Hinweis

Für dieses multimediale Reportage-Format nutzen wir neben Texten und Fotos auch Audios und Videos. Daher sollten die Lautsprecher des Systems eingeschaltet sein.

Mit dem Mausrad oder den Pfeiltasten auf der Tastatur wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Durch Wischen wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Los geht's

#ArbeitInklusive

Logo https://reportage.wdr.de/arbeitinklusive

Start und Navigation

Gleiche Chancen bei der Bewerbung und im Job sind noch längst keine Selbstverständlichkeit für Menschen mit Behinderung. Das zeigen nicht nur die Statistiken, sondern auch persönliche Erfahrungen. 

Für unsere Serie #ArbeitInklusive haben wir vier Menschen getroffen, die in ihrem Beruf angekommen sind – sei es mit eisernem Willen, besonderer Begabung oder mit Hilfe von kreativen Unternehmen. 
Zum Anfang

Anna Spindelndreier

Anna Spindelndreier, Rabia Bartlog, Filiz Demir und Ansje Metelmann gehören zu den Menschen mit Behinderung, die ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt gefunden haben – in ganz unterschiedlichen Jobs und mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen.

Anna Spindelndreier hat sich als Fotografin selbstständig gemacht,  Rabia Bartlog ist Packerin bei Amazon, Filiz Demir arbeitet in der medizinisch-taktilen Untersuchung und Ansje Metelmann ist als IT-Consultant tätig. Hier erzählen sie ihre Geschichten.

(Mit einem Klick auf die Bilder kommen Sie zu den Porträts – oder sie scrollen einfach weiter)

Zum Anfang

Anna Spindelndreier ist 33 Jahre alt, Fotografin und kleinwüchsig.

„Ich bin Anna Spindelndreier, 33 Jahre alt und von Beruf Fotografin. Außerdem bin ich kleinwüchsig.“

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang
In Deutschland leben etwa 100.000 Menschen, die von Kleinwuchs betroffen sind. Spätestens als Erwachsene müssen sie feststellen, wie sehr die Welt auf statistisch gesehen normalgroße Menschen ausgerichtet ist: Geldautomaten sind zu hoch angebracht, Regale im Supermarkt sind unerreichbar.

Aber das ist nicht das einzige Problem: Kleinwüchsige werden oft unterschätzt. So wie Fotografin Anna Spindelndreier aus Dortmund.

Sie macht mit ihrer Arbeit Menschen sichtbar, die sonst eher selten in den Medien auftauchen. Zu den Fototerminen hat sie als einziges Hilfsmittel ihre Trittleiter mit – damit gleicht die 1,23 Meter große Fotografin alle Größenunterschiede aus.
Zum Anfang

Anna Spindelndreier

„Tatsächlich habe ich mir diese Nische selbst ausgesucht. Ich möchte die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung erhöhen, weil wir in der Medienlandschaft viel zu wenig auftauchen. Auf der anderen Seite möchte ich auch nicht auf diese eine Nische reduziert werden. Ich bin hauptsächlich Fotografin und dass ich selbst eine Behinderung habe, soll eigentlich völlig drittrangig sein.“

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang
Als selbstständige Fotografin arbeitet Anna in einer Bürogemeinschaft mit drei weiteren Kreativen und Hund – dem „helloyou Studio“.

Ihr Spezialgebiet sind Bilder von Menschen mit Behinderung oder Projekte wie etwa eine Fotoserie zu den Special Olympics. Für #ArbeitInklusive waren wir beim ersten Shooting für ihr aktuelles Fotoprojekt mit dabei. Es beschäftigt sich mit Diskriminierung in der Sprache. 

