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WDR

Autorin: Fulya Cayir
Redaktion: Lea Brockmann und Thierry Backes
Mit Informationen von: Henry Bischoff und Jörg Marksteiner

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So verändern sich unsere Innenstädte nach Corona

Den Innenstädten in NRW geht es schlecht, nicht erst seit Corona. Die Pandemie hat wie ein Brandbeschleuniger gewirkt: Geschäfte geben reihenweise auf. Jetzt fangen Städte an, Zukunftsvisionen zu entwickeln - auch die "Einkaufsstadt" Essen.

von Fulya Cayir

Würde man es böse mit Dirk Bußler meinen, man könnte sein Geschäft in der Essener Innenstadt einen simplen Trödelladen nennen. Metallregale, Kleiderstangen, ein paar Tische; ein antikes Service, eine Bohrmaschine, abgewetzte Klamotten. Bußler perlen Schweißtropfen von der Stirn an diesem warmen Sommertag, als er einen alten Porzellanteller aus einem Regal kramt und von den "wahren Schätzen" spricht, die seine Mieter herbringen, um sie hier zu verkaufen.

Der "Konsumreform Shop" ist eine analoge Mischform aus eBay-Kleinanzeigen und Amazon. Dirk Bußler, 52, vermietet Regale an Privatleute, die Gebrauchtes oder Selbstgemachtes zu Geld machen möchten. Auch Unternehmen bieten ihre Waren hier an: Sie sparen sich die teure Miete für einen eigenen Laden. "Alternatives Einkaufskonzept" nennt Bußler das. Und es läuft.

Viele andere Geschäften in der Essener Innenstadt haben nach dem letzten Lockdown nicht wieder aufgemacht. Zu hoch die Mieten, zu gering der Umsatz. Die Zukunft der "Einkaufsstadt Essen" steht auf dem Spiel.

Den Schriftzug, der seit 1951 in Neon-Gelb und Blau auf dem Hotel Handelshof am Hauptbahnhof prangt, kennt hier jeder. Bußler lässt sich vor seinem Laden im Schatten der Markise auf einen Stuhl fallen. "Essen ist genauso wenig oder genauso viel Einkaufsstadt wie jede andere Stadt auch", sagt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn. In den vergangenen Jahrzehnten seien alle Innenstädte austauschbar geworden.

Essen muss sich neu erfinden

Limbecker Straße, 1930er

Zwei Minuten zu Fuß von Bußlers Laden, auf der Limbecker Straße, sticht der Leerstand sofort ins Auge. Es ist die älteste Fußgängerzone Deutschlands, schon 1927 hat die Stadt Essen den Fahrzeugverkehr hier verboten. Heute stehen bis zu drei Geschäfte nebeneinander leer, und in der alten Filiale einer Klamottenkette stapeln sich jetzt Kartons voller Schokoriegel, Bonbons und Kekse.

Die Stadt möchte, dass die leeren Geschäftsräume möglichst bald wieder genutzt werden – und setzt dabei auf ein Soforthilfeprogramm des Landes NRW, das dabei helfen soll, neue Konzeptideen in den Innenstädten zu finanzieren. Essen bekommt knapp 2 Millionen Euro aus dem Topf. Die will die Stadt vor allem, aber nicht nur in der Innenstadt einsetzen. Die Idee: Die Stadt mietet leerstehende Gewerberäume in der Innenstadt an und vermietet sie zu 20 Prozent der vorigen Miete weiter. Das geht allerdings nur, wenn die Immobilienbesitzer ihrerseits bereit sind, der Stadt 30 Prozent der Miete zu erlassen.

Mehr Grünflächen, weniger Shopping

Essen ist mit seinem Leerstand kein Einzelfall. Viele NRW-Städte teilen dasselbe Schicksal. Für die Zukunft sind sich Experten einig: Der klassische Einzelhandel wird nicht mehr reichen, um die Menschen in die Innenstadt zu locken. Viele Dinge können sie viel schneller und unkomplizierter im Internet bestellen.

Wie sehr der Online-Markt wächst, zeigen Zahlen des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH). Der Brutto-Umsatz mit Waren, die Deutsche digital kaufen, ist 2020 auf 84,7 MilliardenEuro gestiegen. Für das Jahr 2024 prognostiziert das IFH sogar einen Anstieg auf 120 Milliarden Euro, wenn die Leute weiterhin so gerne online shoppen wie während der Corona-Pandemie.

