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WDR

Autor: Jörn Kießler
Redaktion: Julia Linn, Sarah Sanner
Grafik und Animation: Alina Bilkis
Video: Ben Bode, Maik Arnold

Bildrechte: picture alliance/Sven Simon, imago images/agrarmotive, BMG/Dennis Leupold, Archiv, WDR, AFP/Ina Fassbender, Imago Images, LWL/Kathrin Nolte/WDR[Montage], imago/Metodi Popow/WDR[Montage]



Von Jörn Kießler

Zwei Jahre hat die Politik zum Durchhalten in der Corona-Pandemie aufgerufen. Immer wieder wurde betont, dass wir gemeinsam gut durch die Krise kommen, wenn wir Rücksicht aufeinander nehmen - und uns impfen lassen. Doch viele Menschen in Deutschland sind pandemiemüde. Zwar gibt es im Sommer 2022 so wenige Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 wie seit dem Beginn der Pandemie nicht. Der Blick auf Herbst und vor allem Winter, wenn die Krankenhäuser wieder voller und die Regeln wieder strenger werden könnten, frustriert aber viele schon jetzt.

Dazu kommt, dass mittlerweile auch in der Wissenschaft darüber diskutiert wird, welche Maßnahmen sinnvoll sind, um die Bevölkerung zu schützen und Corona unter Kontrolle zu bekommen. Bestes Beispiel: Die Diskussion zwischen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und der Ständigen Impfkommission (Stiko). Lauterbach empfahl bereits Mitte Juli, dass sich auch Menschen unter 60 Jahren ein viertes Mal impfen lassen sollten. Die Stiko hingegen blieb zunächst bei ihrer Empfehlung für eine zweite Auffrischungsimpfung nur für Personen über 70 Jahre sowie Menschen in Pflegeeinrichtungen oder mit Immunschwäche - bis Mitte August. Da änderte die Stiko ihre Empfehlung und rät nun allen Menschen ab 60 Jahren zur zweiten Booster-Impfung.

Auch diese Diskussionen tragen dazu bei, dass es einige Menschen gibt, die sich nicht noch einmal impfen lassen wollen. Dabei handelt es sich nicht unbedingt um überzeugte Impfgegner. Sie sind teils bereits zweimal geimpft, viele auch geboostert. Trotzdem fragen sie sich, ob eine vierte Impfung nötig ist oder sie sich überhaupt hätten impfen lassen müssen. Vor allem in sozialen Netzwerken äußern viele ihre Zweifel.

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Hat die Impfung überhaupt etwas gebracht?

Ja, die Impfung gegen das Coronavirus wirkt. Das belegen die Kennzahlen, mit denen sich der Verlauf der Pandemie nachzeichnen lässt, deutlich.

Zwar erreichte die Sieben-Tage-Inzidenz beispielsweise in Nordrhein-Westfalen in der Pandemie-Welle in diesem Frühjahr nie dagewesene Werte von mehr als 1.700. Trotzdem mussten nicht so viele Corona-Patienten in Kliniken behandelt werden wie noch im Winter 2020, als die Zahl der Neuinfektionen um ein Vielfaches niedriger war, es aber noch keine Impfung gab.

Dieses Bild spiegeln auch die bundesweiten Corona-Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) zu den wöchentlichen Neuinfektionen, Hospitalisierungen und Todesfällen in Zusammenhang mit Covid-19 wider.

Ich bin damit einverstanden, dass mir Diagramme von Datawrapper angezeigt werden.

Um die Auswirkungen der Impfung zu veranschaulichen, wurden die absoluten Zahlen für die Grafik in Verhältnis mit den Werten aus der 51. Kalenderwoche 2020 gesetzt. In dieser Woche erreichte die zweite Welle ihren Höhepunkt - eine Impfung gab es noch nicht.

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Wieso kann ich trotz Impfung an Covid-19 erkranken?

Neben der Wirkung der Impfung machen die Zahlen auch das wohl größte Impf-Missverständnis deutlich: Auch Geimpfte können sich noch mit dem Virus infizieren - insbesondere mit der hochansteckenden Variante Omikron.

Gerade zu Beginn der Pandemie hofften viele Menschen, dass genau das nicht der Fall sei. Sie gingen davon aus, dass sie durch die Impfung gegen eine Infektion geschützt seien und die Pandemie so für sie vorbei sei.