Die Resonanz ihrer Models ist durchweg positiv.
Zum Anfang

Franziska Jahn und Anna Júlia Amaral

Franziska Jahn: „Die Äußerlichkeiten interessieren mich eigentlich nicht so. Sie hat ihre Arbeit ja offensichtlich ganz gut gemacht und das ist das, was für mich zählt. Einen guten Menschen oder eine gute Fotografin macht ja nicht aus, ob sie klein oder groß oder was auch immer ist.“

Anna Júlia Amaral: „Als ich Anna kennengelernt habe bei einem Symposium zu Anti-Diskriminierung und Inklusion in Köln habe ich gedacht: Toll! Yes! Genau das müssen wir haben. Wir brauchen Sichtbarkeit und dass es selbstverständlich ist, dass sie arbeitet. Ja, sie braucht eine Leiter für ihren Job – ich brauche Schuhe – na und?“

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang
Ressentiments begegnen Anna Spindelndreier häufiger – und das vor allem in ihrem Berufsleben. Ihr Kleinwuchs wird häufig mit einer körperlichen Schwäche verbunden – oder für sie noch schlimmer: mit einer kognitiven Einschränkung. "Das ist schon sehr ärgerlich", so Spindelndreier. 

Ungern erinnert sie sich beispielsweise an ein Vorstellungsgespräch. Der Traum der erhofften Festanstellung schien zum Greifen nah. Doch dann kam der letzte Satz ...
Zum Anfang

Anna Spindelndreier

„Das prägendste Erlebnis war ein Vorstellungsgespräch, das aus meiner Sicht eigentlich super lief. Die damaligen potentiellen Chefs und ich hatten uns super unterhalten. Doch im letzten Satz, praktisch kurz vorm Gehen sagten sie, sie wüssten einfach nicht, wie die Kunden auf mich reagieren würden. Und damit war die Sache dann gegessen. In der Situation, wenn man so etwas direkt zu hören kriegt, verarbeitet man es gar nicht sofort. Mir ist dann erst später auf dem Heimweg an der Bushaltestelle bewusst geworden, was das für eine doofe Aussage war.“

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang
Ärgerliche Aussagen, an die sie sich nicht gern erinnert, die aber ihr berufliches Leben prägen. Was sie indes nicht schaffen: der 33-Jährigen die gute Laune und vor allem die Begeisterung für ihren Beruf zu nehmen. Denn in erster Linie sieht sich Anna Spindelndreier als Fotografin. 
Zum Anfang

Rabia Bartlog

Zum Anfang

Rabia Bartlog, 25 Jahre und gehörlos.

„Hallo, mein Name ist Rabia Bartlog, ich bin 25 Jahre alt und ich arbeite hier bei Amazon im Packbereich. Ich bin gehörlos und was ist wichtig für Gehörlose? Eine Arbeit zu haben.“

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang
Rabia Bartlog ist seit November 2018 am Amazon-Standort in Werne als Versandmitarbeiterin beschäftigt. Seit 2019 lernt sie selber gehörlose Mitarbeiter*innen an, seit diesem Jahr ist sie unbefristet angestellt.

Das Unternehmen hilft dabei, die Kommunikationsbarriere zwischen Gehörlosen und ihren Kolleg*innen zu verringern. So wird beispielsweise bei täglichen Besprechungen der Belegschaft zu Beginn jeder Schicht über Bildschirme ein Übersetzungsdienst zugeschaltet, der Informationen der Leitung und Fragen der Gehörlosen dolmetscht.

Ihre Ausbildung hat Rabia Bartlog, die von Geburt an gehörlos ist, als Textilreinigerin gemacht. Nach dem erfolgreichen Abschluss habe sie aber etwas anderes machen wollen – und landete bei Amazon.

Jetzt sorgt sie mit dafür, dass Hörende und Nicht-Hörende zusammenarbeiten.



Zum Anfang

Rabia Bartlog

„Hier bei der Arbeit gefällt mir die Kollegialität mit dem Team und das gegenseitige Helfen gut. Am Anfang war es für mich als Gehörlose schon schwierig. Man musste sich erstmal kennenlernen, hat viel geschrieben, ich habe versucht, vom Mund abzulesen und die Gebärden der Kollegen zu erkennen. Mittlerweile hab ich gelernt, die Mundbilder zu verstehen und meine Kollegen haben angefangen, Gebärden zu lernen, das finde ich schön.“

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang
Inklusion zeigt sich auch bei der Sicherheit: Mit Gabelstaplern und speziellen Fahrzeugen werden die Waren aus dem Lager zu den Packanlagen gebracht – mit einem kurzen Hupen warnen sie die Fußgänger*innen, die den Fahrweg queren wollen. Damit auch Gehörlose die Fahrzeuge wahrnehmen, gibt es spezielle Signalanlagen, die neben einem akustischen auch ein optisches Warnsignal abgeben.