Corona hat die ohnehin prekäre Lage der Innenstädte nochmal verschlechtert. Sie hat "den Strukturwandel beflügelt", wie es Marion Klemme vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung ausdrückt. Sie forscht aktuell für das Bundesinnenministerium zu Stadtentwicklung und Innenstadtstrategie nach Corona. Kunst- und Kulturangebote müssten in die leeren Räume einziehen oder Bildungsinstitutionen wie Musikschulen, sie brächten ein ganz neues Publikum in die Innenstädte. Neben der Gastronomie setzt sie auf Grünanlagen, denn: Menschen würden in Zukunft nicht mehr nur für das Shopping-Erlebnis in die Innenstadt kommen, es bräuchte "schöne Aufenthaltsorte" und ein breites Angebot.

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Marion Klemme, Stadtforscherin

Menschennah statt anonym

Einen Aufenthaltsraum und ein breites Angebot, das bietet im Kleinen auch Dirk Bußler. Er glaubt, dass er mit seinem "Konsumreform Shop" genau den Puls der Zeit getroffen hat. Seine Regalmieter müssen zwar nicht selbst vor Ort sein, weil er den Verkauf für sie übernimmt. Aber sie könnten mit ihm und ihren Kunden persönlich in Kontakt treten, wenn sie das wollten. Das sei der eigentliche Gewinn, sagt Bußler: Anders als bei Amazon oder eBay-Kleinanzeigen gibt es ein Schwätzchen gratis dazu.

Haben Sie mal versucht mit Amazon über Ihr Leben zu sprechen? – Dirk Bußler
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Dirk Bußler, "Konsumreform Shop"

"Spielplätze für Kinder, Bänke für Senioren"

In der Essener Innenstadt schleppen sich die Menschen durch die sommerliche Einkaufsmeile. Es ist einer dieser Tage, an denen man sich fragt, warum man ausgerechnet heute in dieser Betonwüste unterwegs ist. Das Mikrofon ist für den einen oder die andere ein willkommenes Päuschen.

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Leute treffen, miteinander quatschen – das verbinden viele mit dem Besuch in der Innenstadt. Nicht alle haben das nötige Kleingeld, um ein Getränk im Café zu bestellen. Deshalb wünschen sich gerade Eltern mehr Spielplätze im Stadtkern und Orte, die zum Verweilen einladen, ohne gleich etwas zu kosten. Auf dem Kennedyplatz hat die Stadt Essen etwas unbeholfen versucht, mit einem aufgeschütteten Sandstrand so einen Ort zu schaffen. Bisher ist dort aber nicht viel los.

Breitere Daten zu den Bedürfnissen des Innenstadtpublikums liefert eine aktuelle Studie des IFH, die dem WDR in Auszügen vorliegt. Dafür wurden mehr als 26.000 Passantinnen und Passanten in NRW-Innenstädten befragt. Ergebnis: 74 Prozent der Befragten wollen mehr Freizeit- und Kulturangebote in der Innenstadt. 86 Prozent finden, dass die Innenstädte mehr Erlebniswert anbieten sollten.

Essen: echter Wandel im Handel?

Eins ist klar: Wenn Innenstädte sich neu erfinden sollen, kostet das eine Menge Geld. Da kommen die landesweit 70 Millionen Euro aus dem NRW-Soforthilfeprogramm gerade recht. Das Programm wird so gut angenommen, dass die Landesregierung es sogar nochmal aufstocken will.

Wenn es nach dem Land geht, sollen die Städte mit dem Geld gerne experimentieren: Sie sollen nicht den Einzelhandel oder den Dienstleistungssektor berücksichtigen, um den Leerstand zu füllen; in der Ausschreibung ist zum Beispiel von sogenannten Reparaturcafés die Rede, von Kindertagesstätten, Hofläden oder Showrooms für regionale Online-Händler.

