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WDR

Text: Claudia Wiggenbröker
Redaktion: Thierry Backes, Julia Linn
Grafik und Animation: Alina Bilkis
Video: Cengiz Ünal, Moritz Jaegel, Hans-Georg Boldt und Nico Horstmann

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Was tun gegen hohe Energiepreise und Inflation?

Den Gürtel enger schnallen. Kürzertreten, haushalten. Jeden Pfennig umdrehen. Fürs Sparen hat der Volksmund eine Menge Redewendungen parat. Doch für viele Menschen in NRW wird Sparen nun zur alltäglichen Realität. Denn die Preise, gerade für Energie, sind enorm gestiegen.

Die 31-jährige Anna Nappi aus Wuppertal belastet das sehr:

Wir müssen gucken, dass wir so wenig wie möglich an Geld ausgeben. Zum Monatsende wird’s sehr schwierig. Wer weiß, was noch alles auf uns zukommen wird?

Das fragt sich nicht nur die Wuppertalerin, die ihren 10-jährigen Sohn allein erzieht.

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In einer Umfrage hatte jeder zweite Verbraucher Angst, seinen Lebensstandard wegen der Preissteigerungen nicht mehr halten zu können. Befragt wurden 500 Menschen Mitte März. Gerade jene, die zuvor schon jeden Cent umdrehen mussten, trifft es nun besonders hart.

Aber welche Gründe gibt es für die Teuerungen? Und was können Politik und Verbraucher nun tun?

Warum steigen die Preise überhaupt so stark?

Im März war die Inflation mit über 7 Prozent so hoch wie seit 40 Jahren nicht mehr in NRW. Zuletzt waren die Preise 1981 ähnlich stark gestiegen. Grund war damals der erste Golfkrieg. Er hatte die Mineralöl-Preise deutlich in die Höhe getrieben.

Nun, 2022, befinden wir uns ebenfalls in einer Energie-Krise, verursacht durch einen Krieg zwischen Russland und der Ukraine.

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Aber: Die Preise stiegen schon vor dem Krieg

Schon im vergangenen Jahr, als noch keine Rede vom Krieg war, haben die Preise bereits vielen Menschen in NRW Sorgen bereitet. Das zeigt eine WDR-Umfrage von Oktober: 70 Prozent der über 1.000 Befragten sorgten sich wegen der Teuerungen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Inflation die 4-Prozent-Marke überschritten. Warum? "Wir hatten viele Verwerfungen, die ihre Ursache in Corona-Lockdowns haben", sagt Michael Berlemann. Er ist Direktor am Hamburger Institut für Wirtschaftsforschung. Diese Verwerfungen nahmen schon mit dem ersten Lockdown 2020 ihren Anfang.

Viele Unternehmen konnten in dieser Zeit wenig oder gar nicht produzieren. Und brauchten daher weniger Energie. Die Nachfrage nach den Rohstoffen sank - und damit auch die Preise. Deshalb lohnten sich Fördermöglichkeiten - wie beispielsweise Fracking beim Gas - nicht mehr und wurden vorerst auf Eis gelegt.

Knappes Angebot und hohe Nachfrage

Als der Lockdown dann vorbei war, erholte sich die Wirtschaft schnell. Und der Bedarf an Energie stieg sprunghaft an. Aber die Energieförderung konnte so schnell, in so großem Umfang, nicht hochgefahren werden. Eine hohe Nachfrage traf nun also auf ein knappes Angebot - die Preise stiegen.

Lockdowns sind seither immer wieder ein Problem. Unter anderem, weil sie die Lieferketten zwischen verschiedenen Teilen der Erde unterbrechen. Auch das verknappt das Energie-Angebot, beispielsweise von Öl. Das wird überwiegend verschifft. Doch wenn in einem Hafen gerade die Arbeit wegen eines Lockdowns ruht, können die Schiffe nicht be- und wieder entladen werden. Sie liegen still.



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Und dann kam auch noch der Krieg

Der Krieg gab den Energie-Preisen nochmals Auftrieb. Denn Russland ist ein bedeutender Exporteur von Gas, Öl und auch Kohle. In Deutschland ist die Abhängigkeit von russischen Importen hoch. Vor allem die Erdgas-Lieferungen können nicht schnell oder nur zu hohen Kosten ersetzt werden.