Mit solchen Hilfsmitteln hätten die meisten Sicherheitsbedenken gegen die Einstellung von hörbehinderten Mitarbeiter*innen ausgeräumt werden können, freut sich Bernd Kollmer, der Schwerbehindertenvertreter am Amazon-Standort Werne.
Zum Anfang

Bernd Kollmer, Schwerbehindertenvertreter

Insgesamt seien in Werne 180 Menschen mit Behinderung beschäftigt. 80 Prozent davon, hätten unbefristete Arbeitsverträge, so Kollmer.

0:00
/
0:00
Audio jetzt starten
Am Standort Werne arbeiten nach Angaben von Schwerbehindertenvertreter Bernd Kollmer 180 Menschen mit Behinderung – fast zehnmal so viele wie bei der Eröffnung des Logistikzentrums vor sieben Jahren.

Kollmer führt das auch auf die jeweiligen Geschäftsführer zurück, die sich "ihrer sozialen Verantwortung bewusst gewesen sind." Es würden spezielle Stellen geschaffen, um Menschen mit Behinderung die Möglichkeit zu geben, eine Arbeitsstelle zu finden. So arbeite beispielsweise einer von weltweit nur zwei blinden Amazon-Angestellten in Werne, so Kollmer.

Audio öffnen

Zum Anfang
Rabia Bartlog ist nicht nur für das Packen von Paketen zuständig. Die Gehörlose ist eine so genannte Instruktorin und arbeitet neue Mitarbeiter*innen im Werk ein. Sie kümmert sich besonders um andere hörbehinderte Kolleg*innen.

Dabei stößt sie mitunter auf ganz neue Sprachbarrieren. Für die Einarbeitung der Neulinge kommt Rabia Bartlog zugute, dass sie nicht nur die Deutsche Gebärdensprache (DGS) beherrscht.

Mittlerweile gibt es eigens für Amazon kreierte Gebärden, die Rabia lernen musste, um Fachbegriffe aus dem Arbeitsalltag zu übersetzen.
Zum Anfang

Rabia Bartlog

"Instructor oder Instruktorin bedeutet: Wenn neue Mitarbeiter dazukommen, kennen die die Arbeitsabläufe ja noch nicht. Ich habe dann die Aufgabe, ihnen die Arbeitsabläufe zu erklären, sodass sie Schritt für Schritt an diese herangeführt werden. Der Schwerbehindertenvertreter Herr Kollmer hat mich vorgeschlagen und auch der Manager meinte, dass ich das machen sollte. Am Anfang war ich ein bisschen unsicher, aber dann habe ich den Job doch angenommen und das macht mir sehr viel Spaß. Ich kann die DGS, die deutsche Gebärdensprache und internationale Gebärden. Wir haben hier zum Beispiel auch Gehörlose aus dem Ausland. Die kommen teilweise aus Italien, Griechenland oder woanders her und haben dann nicht so gute Kenntnisse in der deutschen Gebärdensprache. Dann vermittle ich das Ganze in internationalen Gebärden."

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang
Rabia hat einen festen Job bekommen und weiß, dass das leider nicht selbstverständlich war. Denn viele Unternehmen würden immer noch zu wenige Menschen mit Behinderung einstellen, findet die 25-Jährige. Die Betriebe würden bei der Auswahl immer noch zu stark auf die vermeintlich benötigten Sinne schauen. 

Dabei könnte es so einfach sein: Unternehmen müssten nur mutiger sein und den Menschen mit Behinderung eine Chance geben, ihr Talent zu zeigen.
Zum Anfang

Rabia Bartlog

"Wenn ich zum Beispiel irgendwo arbeiten will und der Chef sagt ‚Du kannst nicht hören, du kannst nicht sprechen‘: Lass mich doch bei dir Probearbeiten und wenn diese Probearbeit gut läuft, kann ich dort anfangen. Wichtig ist für mich, dass man eine Chance bekommt. Bei einer Probearbeit kann ein Chef sich selbst ein Bild machen, ob ich eine gute Leistung bringe oder nicht. Bei einer Bewerbung lässt sich das nicht erkennen, oder? Wenn viele sehen, 'Ach, die Person ist gehörlos', wird man meistens schon aussortiert. Es wäre schön, wenn man trotzdem eingeladen würde, um sich vorzustellen.“

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang

Filiz Demir

Zum Anfang

Filiz Demir ist Medizinisch-Taktile Untersucherin, 45 Jahre alt und blind. 