Symptomatische Infektion bedeutet, dass Menschen, die sich mit dem Virus infizieren, auch Krankheitszeichen wie beispielsweise Fieber oder Husten entwickeln. Vor allem in dieser Phase reicht ihre Viruslast aus, um andere Personen schnell anzustecken. Genau solche Infektionen können durch die Impfung auch verhindert werden. Allerdings ist dieser Schutz nur temporär, wie sich im Laufe der Pandemie herausstellte.

Daher hat Watzl auch Verständnis für die Enttäuschung einiger Menschen. "Ich glaube, das war ein großes Problem in der Kommunikation, weil die Impfstoff-Studien so erfolgreich waren und gezeigt haben, dass zu 95 Prozent die symptomatische Infektion schon durch die Impfung verhindert wurde", erklärt er. "Und das hat natürlich bei den Menschen auch so ein bisschen das Gefühl hervorgerufen, dass man gesagt hat: 'Jetzt bin ich geimpft, was kann mir denn jetzt noch passieren?'"

Unterstützt wurde dieser Eindruck durch Botschaften aus der Politik, sagt der Historiker Malte Thießen, der sich unter anderem mit der Geschichte der Gesundheit, Gesundheitsvorsorge und des Impfens beschäftigt.

Und das schon, bevor es überhaupt einen Impfstoff gab. "Bereits auf eine Anfrage der AfD im Bundestag im Mai 2020 erklärte die Bundesregierung, dass die Pandemie erst vorbei sei, wenn ein Impfstoff da ist", erinnert sich Thießen. Das stimme grundsätzlich auch, doch viele interpretierten die Aussage so, dass die Corona-Krise vorüber sei, SOBALD es einen Impfstoff gebe.

Dementsprechend groß war die Enttäuschung bei dieser Gruppe von Menschen, als sich ihre Hoffnungen nicht bewahrheiteten. Stattdessen änderte die Stiko nach der Zulassung der ersten Impfstoffe mehrfach ihre Empfehlungen zur Corona-Impfung - was dazu führte, dass viele Menschen den Eindruck bekamen, Wissenschaft und Politik würden nur falsche Versprechungen machen, die sie ohnehin nicht erfüllen könnten.

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Wieso wurden die Impfempfehlungen so häufig geändert?

"Ich glaube, was die Bevölkerung hier mitbekommen hat, ist, wie Wissenschaft eigentlich funktioniert", sagt der Immunologe Watzl.

Das hieße aber nicht, dass man am Anfang mit den alten Daten gelogen habe. Sondern, dass man einfach keine anderen Daten hatte, um eine andere Empfehlung zu geben.

Ein Beispiel dafür sind die Aktualisierungen der Impfempfehlung für den Impfstoff von Astrazeneca. Als das Vakzin Ende Januar 2021 zugelassen wurde, empfahl die Stiko zunächst, dass sich alle Menschen zwischen 18 und 64 Jahren damit impfen lassen sollten.

Etwa sechs Wochen später, Mitte März, hob die Stiko in der Aktualisierung der Impfempfehlungen diese Altersgrenze von 65 Jahren auf und empfahl die Impfung mit Astrazeneca für alle Menschen ab einem Alter von 18 Jahren.

Mehrfach änderte die Stiko ihre Empfehlung für den Impfstoff von Astrazeneca.

Nur einen Monat später hatte die Stiko neue Erkenntnisse: Nach der Impfung mit Astrazeneca kam es bei jüngeren Menschen zu seltenen Fällen von Thrombosen - darunter auch Hirnvenenthrombosen. Darauf reagierte die Stiko und empfahl Mitte April die Impfung mit Astrazeneca "im Regelfall" nur für Menschen ab 60 Jahre.

Das habe in der Bevölkerung zu Verwirrung geführt, sagt Watzl, "aber das war learning by doing". Doch bei den Menschen sei nicht immer angekommen, dass diese Entscheidungen auf Daten basierten.

Verschärft wird diese Verwirrung dadurch, dass sich das Virus weiterentwickelte, mutierte und sich dadurch diverse Parameter in der Pandemie immer wieder änderten: vor allem die Impfquote, die für eine Herdenimmunität in Deutschland erreicht werden müsste, und die Zahl der Impfungen, die nötig sind, um effektiv vor einer symptomatischen Infektion und einer schweren Erkrankung geschützt zu sein.

