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Tabuthema Menstruation

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Eine Multimedia-Reportage
von Dirk Gilson

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Ein kleines Dorf im Westen Nepals. Sabrita Bogati bereitet ihr Nachtlager vor. Die nächsten Nächte werden kalt, denn die 30-Jährige ist aus ihrem Haus verbannt – fünf Tage lang.

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Eine Nachbarin bringt ihr Abendessen. Aus sicherer Entfernung wirft sie ihr ein paar Scheiben Brot auf den Teller. Sie darf Sabrita nicht berühren. Sabrita ist unrein - weil sie ihre Tage hat.

Und das bedeutet für sie: Fünf Tage voller Verbote. Monat für Monat.

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Chhaupadi heißt die Jahrhunderte alte Tradition, die hinter den Verboten steckt. Chhau steht für „unberührbar“ und padi für „sein“. Hier heißt Chhaupadi: unberührbar sein während der Menstruation.

Seit 2006 ist Chhaupadi in Nepal offiziell verboten. Trotzdem lebt die Tradition in einigen Teilen des Landes weiter. So wie hier in Marku, Sabritas Heimatdorf.

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Sabritas Haus in Marku. Hier lebt sie mit ihren zwei Kindern, zwei Kühen und ein paar Hühnern. Doch während ihrer Menstruation darf sie es nicht betreten und schläft vor dem Haus – in der so genannten Menstruationshütte.

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Diese Nacht verbringt Sabrita nicht alleine
in der Hütte. Ihre Nachbarin, Madhu Bogati,
hat auch ihre Tage, hat aber keine eigene
Hütte. Als die Kamera aus ist, kommt eine
dritte Frau dazu. Sie erzählen, dass sie sich
die Hütte auch schon mal mit vier oder fünf
Frauen teilen müssen.

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Wir wollen wissen: Warum befolgen die Frauen auch noch im 21. Jahrhundert die strengen Regeln? Tun sie es freiwillig - oder werden sie gezwungen? Und vor allem: könnte man sie davon abbringen? Das will Pema Lhaki (re.) von der Hilfsorganisation NFCC International herausfinden. Sie kämpft seit zehn Jahren gegen die Tabus, mit denen das Thema Menstruation in ihrem Land belegt ist.

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Praktiziert wird Chhaupadi vor allem in Bergdörfern im Westen Nepals – rund 1000 Kilometer von der Hauptstadt Kathmandu entfernt. Eine Woche reisen wir hier durch die Distrikte Doti und Achham.

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Die meisten Dörfer liegen weit abseits der wenigen Straßen. Für ein paar Kilometer brauchen wir oft mehrere Stunden – mit dem Auto. Und viele Dörfer sind nur zu Fuß erreichbar.

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Die Dorfbewohner empfangen uns freundlich, aber skeptisch. Über dieses Thema spricht man eigentlich nicht. Schnell wird klar: Die Menschen haben Angst. Aber wovor?

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Nach einigem Zögern ist Bahadur Nepali bereit, mit uns zu sprechen. Eigentlich arbeitet er in Indien,  wie die meisten Männer aus dieser Region. Nur für ein paar Tage besucht er seine Familie. Er erzählt uns stolz, dass seine Frau und Töchter nicht in einer separaten Hütte vorm Haus übernachten müssten – er hat eine andere Lösung.

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Bahadur hat unterm Haus eine Art
Menstruationskammer gebaut –
etwa eineinhalb Meter lang und
einen Meter breit.

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Auch diese Kammer müssen sich schon mal drei bis vier Frauen teilen. "Aber sie dürfen Decken mitnehmen, damit es bequemer wird", sagt Bahadur.
Und er hat auch eine scheinbar einfache Erklärung, warum das alles sein muss.

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Tatsächlich hat Chhaupadi religiösen Ursprung. Es hängt zusammen mit dem Prinzip der rituellen Reinheit, das Teil des hinduistischen Glaubens ist. Während der Menstruation verlieren Frauen diese Reinheit, so der Glaube.

Dahinter steckt vermutlich, dass sich die Religionsführer die monatlich auftretenden Blutungen nicht erklären konnten. Es mussten dunkle Kräfte dahinterstecken. Die einfachste Lösung war wohl, menstruierende Frauen für unrein zu erklären und sie auf Abstand zu halten.

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Das gilt bis heute – und wie weit das geht, sehen wir auf dem Weg zum nächsten Dorf. Der führt entlang einer heiligen Stätte. Menstruierende Frauen dürfen sich solchen Orten nicht nähern. Zufällig kommt eine Gruppe Schulmädchen vorbei. Ein Mädchen hat ihre Tage.

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Die Mädchen wollen nicht mit uns über Chhaupadi sprechen. Aber wir treffen Bhaku Kumari Bista und ihre Mutter. Nach einigem Zögern zeigt sie uns ihre Menstruationshütte und erzählt, warum sie der Tradition folgt.

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Pema hat schon viele dieser Gespräche mit Mädchen und Frauen geführt. Keine verbringt ihreTage gerne in der Verbannung. Trotzdem wehren sich nur sehr wenige. Die Angst vor möglichen Folgen ist zu groß.