„Ich heiße Filiz Demir, ich bin als Medizinisch-Taktile Untersucherin tätig und diesen Beruf kann ich ausüben, weil ich blind bin.“

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang
Durch ihre Blindheit hat sie einen besonders genauen Tastsinn. Der ist in ihrem Beruf ein echter Vorteil. Denn sie ist allein auf ihre Hände angewiesen, wenn sie Frauen in der Brustkrebsvorsorge untersucht.

Ärzt*innen können in der Regel Veränderungen ab einer Größe von etwa einem Zentimeter erkennen. Medizinisch-Taktile Untersucherinnen ertasten Auffälligkeiten bereits ab etwa sechs Millimetern. 

Für ihren Chef, den Duisburger Frauenarzt Dr. Frank Hoffmann, ein echter Mehrwert.
Zum Anfang

Dr. Frank Hoffmann

„Für die Arbeit hier ist eigentlich viel bedeutsamer, dass Filiz Demir eine Tastbegabung hat. Natürlich hat sie die entwickelt, weil ihr ihr Gesichtssinn verloren gegangen ist. Und damit ist sie eben deutlich besser eben in der Wahrnehmung mit der Fingerspitze. Ihre besondere Tastbegabung führt einfach dazu, dass wir eine bessere Diagnostik machen können. Das hilft mir auch, wenn ich die abschließende Diagnose stellen muss, ich die auch auf der Basis einer besseren Befundung machen kann.“

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang
Etwa 50 Medizinisch-Taktile Untersucherinnen – sogenannte MTUs – arbeiten in Deutschland. Das Sozialunternehmen „Discovering Hands“ bietet die neunmonatige Ausbildung speziell für sehbehinderte und blinde Frauen an.

Vor ihrer vollständigen Erblindung arbeitete Filiz Demir in der Buchhaltung eines Reisebüros. Den Job musste sie aufgeben, im Berufsleben ging es zunächst nicht weiter. Die Bilanz nach 18 Monaten Jobsuche und 80 Bewerbungen: ein einziges Vorstellungsgespräch. Für Filiz Demir frustrierend.

Da sie medizinisch schon immer interessiert war, machte sie eine Umschulung zur Medizinisch-Taktilen Untersucherin. 
Zum Anfang

Filiz Demir

„Ich hatte in anderthalb Jahren ein Vorstellungsgespräch, das war natürlich frustrierend. Deswegen habe ich geschaut, was es für Umschulungen gibt und bin auf den Beruf der medizinisch-taktilen Untersucherin aufmerksam geworden. Ich war schon immer medizinisch interessiert. Und hinzu kam, dass gerade bei dem Beruf die Sehschwäche nicht einen Nachteil bildet, sondern - im Gegenteil - einen Vorteil.“

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang
Mittlerweile ist Filiz Demir seit sechs Jahren im neuen Job tätig. "Arbeit hat für mich einen hohen Stellenwert. Für mich gehört das zu einem selbstständigen Leben dazu", sagt die 45-Jährige heute. Ein eigenes Einkommen, auf eigenen Füßen stehen – das sei ihr wichtig.

Umso schöner, dass sie einen Beruf gefunden hat, der ihrem Kindheitstraum – einmal Ärztin zu werden – schon sehr nahe kommt. Sie arbeitet als MTU nicht nur mit ihrem Tastsinn, sie ist auch eine wichtige Vertrauensperson und Beraterin für die Patientinnen.

