine Gedenkfeier.

2011 wurde ein Mahnmal für die Opfer errichtet: Eine 3,5 Meter hohe Stahltafel und 21 ineinander stürzende Balken, die für die Opfer stehen. Vor dem Hauptbahnhof wurden dazu 21 Magnolien gepflanzt - auch sie sollen an die Opfer erinnern. Viele kleine Zeichen, mit denen die Katastrophe in Duisburg präsent bleiben soll.

Wichtiger als diese Zeichen ist für die Betroffenen die Nacht der tausend Lichter, die ebenfalls von Jörn Teich organisiert wird. Es ist ein stilles Gedenken an das, was war. Hier können sie zusammenkommen und gemeinsam trauern. Doch auch das ist nur ein geringer Trost, weiß Helfer Teich.

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Vor dem Hauptbahnhof: Das rund zehn Tonnen schwere Stahldenkmal des Duisburger Künstlers G. Losemann.
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"Ein Ziel hab ich mir nie gesetzt"

Wohin seine Arbeit einmal führen soll, weiß Jörn Teich nicht - "Das größte Ziel könnte nur sein, alles rückgängig zu machen", sagt er - aber das geht nun mal nicht.

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