Mit den Energie-Preisen stiegen dann auch die Preise für andere Produkte. “Wir brauchen Energie in sämtlichen Produktionsprozessen”, sagt Thieß Petersen, Ökonom bei der Bertelsmann Stiftung. Und wenn Energie teurer wird, dann steigen die Produktionskosten. Das zeigt sich unter anderem im Supermarkt.

Es gab eine ganze Reihe von Preissteigerungen im landwirtschaftlichen Bereich.

Ein Grund ist, dass auch hier Energie benötigt wird. Der Traktor braucht Sprit, die Melkanlage Strom. Und der Dünger braucht Gas, denn das ist wichtig für die Herstellung von stickstoffhaltigen Düngemitteln.

Exporte fallen weg

Hinzu kommt: Für manche Produkte sind die Ukraine und Russland bedeutende Exporteure. Beispielsweise für Weizen. Doch die Felder können während des Kriegs kaum bestellt werden. Das verteuert Brot und Brötchen, aber auch Futtermittel für Tiere. "Und so auch tierische Produkte", sagt Petersen. Gerade ärmere Länder treffe das - es drohe noch mehr Hunger.

Ein Sonnenblumenfeld in Odessa in der Ukraine

Zum Sinnbild der Teuerungen im Supermarkt sollte das Speiseöl werden. Die Ukraine ist ein bedeutender Exporteur von Sonnenblumen. Das Öl wird daher knapp, die Regale im Supermarkt sind leergefegt. Gastronomen streichen zeitweise gar die Pommes von ihren Menükarten - es sei nicht mehr genug Öl zum Frittieren da.

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Warum ist Energie in Deutschland besonders teuer?

Deutschland hat die höchsten Strompreise in der EU - und steht im weltweiten Ranking ebenfalls weit oben. Der Hauptgrund dafür: Steuern und Abgaben. In den vergangenen zehn Jahren sind die Monatsrechnungen für Strom um ein Viertel teurer geworden.

Auch die Preise an der Zapfsäule sind in Deutschland geklettert. Anfang Mai stand die Bundesrepublik im EU-Vergleich auf Platz 3 bei den Benzin- und auf Platz 5 bei den Dieselpreisen.

Ein Grund ist die Abhängigkeit von Russland: Deutschland hat nach wie vor eine Raffinerie, die mit russischem Öl arbeitet - manche Unternehmen befürchten deshalb Versorgungsengpässe. Das macht die Märkte nervös - und die Preise steigen.

Und auch beim Kraftstoff machen Steuern einen Großteil der Preise aus. Laut ADAC landen in Deutschland beim Benzin 48 Prozent der Tankrechnung beim Staat, beim Diesel 39 Prozent.

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Sorgt der Klimaschutz dafür, dass Energie noch teuer wird?

"Wir haben den Ausbau der Erneuerbaren nicht genügend vorangetrieben, weil wir lieber fossile Rohstoffe billig irgendwo eingekauft haben. Dafür werden wir jetzt bestraft", sagt Michael Berlemann vom Weltwirtschaftsinstitut in Hamburg.

Hätten wir das getan, was Klimaforscher seit 20 Jahren propagieren, hätten wir diese Probleme gar nicht.

Ähnlich sieht es auch Almut Balleer von der RWTH Aachen: "Wir haben keine grüne Inflation, sondern eine fossile Inflation." Fossile Energieträger wie Öl und Gas werden teurer, während Energie aus grünen Quellen - wie grüner Strom - zum Teil billiger wird.



Zumal fossile Energieträger auch teurer werden müssten, um die Energiewende zu schaffen. "Die Preise für Güter, die wir loswerden wollen, müssen steigen", so Balleer.

Und die CO2-Abgabe?

Immer wieder wird in diesem Zuge über die CO2-Abgabe diskutiert. Sie wird auf Energie aus fossilen Energieträgern erhoben - und soll einen Anreiz setzen, weniger Energie zu verbrauchen oder auf grüne Quellen umzusatteln.

"Der Preis für Strom aus fossilen Energieträgern wird höher - aber auch realitätsnäher", sagt Ökonomin Almut Balleer. Denn negative Effekte wie Umweltschäden hätten sich vorher nicht in den Preisen widergespiegelt - obwohl auch das Kosten sind.

