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WDR

Autor: Jörn Kießler
Recherche: Sounia Siahi, Jörn Kießler
Redaktion: Nila Reinhardt
Mit Informationen von: Thomas Wenkert, Jochen Hilgers, Matthias Sdun, Monika Steinhaus und Erik Butterbrodt

Bildrechte: WDR, WDR / Simone Szymanski, WDR / Paul Eckenroth, dpa / Candy Welz, Doris Monréal, dpa / Achim Scheidemann, imago / Mike Kaercher, Anja Hecker-Wieneke, dpa / Guido Kirchner, Dörte Sittig, Ines Wulfert-Decke, Marion Böhm, WDR / Jörn Kießler, AFP / Hazem Bader, dpa / Rolf Vennenbernd, imago images/Jochen Tack, dpa / Bodo Schackow, Amma Baldé, WDR/Wulfert-Decke

Sieben von 17.138

Am 30. Juni gedenkt der nordrhein-westfälische Landtag den Toten der Corona-Pandemie. Dazu erinnern wir hier an sieben Opfer der Krise - stellvertretend für alle Menschen, die in NRW durch das Coronavirus gestorben sind. Seit Anfang 2020 verloren allein in Nordrhein-Westfalen 17.138 Menschen in Folge einer Infektion mit SARS-CoV-2 ihr Leben. Jede*r dieser Verstorbenen hinterlässt Familie, Freunde, Kollegen, Bekannte. Und obwohl alle an der gleichen Krankheit starben, ist jedes Schicksal einzigartig.

Erika Dahlmanns (24. Juni 1935 – 14. März 2020)

Die Asche von Erika Dahlmanns wurde auf dem Gelände eines Friedwalds in den Niederlanden verstreut. So hatte sie es sich vor ihrem Tod gewünscht. Dass bei der Zeremonie nicht ein einziges ihrer Kinder dabei sein konnte, war jedoch sicher nicht in ihrem Sinne. Ihre Familie hadert damit noch heute. "Keiner von uns hatte so richtig die Chance, sich von meiner Tante zu verabschieden", sagt ihre Nichte Marion Böhm.

Denn als Erika Dahlmanns am 14. März 2020 mit Covid-19 stirbt, herrscht in ihrem Heimatort Gangelt seit mehr als zwei Wochen Ausnahmezustand. Die Kappensitzung des örtlichen Karnevalsvereins "Langbröker Dicke Flaa" am 15. Februar gilt als der Ausgangspunkt der Corona-Pandemie in NRW.

Karneval in Gangelt

"Meine Tante wohnte seit mehr als 50 Jahren hier im Ort, war gut vernetzt und trotz ihrer 84 Jahre noch ziemlich fit", erzählt Böhm. Erika Dahlmanns lebte allein, ging noch selbst einkaufen, kümmerte sich eigenständig um ihren Haushalt. "Sie war ein fröhlicher Mensch, mit Humor, ging abends gerne noch mal bei den Nachbarn vorbei oder mit ihnen etwas trinken", erinnert sich ihre Nichte.

Kein Wunder also, dass auch in Erika Dahlmanns Leben Karneval eine wichtige Rolle spielt . "Als sie schon älter war, hat sie auch mal dasselbe Kostüm zwei Jahre in Folge getragen", sagt Böhm und schmunzelt. "Aber früher war das undenkbar."

Ein fester Termin ist für Erika Dahlmanns jedes Jahr das Altweiberfrühstück im Festzelt der Gangelter Karnevalsgesellschaft "Muhrepenn". Auch am 20. Februar 2020 sitzt sie dort mit ihrer Schwägerin, der Mutter von Marion Böhm, und anderen Freundinnen und singt bei einem Gläschen Sekt Karnevalshits mit.

Beerdigung ohne Familie

Bei der Veranstaltung infizieren sich Marion Böhms Mutter und Tante mit SARS-CoV-2. Beiden geht es in den Wochen danach schlecht. Marion Böhms Mutter erholt sich wieder einigermaßen. Erika Dahlmanns Infektion wird jedoch nicht direkt erkannt. "Sie bekam Durchfall. Und als das vorbei war, musste sie sich erbrechen", sagt Böhm. Heute weiß man, dass auch das zum Krankheitsbild von Covid-19 gehören kann.