Die Stadt Essen hat viele Bewerbungen für die leeren Ladenlokale bekommen, erzählt Cityplanerin Svenja Krämer von der Essen Marketing Gesellschaft. Welche Konzepte das Rennen gemacht haben, verrät sie noch nicht. Nur so viel: Der Pool bestehe größtenteils aus Start-ups, die schon wüssten, wie man Geld verdiene.

Krämer will, dass die neuen Läden "eine gute Zielgruppe und ein bisschen Kaufkraft und einfach spannende Sachen nach Essen bringen." So, wie sie spricht, hört sich das nicht gerade nach Experimenten an: Unter alternativen Konzepten versteht Krämer beispielsweise "Mischungen aus Handel und Gastronomie".

Frühestens im August sollen die ersten neuen Mieter in die bisher leerstehenden Ladenlokale einziehen. Spätestens dann wird sich zeigen, ob es einen echten Wandel im Essener Handel gibt.

Aus Geschäften Wohnraum machen

Neue Ladenkonzepte, Umnutzung für Kultur und Bildung, attraktive Aufenthaltsorte – das ist noch nicht alles, sagt Barbara Possinke, Architektin aus Düsseldorf. Ihr Büro arbeitet an städtischen Projekten in ganz Deutschland, die eines eint: Fürs Wohnen muss in der künftigen Innenstadt auch Platz sein, damit es hier nach Geschäftsschluss Leben gibt.

Possinke berichtet, dass sie in mehreren Innenstädten in NRW Geschäftsraum zu Wohnraum umgestalten wird: Vor allem in mehrgeschossigen Warenhäusern oder Shoppingcentern sollen in oberen Etagen Wohnungen entstehen. Konkrete Städtenamen nennt sie nicht, die Verhandlungen laufen noch.

Stadtforscherin Marion Klemme kennt die Prozesse. Das könne dauern, sagt sie: „Nicht jedes Gewerbegebäude kann man mal eben in ein Wohnhaus umbauen, das ist baulich aufwendig, und kann auch rechtlich aufwendig sein."

Pandemie als Chance?

In Essen ist Cityplanerin Krämer noch nicht so weit, Gewerberäume in Wohnraum zu verwandeln. Sie stellt erstmal die Ladenlokale in den Mittelpunkt, die wegen der Pleiten in der Pandemie leer stehen. Stadtforscherin Klemme blickt weiter in die Zukunft: Natürlich sei es schade um die betroffenen Einzelhändler. Aus planerischer Perspektive aber freue sie sich einfach auf eine nutzungsgemischte Innenstadt, "in der nicht nur der Handel das Stadtbild prägt".

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Marion Klemme, Stadtforscherin

Die Pandemie hat als Katalysator gewirkt, die Städte treten in Aktion. Aber wird das alles auf Dauer finanzierbar sein? Das Landesprogramm zur Stärkung der Innenstädte jedenfalls ist erstmal nur auf zwei Jahre angelegt.

Man wird sich die schönsten Sachen überlegen können, aber ohne finanzielle Mittel wird es nicht gehen. – Christof Sommer (CDU), Städte- und Gemeindebund NRW

Christof Sommer (CDU), Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds warnt, das allgemeine Finanzloch dürfe nach der Pandemie nicht zu groß sein. Denn dann könne es sein, dass die Fördergelder anderweitig eingesetzt werden müssten.

Im "Konsumreform Shop" am Kopstadtplatz hängt Dirk Bußler ein Secondhand-Shirt zurück auf die Stange. Nachhaltigkeit findet er wichtig für die Zukunft des Einzelhandels. Ob die Limbecker Straße wirklich bunter und zukunftsorientierter wird, wenn ab August die ersten geförderten Mieter in die leeren Ladenlokale ziehen? Bußler hat da so seine Zweifel.

Wie soll sich die Innenstadt denn wandeln, wenn nur Innovation gepredigt, aber nicht gelebt wird? – Dirk Bußler

Die Stadt wolle schließlich nur Geschäftskonzepte, die solide Zahlen haben und Gewinne garantieren. Bußler fürchtet, dass das den Weg für Menschen versperrt, die wirklich neue Ideen in die Innenstadt bringen könnten. Er wünscht sich, dass die Stadt Essen bald wieder wirklich innovativ wird – so wie vor bald 100 Jahren, als sie die Limbecker Straße zur ersten Fußgängerzone Deutschlands machte.