Mit der Co2-Abgabe wurde das korrigiert.

Thieß Petersen von der Bertelsmann Stiftung begrüßt den Schritt ebenfalls. "Wir haben uns in der Vergangenheit den Luxus geleistet, diese Kosten immer weiter in die Zukunft zu verschieben."

Doch wenn der Klimawandel weiter vorangetrieben wird, werden auch Wetterextreme, Dürren und Fluten, zunehmen. "Die Kosten des Nichtstuns sind viel größer als die Kosten, die wir jetzt haben." Daher solle man an der Abgabe festhalten und den Anreizfür weniger Emissionen setzen. Aber:

Wir brauchen eine sozialpolitische Flankierung.

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Führt teure Energie zu Armut?

Jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland arbeitete im April 2021 im Niedriglohnsektor. Haushalte mit geringem Einkommen trifft es besonders hart, wenn Energiepreise steigen. Denn sie müssen einen hohen Anteil ihres Einkommens aufbringen für Strom, für Wärme und Lebensmittel.

Schaffen Menschen es irgendwann nicht mehr, sich ausreichend mit Energie zu versorgen, gelten sie als energiearm.

Allerdings haben diese Haushalte neben steigenden Preisen und geringen Einkommen noch ein weiteres Problem: Ihre Wohnungen und Haushaltsgeräte sind nicht energieeffizient. So erhöhen sich die Kosten noch weiter.

Wie schwierig es ist, als Geringverdienende mit den steigenden Preisen umzugehen, zeigt das Beispiel von Anna Nappi aus Wuppertal.

Wie kann ich meine Kosten im Alltag senken?

Stromfresser lassen sich mit einem Strommessgerät identifizieren. Solche können auch bei den örtlichen Verbraucherzentralen kostenlos ausgeliehen werden. Der gemessene Stromverbrauch sollte dann mit einem neuen, energieeffizienten Modell im Handel verglichen werden.

Im Bad

Im Bad kann sich, wenn das Wasser mit Strom erhitzt wird, ein Sparduschkopf lohnen. Auch ein Strahlregler ("Perlator") beim Wasserhahn sorgt dafür, dass weniger warmes Wasser verbraucht wird. Beides ist für wenige Euro im Baumarkt erhältlich.

Beim Durchlauferhitzer im Bad sollte die Temperatur nicht zu hoch eingestellt werden. "Am besten so, dass der Wasserhahn auf ganz heiß die angenehmste Temperatur hat", raten die Verbraucherzentralen.



Im Arbeitszimmer

Im Arbeitszimmer sollte ein Laptop statt ein Desktop-Computer genutzt werden. Laptops verbrauchen grundsätzlich viel weniger Strom. Wer nur surft, sollte, wenn möglich, ein Tablet oder Smartphone nutzen.

Der Bildschirmschoner spart dagegen keine Energie. Ladegeräte sollte man nicht in der Steckdose lassen, weil sie heimlich Strom fressen können.



Überall

In der ganzen Wohnung sollten Glüh- und Halogenlampen durch LED ersetzt werden - sie verbrauchen bis zu 90 Prozent weniger Strom.

Geräte wie Fernseher, Konsolen oder Receiver verbrauchen auch im Stand-by-Modus oft weiter Strom. Lampen, die über ein Netzteil betrieben werden, sogar im ausgeschalteten Zustand. Daher sollte bei den Geräten der Stecker gezogen oder eine (gemeinsame) abschaltbare Steckerleiste genutzt werden.



Heizen

Beim Heizen ist es wichtig, die Räume bedarfsgerecht zu wärmen. Laut den Verbraucherzentralen können mit jedem Grad weniger ungefähr 6 Prozent der Heizenergie gespart werden. Empfohlen werden 18 Grad im Schlaf- und 21 Grad im Wohnzimmer.

Verlässt man die Wohnung, sollte man die Heizung runterdrehen. Kehrt man zurück, raten die Verbraucherzentralen davon ab, das Thermostat direkt auf 5 zu drehen. So würde viel Energie verschwendet und der Raum zügig zu stark geheizt.