Am 10. März wird Erika Dahlmanns ins Krankenhaus eingeliefert. Nur vier Tage später stirbt die 84-Jährige, weil in Folge der Corona-Infektion ihre Nieren versagen.

Die Beerdigung ihrer Tante habe die Familie unter den Umständen wie in einem Automatikmodus organisiert, erzählt Marion Böhm. Wegen der Pandemie kann kein Angehöriger mit zum Begräbnis in die Niederlande. "Wir dachten anfangs noch, dass wir dann einfach hinfahren, wenn Corona vorbei ist", sagt Böhm. "So nach fünf Wochen etwa."

Bis heute ist sie noch nicht auf dem Naturfriedhof gewesen, auf dem die Asche ihrer Tante verstreut wurde.

Bis zum 14. März 2020 sind in Nordrhein-Westfalen 34 Menschen in Folge einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

Dr. med. Samuel Ayim (3.Juli 1950 – 15. April 2020)

Als Samuel Ayim neun Jahre alt ist, erleidet sein Vater einen Schlaganfall. "In diesem Moment beschloss mein Vater, Arzt zu werden", sagt seine Tochter Amma Baldé. Zu diesem Zeitpunkt ein gewagtes Vorhaben. Denn Samuel Ayim, der in Ghana aufwächst, muss nach dem Schlaganfall seines Vaters gemeinsam mit seinem einzigen Bruder viel in der zehnköpfigen Familie helfen.

Doch Samuel Ayim hält an seinem Plan fest, auch als sein Bruder zum Studieren ins Ausland geht. Er selbst macht Abitur mit Bestnote, studiert Medizin und kommt 1980 nach Deutschland, um seinen Facharzt in Gynäkologie fertig zu machen. 1990 übernimmt Samuel Ayim eine Hausarztpraxis in Velbert.

Entspannung am Baldeneysee

"Mein Vater hat dafür gelebt, anderen Menschen zu helfen", erzählt seine Tochter. "Egal, wen man hier im Ort fragt: Jeder kennt meinen Vater."

Auch, weil Samuel Ayim nicht nur in medizinischen Belangen hilft. "Er hatte einen unglaublichen Gerechtigkeitssinn", sagt Amma Baldé. Und so schaltet sich Samuel Ayim auch ein, wenn es Streit in der Nachbarschaft oder bei Bekannten gibt, vermittelt, schlichtet und berät.

Er selbst sei immer bescheiden geblieben und mit wenig glücklich gewesen, erzählt seine Tochter. Wenn er sich etwas gönnen will, reicht es ihm, mit seiner Frau zum Spazieren an den Essener Baldeneysee zu fahren. "Das war sein Lieblingsplatz", sagt Amma Baldé.

Mit seiner ganzen Art inspiriert er sie aber auch seine beiden anderen Töchter, die es ihm alle gleich tun und eine medizinische Laufbahn einschlagen: Zwei werden Ärztinnen, ihre Schwester studiert Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Management im Gesundheitswesen.



In der Praxis angesteckt

Auch Samuel Ayim selbst bleibt mit Leib und Seele Mediziner. Obwohl er seit mehreren Jahren bereits in Rente sein könnte, geht Samuel Ayim mit 69 Jahren weiterhin jeden Tag in seine Praxis. Auch als Anfang 2020 die ersten Corona-Fälle auftreten. "Ich kann meine Patienten jetzt nicht im Stich lassen", erklärt er seiner Familie, als diese ihn bittet, nicht mehr zu arbeiten.

"Er war extrem vorsichtig, hatte Schutzausrüstung und FFP2-Masken angeschafft", erzählt Amma Baldé. Und trotzdem steckt er sich Mitte März bei einer Patientin mit dem Coronavirus an – etwa zur gleichen Zeit, als seine Tochter Amma ihr drittes Kind bekommt.

Wenige Tage später entwickelt Samuel Ayim erste Symptome, kommt Ende März ins Krankenhaus, wo sich sein Zustand immer weiter verschlechtert. Er muss intubiert werden.

Am 15. April 2020 stirbt Samuel Ayim – einen Monat nachdem seine Enkelin Yayé auf die Welt gekommen ist. Er konnte sie nicht einmal im Arm halten.

