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WDR

Autor: Jörn Kießler
Redaktion: Nila Reinhardt, Jeanette Erfurth
Recherche und Videos: Monika König und Jens Eberl

Bildrechte: WDR

Leben retten am Limit

Jeden Tag kämpft das Team der Intensivstation der Uniklinik Köln um das Leben jedes Corona-Patienten. Doch diesmal ist es anders. Denn viele der schweren Erkrankungen während der vierten Welle wären durch eine Impfung vermeidbar gewesen. Eine Tatsache, die die Lebensretter:innen frustriert. (Ton an!)

Der Kampf gegen die vierte Welle

Dr. Matthias Kochanek leitet die internistische Intensivmedizin an der Uniklinik Köln - und er ist genervt. Davon, dass er und seine Kollegen und Kolleginnen auf der Intensivstation schon zu Beginn des Winters alle Hände voll damit zu tun haben, schwer erkrankte Covid-Patienten zu versorgen. Und das, obwohl es in vielen Fällen vermeidbar gewesen wäre.

Denn im Gegensatz zur dritten Welle, in der Ärzt:innen und Pfleger:innen auf vielen Intensivstationen in NRW bereits bis zur Erschöpfung arbeiteten, gibt es mittlerweile mehrere Impfstoffe gegen das Coronavirus. Sie senken nicht nur die Gefahr, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren, sie verhindern auch in den meisten Fällen einen schweren Verlauf der Krankheit.

Trotzdem ist der Anteil der Ungeimpften in der Bevölkerung noch immer relativ groß. Und gerade die Ungeimpften, die sich mit Corona infizieren, landen dann bei Matthias Kochanek und seinen Kolleg*innen auf der Intensivstation. In Köln beträgt ihr Anteil etwa 90 Prozent.

Auch deshalb steigt der Frust bei Ärzten wie dem Intensivmediziner Dr. Alexander Shimabukuro-Vornhagen, den vor allem die Vermeidbarkeit von vielen Todesfällen schwer belastet.

Zahl der Intensivbetten seit der dritten Welle gesunken

Eine Triage - also die Entscheidung, um welchen Patienten weiter gekämpft wird und für welchen die Ressourcen auf der Intensivstation nicht mehr reichen - muss bislang zwar noch nicht durchgeführt werden. Die Situation auf den Intensivstationen in ganz Nordrhein-Westfalen ist aber angespannt.

Zwar gibt es im Vergleich zur dritten Welle weniger Covid-Patienten auf den Intensivstationen. Gleichzeitig stehen aber auch nicht mehr so viele Intensivbetten wie im vergangenen Winter zur Verfügung.

Ich bin damit einverstanden, dass mir Diagramme von Datawrapper angezeigt werden.

Je mehr Covid-Patienten nun behandelt werden müssen, desto weniger Betten gibt es für Menschen mit anderen Erkrankungen.

Welche verheerenden Folgen das beispielsweise für Krebspatienten haben kann, wird Prof. Dr. Christiane Bruns jeden Tag aufs Neue bewusst.

Misstrauen gegenüber der Politik

Auf der Intensivstation wird aber jeder behandelt, egal ob geimpft oder nicht. So wie der dreifache Familienvater Manfred Glumm.

Der 64-Jährige musste vor einigen Tagen wegen Atemproblemen einen Krankenwagen rufen. Seitdem liegt er auf der Intensivstation. Geräte unterstützen ihn seitdem beim Atmen.

Trotz seiner lebensbedrohlichen Situation, ist Manfred Glumm weiterhin der Meinung, dass es richtig war, sich nicht impfen zu lassen.

Bedenken gegenüber der Covid-Impfung

Andere ungeimpfte Patienten halten selbst dann an ihrer Meinung fest, wenn sie selbst schwer erkranken. Sie leugnen beispielsweise weiter, dass es das Coronavirus überhaupt gibt oder betonen, dass von dem Virus keine Gefahr ausgehen würde.

Manche begründen ihre Ablehnung gegenüber der Impfung damit, dass sie keinen Impfstoff bekommen wollen, der noch nicht ausreichend getestet wurde oder dadurch Langzeitfolgen fürchten.