Weitere Tipps

  • Wer einen Balkon hat und etwas Geld investieren kann, für den könnte ein Stecker-Solargerät etwas sein. Eine Checkliste und Tipps dazu gibt es hier.
  • Tipps der Verbraucherzentralen zum Thema Heizen gibt es hier. Ratschläge zum Energiesparen finden sich hier.
  • Tipps aus den WDR-Redaktionen zum Sparen beim Einkaufen gibt es hier. Und was Vermieter bei gestiegenen Nebenkosten dürfen und was nicht, steht hier.

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Was kann die Politik tun, damit Preise wieder sinken?

Die Bundesregierung hat ein Entlastungspaket für die hohen Energie- und Lebensmittelkosten auf den Weg gebracht. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung werden ärmere Haushalte dennoch stärker von den hohen Energiepreisen belastet als reichere Haushalte.

"Die Maßnahmen bringen etwas - sie sind allerdings in der Höhe zu niedrig", sagt Florin Vondung. Er forscht am Wuppertal Institut zum Thema Energiearmut. "Auch durch den Einmalcharakter werden die Maßnahmen nicht nachhaltig zur Lösung des Problems beitragen."

Viele Forschende kritisieren daher: Die Entlastungen sind nicht bedarfsgerecht genug.

Was kann der Staat also tun?

Das Klimageld sollte vorgezogen eingeführt werden, meint Vondung. "Das steht bereits im Koalitionsvertrag, da ist kein konkretes Datum benannt. Das sollte jetzt aber schnell kommen."

Eine andere Möglichkeit sei, eine nach Verbrauch gestaffelte Energiesteuer einzuführen. "Niedrigverbraucher würden einen geringeren Satz für Energie zahlen. Dadurch entsteht für Vielverbraucher auch ein Anreiz, Energie zu sparen." Die Herausforderung dabei: "Die Energiesteuer müsste einen Spagat zwischen administrativem Aufwand, Datenschutz und sozialer Ausgewogenheit schaffen."

Eine andere Idee wären Sozialtarife: Die ersten Kilowatt-Stunden auf der Stromrechnung wären kostenlos. Alles, was darüber hinausgeht, würde als Luxus-Verbrauch stark zur Kasse gebeten.

Was kann noch getan werden, um die Inflation zu stoppen?

Die Europäische Zentralbank hat beschlossen, den Leitzins im Juli zu erhöhen. So wird der Inflation entgegengewirkt - eigentlich.

Der Leitzins beeinflusst den Zinssatz, den Banken für Kredite nehmen. Sind diese Kreditzinsen niedrig, können sich Unternehmen und Verbraucher billiger Geld leihenund ausgeben. "Ein niedriger Zinssatz kurbeltdie Wirtschaftalso an und führt zu einer hohen Güternachfrage", erläutert Ökonom Thieß Petersen. Wenn die Nachfrage hoch ist, steigen allerdings die Preise.

Der niedrige Zins baut somit Inflationsdruck auf.

Will die EZB dem entgegenwirken, erhöht sie den Leitzins. Dann sinkt die Nachfrage wieder und damit auch die Inflation. Soweit die Theorie. Doch das Problem derzeit ist: Die Inflation ist nicht durch die Nachfragegetrieben.

Die Lage beruhigen

Die Inflation ist vor allem auf ein knappes Angebot von Gütern zurückzuführen. "Eine Zinssenkung ändert nichts an dem geringen Angebot von Erdgas, Erdöl und Weizen", so Petersen.

Die EZB in Frankfurt - sie könnte den Leitzins erhöhen.

Trotzdem könnte es helfen, wenn die Zentralbank den Leitzins erhöht. "Es ist wichtig, dass die EZB jetzt mit sanft steigenden Zinsen - um die Wirtschaft nicht abzuwürgen - signalisiert, dass sie bereit ist, gegenzusteuern", sagt Michael Berlemann vom Weltwirtschaftsinstitut in Hamburg.

Das kann dazu beitragen, die Lage zu beruhigen. "Meine Erwartung ist aber, dass wir über das ganze Jahr hinweg eine hohe einstellige Inflationsrate haben werden", so Berlemann.

Ich glaube allerdings, dass sich dieser Prozess nicht dauerhaft fortsetzen wird.

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