Bis zu diesem Tag sind in Nordrhein-Westfalen 908 Menschen in Folge einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

Rudolf Lempik (27.Juni 1967 – 16. April 2020)

Der Begriff, der am häufigsten im Zusammenhang mit Rudolf Lempik fällt, ist hilfsbereit. Ganz gleich, ob man ein Mitglied seines Karnevalsvereins, einen Kegelbruder oder seine Lebensgefährtin fragt.

"Wann immer man Hilfe brauchte – Rudi war da", sagt Michael Schönewald, der jahrelang gemeinsam mit Rudolf Lempik in der Karnevalsgesellschaft "Löstige Paulaner" und im Kegelverein "Rheinlöwen" war. Ganz gleich, ob man einen Umzug plante, einen Ort suchte, um ein Fest auszutragen oder Unterstützung bei irgendeinem Vorhaben brauchte – Rudolf Lempik hatte eine Lösung. "Rudi war eine Macher, ein ganz toller Typ", betont auch sein Freund Wolfgang Brands.

"Er hatte ein riesiges Herz", sagt seine Lebensgefährtin Dörte Sittig und fasst zusammen: "Alles was man sich bei einem Menschen wünscht, hat er verkörpert."





Reisen als große Leidenschaft

Kennengelernt hatten sich der KFZ-Mechaniker aus Pulheim und die Unternehmerin aus Bremen bei einem Urlaub auf Norderney. Denn Reisen war die große Leidenschaft von Rudi Lempik, am liebsten an immer wieder neue Orte und mit Freunden.

Von Städtereisen nach Wien und Paris über Urlaube am Wörthersee und auf Mallorca bis zu Fernreisen nach Mexico. "Gut erinnere ich mich noch an unseren Trip nach Las Vegas", sagt Michael Schönewald. Gemeinsam mit anderen Motorradfans aus dem Kegelklub fuhr Rudi Lempik damals von Las Vegas bis zum Grand Canyon – natürlich stilecht auf einer Harley Davidson.

Ob Vatertagstour mit dem Kegelklub, Vereinsfahrt mit der Karnevalsgesellschaft oder Skiurlaub mit Freunden – der lebensfrohe Rudi Lempik war dabei.

Corona-Test zunächst negativ

Auch im März 2020, als Rudi Lempik wie schon so oft mit Freunden in Ischgl zum Skifahren ist. Kurz zuvor waren die ersten Corona-Fälle im Kreis Heinsberg bekannt geworden. "Daher war mir nicht so wohl mit ihm in Ischgl", sagt seine Lebensgefährtin, die damals nicht mitkommt. Stattdessen bittet Dörte Sittig ihren Freund am Telefon mehrfach, wieder nach Hause zu kommen. "Aber wir dachten: 'Was soll uns schon passieren? Wir sind gesund.'", sagt Wolfgang Brands, der auch zu der Skitruppe gehört.

Trotzdem reisen sie dann doch einen Tag früher ab als geplant. Zurück in Pulheim entwickelt Rudi Lempik Symptome, obwohl sein Corona-Test zunächst negativ ist. Es geht ihm immer schlechter. Ende März wird der 52-Jährige ins Krankenhaus eingeliefert. Diagnose: Covid-19. Schon zwei Tage später ist sein Zustand so kritisch, dass er in ein künstliches Koma versetzt wird. Mehr als drei Wochen kämpft Rudi Lempik noch gegen das Virus an. Vergebens. Am 16. April stirbt Rudolf Lempik.

Bis zu diesem Tag sind in Nordrhein-Westfalen 962 Menschen in Folge einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

Hermann Hecker (29. Juni 1941 – 1. Mai 2020)

Es sind die ganz einfachen, die alltäglichen Dinge, die Wilma Hecker am meisten mit ihrem Mann fehlen. Die täglichen Spaziergänge, die gemeinsame Zeitungslektüre am Morgen. "Das war wie ein Ritual für uns", erinnert sich die Witwe des ehemaligen Bürgermeisters von Höxter. Auch weil Hermann Hecker viele politische Themen mit seiner Frau besprach – nicht nur beim Frühstück.