Alles in allem führte auch das dazu, dass die Bereitschaft der Bevölkerung, sich impfen zu lassen, immer weiter sank. Selbst ein Teil der Menschen, die bereits ein- oder zweimal geimpft wurden, tendiert mittlerweile dazu, sich nicht ein weiteres Mal impfen zu lassen.

Das liegt laut dem Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje vor allem daran, dass die Politik es versäumt habe, überzeugend über die Impfung zu kommunizieren. Um das zu verdeutlichen, teilt er die Zeit seit der Zulassung der ersten Impfstoffe in drei Phasen: "Am Anfang gab es noch zu wenig Impfstoff, so dass die Menschen, die sich impfen lassen wollten, ohne Überzeugungsarbeit von selbst kamen", erklärt er.

In der zweiten Phase kippte dieses Verhältnis. Es gab mehr Impfstoff als Impfwillige. "Und da hätte die Bundesregierung in der Kommunikation umschwenken müssen", sagt der Kommunikationsberater. "Weg vom reinen Aufruf 'Ärmel hoch!' hin zu einer wertebasierten Überzeugungsbotschaft."

Selbst David Hasselhoff warb in Deutschland für die Corona-Schutzimpfung.

Dass so etwas wirkt, zeigt laut Historiker Thießen beispielsweise die Impfkampagene zur Impfung gegen Polio/Kinderlähmung in den 1960er und 70er Jahren. "Damals gab es aufwendig aufbereitetes Informationsmaterial in dem den Menschen ganz transparent der Nutzen und auch die Risiken der Impfung dargelegt wurden", sagt Thießen. Und es habe super funktioniert. "Die Impfquote gegen Polio lag weit über 90 Prozent."

Davon sind wir aktuell in Sachen Corona noch weit entfernt. Laut dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) liegt Deutschland in Europa aktuell auf dem elften Platz was die Zahl der komplett, also zweimal Geimpften angeht. Das sind laut Bundesgesundheitsministerium fast 76 Prozent der Bevölkerung. Mindestens eine Booster-Impfung bekamen demnach gut 59 Prozent.

Diese dritte Phase, in der wir uns gerade befinden, bezeichnet Hillje als ein "massives Problem". Denn durch die schlechte Kommunikation hat die Politik seiner Meinung nach viel an Vertrauen einbüßen müssen.

Das zeigen auch die Ergebnisse der letzten Befragung der Cosmo-Langzeitstudie der Universität Erfurt von Mitte März. Darin wurden mehr als 1.000 Geimpfte und nicht Geimpfte unter anderem gefragt, wie sehr sie der Regierung beim Umgang mit der Corona-Pandemie vertrauen. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, nur geringes oder kein Vertrauen in die Regierung zu haben.

Das führt auch dazu, dass die Impfkampagne nur schleppend vorangeht. Laut den Ergebnissen der Cosmo-Studie wird das wohl auch so bleiben. In der letzten Erhebung befragten die Forscher aus Erfurt unter anderem auch Ungeimpfte, ob sie sich noch impfen lassen wollen. 83 Prozent von ihnen gaben an, sie wollten sich auf keinen Fall impfen lassen.

Laut Bundesgesundheitsministerium sind aktuell noch etwa 18,7 Millionen Menschen in Deutschland nicht geimpft. Vier Millionen davon sind Kinder unter fünf Jahren, für die es noch keinen zugelassenen Impfstoff gibt. Wendet man das Ergebnis der Cosmo-Befragung auf die restlichen Ungeimpften an, kommt man - rein rechnerisch - zu dem Schluss, dass sich mehr als zwölf Millionen Menschen in Deutschland nicht impfen lassen werden, obwohl sie es könnten.

Und genau diese Tatsache wiederum hat ebenfalls Einfluss auf die Impfempfehlungen der Wissenschaft. So war die große Zahl der Ungeimpften unter anderem ein Grund dafür, warum die Stiko während der Delta-Welle die Booster-Impfung für alle Menschen ab 18 Jahren empfahl.

"Was bei Delta wirklich das Problem war, dass Delta die erste Variante war, die dem Impfschutz etwas entgangen ist", erklärt der Immunologe Watzl. "Das heißt, man war durch die Impfung nicht mehr ganz so gut geschützt."