Neben der eigentlichen Untersuchung sieht Filiz Demir ihre Aufgabe auch darin, die Frauen zu ermutigen, selbst mehr für die Brustgesundheit zu tun. Denn immerhin 70 Prozent aller Frauen würden den Brustkrebs selbst entdecken – je früher die Erkrankung entdeckt wird, umso größer sind die Heilungschancen.
Zum Anfang

Filiz Demir

„Es ist unsere Aufgabe, mehr Bewusstsein zu wecken, dass sich die Frauen mehr mit ihrer Brustgesundheit auseinandersetzen und keine Scheu haben, sich auch selbst abzutasten. 70 von 100 Frauen entdecken den Brustkrebs selbst und da ist es natürlich wichtig, dass das nicht auf der Strecke bleibt und nicht so sehr mit Angst behaftet ist. Denn je früher man etwas entdeckt, desto besser kann es behandelt werden.“

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang

Ansje Metelmann

Zum Anfang

Ansje Metelmann ist 42 Jahre alt, IT-Consultant und Autistin. 

„Ich bin Ansje Metelmann, ich bin 42 Jahre alt. Ich arbeite als IT-Consultant und ich bin Autist.“

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang
Ansje Metelmann ist gelernte Programmiererin und berät Unternehmen vor allem im Bereich IT-Sicherheit. Ihr Weg in diesen Job war allerdings nicht einfach.

Denn gerade im Arbeitsleben müssen Autist*innen viele Herausforderungen meistern. Sie haben öfter Probleme im sozialen Umgang und in der Kommunikation oder fallen durch spezielle, sich wiederholende Verhaltensmuster auf. Deshalb ist es für Menschen mit Autismus oft schwierig, einen passenden Arbeitsplatz zu finden.

Davon kann auch Ansje Metelmann erzählen. "Mir ist es passiert, dass mir in der ersten Ausbildungsstelle in der Probezeit nach der Hälfte gesagt wurde: Werden Sie sozial oder Sie überleben die Probezeit nicht mehr.“

So wie ihr geht es vielen der 800.000 Autist*innen in Deutschland. Aus Stress brechen sie die Ausbildung ab oder kämpfen im Berufsalltag oft mit Dingen, die Nicht-Autist*innen als leicht empfinden.  

Nicht nur in der Ausbildung, auch in der Schule oder dem Studium tun sich Autist*innen schwer. Denn häufig sei die "Art und Weise, wie gelehrt wird" nicht immer für Autist*innen geeignet.






Zum Anfang

Ansje Metelmann

„Die Art und Weise, wie gelehrt wird, ist nicht immer unbedingt für Autisten geeignet. Ich bin jetzt im dritten Studiengang, die zwei davor habe ich nicht abgeschlossen. Es kann einfach zu viel und zu stressig werden. Aber das Wissen habe ich – und damit es für mich auch irgendwie eine Win-Win-Situation.“

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang
Autist*innen sind nach Schätzungen etwa fünf- bis zehnmal so oft von Arbeitslosigkeit betroffen wie Menschen ohne Autismus – und das bei gleichem Geschlecht, vergleichbarem Alter und vergleichbarer Ausbildung. 

Ansje hat inzwischen einen passenden Job gefunden und ist fest angestellt. Ihr Arbeitgeber vermittelt sie als IT-Consultant an Unternehmen.

Sogenannte Job-Coaches unterstützen sie bei der Zusammenarbeit mit den Unternehmen, vor allem beim ersten Kontakt. Denn gerade die Kommunikation mit Fremden fällt ihr schwer.  
Zum Anfang

Ansje Metelmann

„Es ist für mich problematisch, Menschen anhand ihrer Körpersprache, ihrem Tonfall zu lesen und zu wissen, was sie meinen – gerade, wenn ich sie nicht kenne. Dann verhalte ich mich manchmal schüchterner, weil ich erst beobachte und versuche herauszufinden, wie die Leute ‚ticken‘. Es hilft, wenn jemand dabei ist, den man gut kennt. Man liest sozusagen die bekannte Person, was einem erheblich einfacher fällt und kann besser mit Unbekannten interagieren.“

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang

Yasmin Lenders, Job-Coach

Yasmin Lenders unterstützt Ansje und ihre Kolleg*innen als Job-Coach. Unter anderem sorge sie dafür, dass Vorurteile abgebaut werden.

0:00
/
0:00
Audio jetzt starten
Das "bekannte Gegenüber" ist im Fall von Ansje Metelmann ihr Job-Coach Yasmin Lenders. Zusammen arbeiten sie beim Unternehmen "Auticon". Dessen Geschäftsmodell zielt darauf ab, die autistischen Stärken seiner Mitarbeiter*innen zu nutzen. Zentraler Punkt dabei: Man muss eine Arbeitsatmosphäre schaffen, in der sich diese Stärken entfalten könnten.