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Diese Angst kostete Sarmila Bhul das Leben. Ihre Eltern trauern auch zwei Jahre nach
Sarmilas Tod noch um ihre älteste Tochter.

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In dieser Kammer starb Sarmila Bhul. Was genau passiert ist, wurde nie geklärt, eine Obduktion gab es nicht. Die Eltern vermuten, dass ihre Tochter erstickt sei. Die Nächte wären kalt gewesen, erzählen sie, darum hätte sie die einzige Öffnung dicht verschlossen.

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Yagyaraj Bhul zeigt uns den Ort, an dem es passierte. Die Kammer war unter seinem Haus. Darin wollten sie danach nicht mehr leben. Die Ruine erinnert bis heute an das Unglück. Die Bhuls haben sechs weitere Kinder – alles Töchter. Der Vater verspricht: Keine von ihnen müsse jemals in einer solchen Kammer übernachten.

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Der Fall von Sarmila Bhul ist keine traurige Ausnahme: Immer wieder berichten lokale Zeitungen von Zwischenfällen während Chhaupadi. Frauen erfrieren, werden von Schlangen gebissen oder in ihren Hütten vergewaltigt. Auch ein Grund, warum die Tradition seit 2006 verboten ist. Seitdem versucht die Regierung, die Situation der Frauen zu verbessern.

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 Tatsächlich gelten inzwischen einige Dörfer als „Chhaupadi-Free“. Doch für die meisten Frauen im Westen Nepals gehört die Tradition immer noch zum Leben. Das ändert sich auch nicht, als nach 2006 Hütten gezielt zerstört werden. Die Hoffnung, dass die Frauen dann in ihren Häusern schlafen, erfüllt sich nicht. Die Hütten werden entweder wieder aufgebaut, oder die Frauen müssen unter freiem Himmel schlafen – jetzt vollkommen schutzlos.

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Was also tun? "Wer das Problem ernsthaft angehen
und die Tabus brechen will, muss weiter
vorne beginnen", sagt Pema Lhaki. Wer mit den Frauen spricht, würde schnell merken: Der Nährboden für die Ängste der Frauen ist Unwissenheit.

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Genau da will Pema ansetzen: Frauen und Männer müssten verstehen, was da im weiblichen Körper passiert, warum Frauen bluten. Die Idee: Haben sie verstanden, dass es nichts Übernatürliches oder Bedrohliches ist, stellen sie selbst die Fragen: Warum muss ich in einer Hütte schlafen, warum bin ich unberührbar, warum darf ich nicht in die Küche? Und vor allem: Warum sollte etwas Schlimmes passieren, wenn ich mich widersetze?

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Gleichzeitig müssten die Frauen erfahren, welche Möglichkeiten es gibt, besser mit der Periode umzugehen. Die meisten hier nutzen alte Lappen, um das Blut aufzufangen. Pema zeigt ihnen wiederverwendbare Binden und so genannte Menstruationstassen.

Sie schätzt: Bis Chhaupadi verschwunden ist, wird es noch dauern - ein bis zwei Jahrzehnte bestimmt.

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Sabrita muss der Tradition vorerst weiter folgen. Es ist der vierte Tag ihrer Menstruation. Morgen Früh folgt das Ritual, durch das sie ihre Reinheit wiedererlangen soll.

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Sabrita hat zugestimmt, dass wir auch diesen letzten, zu Chhaupadi gehörenden Schritt, dokumentieren dürfen. Zunächst muss Sabrita sich selbst und ihre Kleidung waschen.

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Währenddessen sammelt eine
unverheiratete Jungfrau, so die Vorschrift,
Urin von einer von Sabritas Kühen.
In diesem Fall ist das Sabritas
Nachbarin Uttara Bogati.

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Kühe sind im hinduistischen Glauben heilig.
Das Urin soll Sabrita reinwaschen.

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Anschließend segnet Uttara Bogati
mit dem Urin Sabritas Haus...

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...und ihre frisch gewaschenen Kleider.

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Jetzt ist Sabrita gereinigt
und darf wieder in ihr Haus.
Ihr erster Weg führt in die Küche.
Nach knapp einer Woche darf
sie wieder für sich selbst kochen
bis zu ihrer nächsten Menstruation.

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Die Aufnahmen zu dieser Reportage sind wenige Wochen vor den verheerenden Erdbeben in Nepal entstanden. Aufgrund der großen Entfernung zu den Epizentren der beiden Beben, sind die hier vorkommenden Dörfer verschont geblieben und es gab keine Toten oder Verletzten.

Doch in den betroffenen Regionen ist die Lage der Menschen nach wie vor dramatisch. Und das wird noch lange so bleiben! Pema Lhaki und ihre Mitarbeiter des NFCC International sind in den Katastrophengebieten unterwegs, um den Menschen in ihrer Not zu helfen. Gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen kümmern sie sich um die medizinische Versorgung und darum, die hygienische Situation zu verbessern. Über ihre Arbeit informieren sie auf ihrer Facebookseite: https://www.facebook.com/nfccinternational

Diese Reportage wurde gefördert durch das "Innovation in Development Reporting Programme" des European Journalism Center:
http://ejc.net/
http://journalismgrants.org/people/dirk-gilson/1107  

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