Das bezog sich aber vor allem auf den Schutz vor einer symptomatischen Infektion. Vor einer schweren Erkrankung schützten die beiden ersten Impfungen noch immer in den meisten Fällen.

"Das heißt, wenn wir gesagt hätten, wir wollen nur Erkrankung verhindern, hätte es uns gereicht, wenn wir sagen würden: 'Alle Personen die zweimal geimpft sind, sind durch, die brauchen sich nicht ein drittes Mal impfen lassen.'"

Laut Watzl hätte man sich daher "aus der Delta-Welle raus impfen können, indem wir die Ungeimpften erreicht hätten. Aber da wurde zu dem Zeitpunkt schon langsam klar: Wir haben jetzt genug Impfstoff, aber wir haben nicht genügend Menschen, die sich impfen lassen wollen."

Also bot die Stiko den impfbereiten Menschen die Booster-Impfung an. "Wenn sich Leute ein drittes Mal impfen lassen, dann ist dieser Schutz vor der symptomatischen Infektion auch wieder da", erklärt Watzl. "Dann können sich die Leute auch mit Delta nicht mehr so gut anstecken und können das Virus auch nicht mehr weitergeben." Spätestens mit der Verbreitung der Omikron-Variante ist eine dritte Impfung aber auch für den individuellen Schutz sinnvoll geworden.

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Muss sich irgendwann jeder ein viertes Mal impfen lassen?

Derzeit sieht es nicht so aus, als ob die Stiko die vierte Impfung für alle Menschen ab 18 Jahren empfehlen wird. Zwar warnen Virologen schon jetzt vor der nächsten Corona-Welle im kommenden Herbst, Prof. Carsten Watzl ist aber der Meinung, dass auch dann keine weitere Impfung für alle nötig sein wird.

"Der Sinn der Impfung ist ja, eine schwere Erkrankung zu verhindern", sagt der Immunologe. "Ich lasse mich ja nicht impfen, weil ich einen Schnupfen verhindern möchte."

Ihren Immunschutz werden viele voraussichtlich dadurch immer wieder erneuern, dass sie sich mit dem Virus infizieren. "Viele von den geboosterten Menschen haben sich jetzt ja auch schon mit Omikron infiziert", erklärt Watzl. Dadurch hätten sie ihre vierte Impfung mit dem angepassten Impfstoff bereits bekommen - nämlich dem Virus selbst.

Sollte sich jedoch eine Variante des Coronavirus entwickeln, die nicht nur ansteckender sondern auch krankmachender bzw. tödlicher ist als beispielsweise Delta, könne man darüber nachdenken, ob man den Schutz gegen eine symptomatische Infektion noch einmal mit einer Impfung auffrischen lässt.

Bei älteren Menschen oder Menschen, die wegen Vorerkrankungen ein geschwächtes Immunsystem haben, sieht das jedoch anders aus. Bei ihnen ist es besser, wenn sie gar keinen Kontakt mit dem Virus haben. "Und deren Immunität spreche ich am besten auch mit einer Impfung an", sagt Watzl. "Deshalb will ich gar nicht ausschließen, dass wir jetzt im Herbst eine generelle vierte Impfung für alle ab 60, vielleicht ab 70 empfehlen. Mit dem vielleicht dann angepassten Impfstoff und das im nächsten Herbst auch noch mal machen."

Die Bundesregierung geht sogar noch einen Schritt weiter. Sie will allen Menschen, die das wollen, bis zum kommenden Herbst eine vierte Corona-Impfung anbieten. Allerdings soll dafür ein neuer, auf die derzeit dominierende Omikron-Variante angepasster Impfstoff verwendet werden, der sich derzeit noch in der Entwicklung befindet.

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Wie geht es insgesamt mit den Impfungen weiter?

Das ist schwierig zu sagen. Watzl geht aber davon aus, dass wir in Zukunft mit der Corona-Impfung ähnlich verfahren wie mit der Grippeschutz-Impfung. Das heißt, die Menschen, die ein gesundes Immunsystem haben, können selbst entscheiden, ob sie sich noch einmal - beispielsweise im Herbst - gegen Corona impfen lassen oder nicht. Das können Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen natürlich auch. Ihnen würde Watzl die regelmäßige Auffrischungsimpfung aber empfehlen.