Wie das gelingen kann, erklärt Yasmin Lenders. Am wichtigsten sei das Briefing. Da würden die Kund*innen einmal über das Thema Autismus aufgeklärt, um Vorurteile aus dem Weg zu schaffen.

Auf der anderen Seite sei es wichtig, Störfaktoren am Arbeitsplatz – wie zum Beispiel eine laufende Kaffeemaschine – zu beseitigen. Für Ansje Metelmann bedeutet dies einen echten Mehrwert.

Audio öffnen

Zum Anfang

Ansje Metelmann

"Für mich ist die Kommunikation mit den Kollegen einfacher. Wenn ich früher das Gefühl hatte, dass ich 80, 90 Prozent meiner verfügbaren Kraft für die Bewältigung des Alltags aufbringen muss, ist das jetzt reduziert, weil es klappt besser, das Verständnis ist besser. Wenn man mal vergessen hat, dem Kollegen 'Guten Morgen' zu sagen beim Reinkommen und das vielleicht eine Stunde später macht, dann wird das hier akzeptiert. Es wird nicht als komisch geachtet, weil man ohne Wort aneinander vorbeiläuft, sondern das ist halt so und das ist okay."

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang
Ihr größter Wunsch ist aber, dass es in der Gesellschaft ein Umdenken gibt – gerade wenn es um die Lebensläufe von Autist*innen geht. Abschlüsse und Ausbildungen seien wichtig – aber sie würden nicht bedeuten, dass jemand ohne Abschluss schlechter sei.  

Ihr Fazit: Es gibt eben nicht diesen einen, klassischen Autisten. Autist*innen können introvertiert oder extrovertiert sein. Manchmal kann man sie auch von Nicht-Autist*innen nicht so einfach unterscheiden. Aber Menschen mit Autismus landen oft in der gleichen Schublade. Das sollte sich ändern, wünscht sich Ansje Metelmann.  
Zum Anfang

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt

Zum Anfang

2019 waren 44 Prozent der Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt beschäftigt. (Quelle: Bundesagentur für Arbeit)
2019 waren 44 Prozent der Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt beschäftigt. (Quelle: Bundesagentur für Arbeit)
Vollbild
Fast acht Millionen Menschen in Deutschland haben eine Schwerbehinderung. Mindestens. Denn längst nicht alle, die Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis hätten, beantragen ihn auch – etwa weil Nachteile befürchtet werden.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Um überhaupt am Arbeitsleben teilnehmen zu können, ist es für Menschen mit Behinderung wichtig, dass Arbeitsplätze zugänglich sind. Zudem bedeutet Inklusion ja nicht nur das Recht des Behinderten, mit Nichtbehinderten zusammenzuarbeiten. Inklusion gilt auch in die andere Richtung.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür sind gegeben. Deutschland hat sich mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, für gleiche Teilhabe am Arbeitsleben zu sorgen.

Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeiter*innen müssen mindestens fünf Prozent der Stellen mit Behinderten besetzen – wird diese Quote nicht erfüllt, müssen sie eine Ausgleichsabgabe zahlen. Zwar beschäftigen 75 Prozent der Unternehmen Menschen mit Behinderungen, doch nur ein Drittel erfüllt die vorgesehene Quote. 

Wie es um die Inklusion von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt steht, untersucht einmal pro Jahr die "Aktion Mensch".

Corona-Pandemie mit weitreichenden Auswirkungen

Nach einer langjährigen positiven Entwicklung ist das Ergebnis in diesem Jahr ernüchternd. Die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung ist auf dem höchsten Stand seit vier Jahren angekommen.