"Ich blieb oft wach, wenn er bis spät abends in Ausschusssitzungen war", sagt sie. "Und dann redeten wir noch ein wenig." Denn Hecker interessierte immer auch die Meinung anderer. Auch nach seiner zehnjährigen Amtszeit hatte er weiter ein offenes Ohr für die Bürger seiner Stadt. Regelmäßig nahmen er und seine Frau sich auf ihren Spaziergängen durch Höxter Zeit für einen Plausch mit den Menschen, die sie auf dem Weg trafen.



Einsatz für Stadthalle in Höxter

Ihre Spaziergänge führten sie immer wieder an einen der Lieblingsorte von Hermann Hecker: die ehemalige Benediktiner-Abtei Corvey. Dort genoss das Paar, das seit 1964 verheiratet war, nicht nur die historische Architektur und die Natur. "Mein Mann besuchte gerne kulturelle Veranstaltungen", sagt Wilma Hecker. Regelmäßig gingen sie gemeinsam zu Konzerten, Lesungen und Ausstellungen. Vielleicht auch deshalb setzte sich Hermann Hecker als Bürgermeister so vehement für den Bau einer Stadthalle ein. Viele Höxteraner sehen das bis heute als einen seiner größten Verdienste für die Stadt an.

"Er war ein Mensch, der immer wollte, dass alles in geordneten und guten Bahnen verlief", erinnert sich seine Frau. "Dafür hat er sich auch nicht gesträubt, sich mit anderen auseinanderzusetzen." Letztlich habe er die Menschen aber meist überzeugen können.

Eine Stadt spendet Trost

Ende März 2020 infiziert sich Hermann Hecker jedoch mit dem Coronavirus. Es geht ihm so schlecht, dass er in eine Klinik kommt. Vier Wochen behandeln ihn die Ärzte im St. Ansgar Krankenhaus in Höxter, können ihn jedoch nicht retten. Am 1. Mai 2020 stirbt Hermann Hecker im Alter von 79 Jahren, nachdem er in Folge der Covid-19-Erkrankung eine schwere Lungenentzündung bekommen hat.

"Ich vermisse ihn schrecklich", sagt seine Frau "Aber ich bin froh, dass ich in Höxter wohne." Immer wieder treffe sie bei ihren Spaziergängen auch heute noch Menschen, die ihren Mann kannten. "Dann sprechen wir über ihn", sagt Wilma Hecker. "Und das hilft mir sehr."

Bis zum 1. Mai 2020 sind in Nordrhein-Westfalen 1.397 Menschen in Folge einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

Dieter Monréal (8. Juli 1932 – 4. September 2020)

Als Dieter Monréal mit 88 Jahren in einem Düsseldorfer Pflegeheim stirbt, ist er nicht mit dem Coronavirus infiziert. Trotzdem ist er ein Opfer der Pandemie, sagt seine Familie.

Corona selbst hat Dich nicht umgebracht, aber die große Einsamkeit in vier Monaten Isolation.

Diesen Satz schrieb Doris Monréal über die Traueranzeige für ihren Mann. 53 Jahre waren die beiden miteinander verheiratet. Und obwohl Dieter Monréal an einer Polyneuropathie litt, wegen der er auf einen Rollstuhlangewiesen war, und er seit sechs Jahren in einem Pflegeheim wohnte, war er weiter fest in die Familie eingebunden. "Er war der meistbesuchte Mann im Heim", sagt auch seine Tochter Sandra Pfandt-Monréal.

Corona beunruhigt Monréal erst nicht

Doch das endet am 13. März 2020, dem Tag, an dem die Besuche in Alten- und Pflegeheimen wegen des Coronavirus eingeschränkt werden. Ab diesem Moment kann die Familie nur noch mit Dieter Monréal telefonieren. Trotzdem steht er diese Zeit durch. "Mein Mann war jemand, der sehr gut für sich sein konnte", sagt Doris Monréal. "Er war kein Freund von großen Veränderungen und genoss die einfachen Dinge."