Für solche Erklärungen hat Dr. Alexander Shimabukuro-Vornhagen keinerlei Verständnis - auch weil er weiß, was passiert, wenn die Infizierten schwer erkranken und auf der Intensivstation landen.

Schwierige Entscheidungen

Gerade diese Komponente sorgt dafür, dass die Mediziner:innen und Pflegekräfte, die jeden Tag um das Leben aller Patienten kämpfen, neben ihrer körperlichen Arbeit auch psychisch und emotional schwer belastet sind.

Ich habe mich dabei ertappt, dass ich vielleicht nicht mehr ganz emotionsfrei Entscheidungen treffen kann. Und das gibt mir schwer zu denken, ehrlich gesagt." Dr. Matthias Kochanek

Denn umso voller die Intensivstationen werden, desto häufiger müssen die Ärzte dort nach moralischen und ethischen Grundsätzen entscheiden, wem sie helfen können und wem nicht. Gerade in der vierten Welle betreffen diese Entscheidungen häufig Menschen, die offenbar einem ganz anderen Wertekompass folgen, als die Mediziner, die sie behandeln.

Sie denken weder an die Ärzte und Pfleger, die sich dann um sie kümmern müssen, noch an den Rest der Gesellschaft. Für den Direktor der Klinik für Innere Medizin Prof. Dr. Michael Hallek ist das schwer ertragbar.

Der Kampf um jedes Leben

Trotzdem kämpfen die Mitarbeiter:innen der Uniklinik um das Leben jedes Patienten - und das nicht nur, weil sie dazu verpflichtet sind.

Durch den täglichen Kontakt mit den Infizierten auf der Intensivstation entwickeln sie auch eine Beziehung zu jedem einzelnen Patienten. Sie leiden mit ihm oder ihr, wenn sich sein oder ihr gesundheitlicher Zustand verschlechtert. Und sie sind dabei, wenn harte Entscheidungen getroffen werden müssen, bei denen nicht immer klar ist, ob sie die gewünschte positive Wirkung haben werden.

Zum Beispiel, wenn entschieden wird, dass die Patienten künstlich beatmet werden müssen. Solche Momente, wenn die Patient:innen beipielsweise ihr vorerst letztes Telefonat führen, nehmen Pfleger wie Dominik Stark immer wieder sehr mit.

Erfolgserlebnisse bauen auf

Doch das medizinische Personal wird auch immer wieder mit positiven Erlebnissen für seine Arbeit belohnt. So erinnert sich Michael Hallek an eine ältere Frau, die mit schwersten Covid-Symptomen auf die Intensivstation eingeliefert wurde.

Im Verlauf ihrer Behandlung kommt es immer wieder zu Komplikationen. Die Patientin leidet unter anderem an neurologischen Ausfällen. Doch dann erholt sie sich. Nachdem hier alle wochenlang um das Leben der Frau gekämpft haben, kann sie sogar aus der Klinik entlassen werden.

Prof. Dr. Hallek bekommt wenig später sogar noch eine Nachricht von ihr auf sein Handy.

Kölner Ärzte und Pflegekräfte bleiben positiv

Das Team der Intensivstation und Prof. Dr. Michael Hallek stehen unter einem enormen körperlichen und emotionalen Druck. Zudem steigen die Infektionszahlen und deuten darauf hin, dass sich die Lage diesen Winter wieder verschärfen wird. Trotzdem bleiben die Mitarbeiter auf der Intensivstation postiv.

Auch in Zukunft werden sie weitermachen wie seit dem Beginn der Pandemie und gemeinsam - als Team - um jedes Leben auf der Intensivstation kämpfen.



Manfred Glumm

Am 1. Advent, zwei Tage nach unserem letzten Treffen, erreicht uns die Nachricht, dass sich der Zustand von Manfred Glumm überraschend so dramatisch verschlechtert hat, dass er innerhalb weniger Stunden verstorben ist.

Seine Familie hat sich entschieden, dass wir seine Geschichte zu Ende erzählen sollen. Vielleicht rettet das anderen das Leben.