Damit trifft die Corona-Pandemie Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt besonders hart. „Seit 2013 verbesserte sich die Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Behinderung fast stetig,“ resümiert  Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institutes, das die Statistiken  für die "Aktion Mensch" analysiert hat. „Doch die rasant negative Entwicklung in diesem Jahr macht in kürzester Zeit die Erfolge der letzten vier Jahre zunichte. Allein von März bis April erhöhte sich die Zahl arbeitsloser Menschen mit Schwerbehinderung um mehr als 10.000.“

Schwierige Rückkehr auf den Arbeitsmarkt

Gleichzeitig arbeiten viele Behinderte in hochqualifizierten und krisenfesteren Jobs, so dass die Arbeitslosigkeit weniger stark eingebrochen ist, wenn man sie mit dem allgemeinen Trend vergleicht. So hat sich der Bestand der Arbeitslosen insgesamt im November diesen Jahres um über 23 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erhöht, der der Behinderten um über 13 Prozent.
Dennoch waren zuletzt mehr als 171.000 Menschen mit Behinderung arbeitslos gemeldet - so viele wie seit seit vier Jahren nicht mehr.

Das Problem: Einmal in der Arbeitslosigkeit dauert es erfahrungsgemäß länger, bis Arbeitnehmer*innen mit Einschränkungen wieder einen Job finden, auch wenn sich die Wirtschaft erholt.

Eine Entwicklung, die Christina Marx von der „Aktion Mensch“ mit Sorge betrachtet.
2019 waren 44 Prozent der Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt beschäftigt. (Quelle: Bundesagentur für Arbeit)
2019 waren 44 Prozent der Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt beschäftigt. (Quelle: Bundesagentur für Arbeit)
Schließen
Zum Anfang

Christina Marx, Aktion Mensch

„Wir haben sieben Jahre lang eine positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt beobachten können. Jetzt kommt die Pandemie und wir sehen, dass uns das einige Jahre wieder zurückwerfen wird. Weil deutlich mehr Menschen arbeitslos geworden sind, weil wir wissen, dass sie länger brauchen, um in den Arbeitsmarkt zurückzufinden und das ist natürlich sehr besorgniserregend.“ 

0:00
/
0:00
Video jetzt starten
Zum Anfang
Ansicht vergrößern bzw. verkleinern
Auch wenn es leichter geworden ist, einen Job zu finden, brauchen viele Menschen mit Behinderung für den Weg aus der Arbeitslosigkeit deutlich länger, als Menschen ohne Behinderung. Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit zeigt, dass sie bundesweit im Durchschnitt etwa 100 Tage mehr brauchen, um einen neuen Job zu finden als Bewerber*innen ohne Behinderungen. In NRW sind es sogar 117 Tage.
Zum Anfang

Christina Marx, Aktion Mensch

Es sei noch lange nicht normal, dass man in Teams arbeitet, die gemischt sind, sagt Christina Marx. 

0:00
/
0:00
Audio jetzt starten
Die Inklusion auf dem Arbeitsmarkt sei ein Spiegel der gesellschaftlichen Inklusion. Gemeinsame Aktivitäten in der Freizeit wie zum Beispiel Sport oder Kinobesuche sei selbstverständlicher als gemeinsames Arbeiten. Es sei wichtig, dass man Kolleg*innen mit einem  Handicap habe. Dann schaffe man mehr Normalität.

Audio öffnen

Zum Anfang
Die Tatsache, dass immer mehr Menschen mit Behinderungen in den Betrieben arbeiten, führe zu einem besseren Verständnis bei den Kolleg*innen und den Unternehmen, erklärt Christina Marx. Auf diese Weise wachse eine Sensibilität, die dabei helfe, mehr Inklusion zu schaffen.

Müssen Arbeitsplätze umgestaltet werden, Probetage finanziert oder Gebärdendolmetscher*innen bezahlt werden, gibt es zudem Unterstützung vom Staat. Doch nur sehr wenige Unternehmen wissen von diesen Möglichkeiten oder nehmen sie auch in Anspruch, sagt Christina Marx. Vor allem kleine und mittelständische Betriebe hätten hier einen großen Nachholbedarf.

Die Porträts unserer Serie #ArbeitInklusive zeigen, wie der Weg auf den Arbeitsmarkt gelingen kann und welche Hindernisse noch ausgeräumt werden müssen.
Zum Anfang
Zum Anfang
Scrollen, um weiterzulesen Wischen, um weiterzulesen
Wischen, um Text einzublenden
Schließen
Übersicht
Nach links scrollen
Kapitel 1 Start und Navigation

#ArbeitInklusive

Nach rechts scrollen