So hatte der Marketingmanager zu Berufszeiten zwar mehrmals gute Jobangebote aus aller Welt, zog es aber vor, in seiner Heimatstadt Düsseldorf zu bleiben. "Er mochte Niederkassel mit dem Rhein samt Deich vor der Tür", erzählt seine Frau. "Natürlich sind wir auch mal weiter weg verreist, doch Dieter genoss es am meisten, einfach nach Holland zu fahren." Und auch zuhause habe er nicht viel gebraucht, um glücklich zu sein: eine gute Zeitschrift, ein Glas Wein, ein nettes Gespräch.

Auch wegen dieser Genügsamkeit beunruhigt Dieter Monréal die Corona-Pandemie anfangs nicht besonders. "Er ging davon aus, dass das alles schnell wieder vorbei ist", sagt Doris Monréal.



Einsamkeit führt zu Depression

Doch Ende Juni hat ihn die lange Zeit ohne Nähe und direkten Kontakt zu den Menschen, die er liebt, zermürbt. Bei den Treffen weint der damals 87-Jährige, lässt sich sogar von einem Pfleger früher zurück in sein Zimmer bringen. Dieter Monréal zieht sich immer mehr zurück, sitzt nur noch in seinem Zimmer, selbst fernsehen will er nicht mehr. "Er hatte eine richtige Depression entwickelt", sagt seine Frau. Als seine Familie ihn ab August wieder im Freien besuchen kann, ist er nicht mehr er selbst.

Fünf Wochen später stirbt Dieter Monréal – nicht an oder mit dem Virus, aber wegen Corona. Da ist sich seine Familie sicher.

Bis zum 4. September 2020 sind in Nordrhein-Westfalen 1.869 Menschen in Folge einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

Monika Wagner (12. März 1953 – 25. Januar 2021)

Als sich Sascha Wagner ein letztes Mal von seiner Mutter verabschiedet, läuft das Lieblingslied der 67-Jährigen von Brings.

Kumm lommer heimjon, bring mich noh Huus.

Wenige Stunden zuvor mussten Sascha Wagner und seine Familie eine sehr schwere Entscheidung treffen. "Die Ärzte aus der Bonner Uniklinik hatten angerufen und uns gesagt, dass es nichts mehr bringt, die Maschinen anzubehalten", sagt Sascha Wagner. Die Maschinen, die Monika Wagner seit drei Wochen am Leben erhalten, weil sie an Covid-19 erkrankt ist.

Atemnot und Angstzustände

Angesteckt hatte sich Monika Wagner während sie ihren an Krebs erkrankten Sohn zu einer Reha nach Hessen begleitete. Während des Aufenthalts geht sie für Sascha einkaufen. "Und als sie zurückkam, erzählte sie, dass auf dem Weg junge Leute waren, die keine Maske trugen und die Passanten anhusteten und pusteten", erzählt Sascha.

Drei Tage nach diesem Erlebnis gibt es erste Anzeichen, dass es Monika Wagner nicht gut geht. Kurz vor Weihnachten erkrankt sie an Covid-19, bekommt Atemnot und Angstzustände. Es wird so schlimm, dass sie mitten in der Nacht mit dem Rettungswagen in die Klinik gebracht wird – direkt auf die Intensivstation.

Drei Wochen kämpft sie dort noch gegen das Virus an. "Am Ende hat die Krankheit aber die Lunge meiner Mutter zerfressen", sagt Sascha Wagner.

Eine kölsche Frohnatur

Vor allem die fröhliche Art seiner Mutter fehlt der ganzen Familie. "Es gab nicht wirklich Tage, an denen Monika schlecht drauf war", sagt Saschas Frau Tatjana und Sascha Wagner ergänzt: "Sie war eben ein echt kölsches Mädchen."

Bis heute macht sich Sascha Wagner Vorwürfe. "Meine Mutter war wegen mir mit in der Reha und auch wegen mir einkaufen", sagt er. Trost spendet ihm, dass sich die Familie von Monika Wagner verabschieden konnte. "Wir hatten genügend Zeit zum Streicheln und Reden", erzählt Sascha Wagner. Und dass ihre Lieblingsmusik lief, habe auch geholfen.

Lommer endlich heimjon un maach die Leechter us.

Bis zum 25. Januar 2021 sind in Nordrhein-Westfalen 10.969 Menschen in Folge einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

Dean-Michael (1. Oktober 2010 – 15. Februar 2021)

Wenn Ines Wulfert-Decke über ihren Sohn spricht, stockt ihr immer wieder die Stimme. Jedesmal wenn die Erinnerungen an den Tod des gerade einmal zehnjährigen Dean-Michael zu schmerzhaft werden, kämpft sie mit den Tränen. Am deutlichsten hört man aus den Erzählungen über ihren Sohn aber heraus, wie stolz sie auf ihn war und und noch immer ist. "Er war ein liebevoller, tapferer kleiner Mann", sagt sie. "Und er hat sein Leben trotz der Umstände so großartig gemeistert."

Denn Dean-Michael war seit seiner Geburt mehrfach behindert. Von Beginn an war er auf einen Rollstuhl angewiesen. Trotzdem schaffte er es, den Menschen um sich herum seine Zuneigung zu zeigen.

Dean-Michael rollte gern über Kopfsteinpflaster

"Wenn die Mitarbeiter vom Pflegedienst kamen, legte Dean seine Hand auf deren Unterarm um Kontakt herzustellen", erzählt seine Mutter, die ihn zuhause in Gronau pflegte. Unterstützt wurde sie dabei von ihrem 13-jährigen Sohn Elias und ihrer Tochter Larissa, die unter der Woche in einer Pflegefamilie wohnt. Die Wochenenden und Ferien verbringt die 16-Jährige aber in Gronau.

Gemeinsam macht die Familie bis vor zwei Jahren oft Ausflüge, als Dean-Michael noch das Bett verlassern kann. Besonders liebt er es, wenn sein Rollstuhl über Kopfsteinpflaster geschoben wird. "Es konnte gar nicht genug holpern", sagt seine Mutter. "Raus an die frische Luft: das war immer das Schönste für ihn." Auch deshalb will sie seine Geschichte erzählen. "Mein Sohn darf und soll noch einmal um die Welt gehen", sagt Ines Wulfert-Decke.

Regelmäßig verbringt sie mit ihren beiden Söhnen Zeit im Kinder-undJugendhospiz in Olpe. So auch in diesem Jahr Anfang Februar. Um sich und ihre Kinder keinem Risiko auszusetzen, schickt Ines Wulfert-Decke ihren Sohn Elias zwei Wochen vor der Abreise nicht mehr in die Schule. Die ganze Familie begibt sich in Quarantäne und macht kurz bevor es nach Olpe geht einen Corona-Test. "Sogar die Mitarbeiter des Krankentransports waren getestet", sagt Wulfert-Decke.

Eine bemalte Urne zum Abschied

Doch dann passiert das, womit niemand gerechnet hat. Nach etwa einer Woche fängt Dean-Michael plötzlich an zu fiebern. Ein weiterer Corona-Test bestätigt die schlimmsten Befürchtungen: Die ganze Familie hat sich mit SARS-CoV-2 infiziert. Während die Krankheit bei Elias ohne starke Symptome verläuft, geht es Ines Wulfert-Decke schlecht, sie verliert sogar zeitweise ihren Geschmacks- und Geruchssinn.

Doch Dean-Michael kann dem Virus nichts entgegensetzen. "Eine Woche nachdem er Fieber bekommen hat, ist er eingeschlafen", sagt seine Mutter. Vor allem die Ungewissheit, wo sich Dean-Michael angesteckt hat, machte Ines Wulfert-Decke anfangs wütend.

Trost schenkt ihr, dass sie, Elias und Larissa sich im Kinderhospiz von Dean-Michael verabschieden konnten. "Larissa war über eine Videokonferenz dabei, als wir ihn ein letztes Mal in den Arm genommen haben", erzählt Ines Wulfert-Decke.

Die Urne, in der seine Asche vergraben wurde, malte die Familie bunt an. Jeder von ihnen verewigte sich mit einem farbigen Handabdruck darauf. "So hat Dean auch jetzt noch ein bisschen etwas von uns", sagt seine Mutter und ihre Stimme stockt. "Es tut weh, dass er nicht mehr bei uns ist."

Bis zum 15. Februar 2021 sind in Nordrhein-Westfalen 13.293 Menschen in Folge einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

In Gedenken an die 17.138 Menschen in Nordrhein-Westfalen, die bis zum 30. Juni 2021 an den Folgen von Corona gestorben sind.