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Sicherheitslücken in deutschen Fußballstadien

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Die Fußball-Bundesligisten locken jede Woche Hunderttausende Menschen in ihre Stadien. Da sollte Sicherheit höchste Priorität haben. Doch in der Praxis klaffen gefährliche Sicherheitslücken.

Sport inside hat stichprobenartig die klubeigenen Sicherheitsdienste von Bundesligisten verdeckt unter die Lupe genommen - mit teilweise beunruhigenden Ergebnissen. Ein Beitrag über fehlende Kontrollen, abgeschobene Verantwortung und einen zögerlichen DFB.

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Berlin, Olympiastadion. Für Sport inside bewirbt sich eine Kollegin, wir nennen sie Julia, beim klubeigenen Ordnungsdienst von Hertha BSC. Es ist März 2016, Julia wird angenommen.

Was folgt, ist unglaublich: Niemand prüft Julias Personalausweis, bis zu ihrer Kündigung nach fünfeinhalb Monaten. Julia muss auch kein Führungszeugnis vorzeigen, wird nicht polizeilich überprüft.. Sie gibt lediglich ihre Sozialversicherungsnummer an - und wird fortan bei Heimspielen eingesetzt.

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Julia hätte demnach auch unter falschem Namen arbeiten können. Mögliche kriminelle Pläne hätte sie leicht umsetzen können. Erschwerend kommt hinzu, dass Julia Taschen mit ins Stadion nehmen konnte, oft ohne durch die stichprobenartige Kontrolle zu müssen.

Eine gravierende Sicherheitslücke, auch aus Sicht der Polizei.

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"Informationen zwingend erforderlich"

Arnold Plickert von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) über die Gefahr durch nachlässige Kontrollen.

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sport inside hat Hertha BSC die Ergebnisse der mehrmonatigen Stichprobe mitgeteilt - auch auf das Fehlen der Personalausweiskontrolle. Die schriftliche Reaktion auf den:

"Ihre Sachverhaltsdarstellung ist falsch […] der Personalausweis ist zur Legitimierung der Person bei den Einstellungsgesprächen bzw. am ersten Einsatztag vorzuzeigen […] Dies können die zuständige Mitarbeiterin und auch der […] Bereichsleiter […] jederzeit belegen."

So sollte es sein. So war es aber nicht bei Julia. Hertha BSC wollte nur ihre Sozialversicherungsnummer wissen.

Beim Thema fehlende polizeiliche Überprüfung schreibt Hertha:

"Wir haben uns in erster Linie auf das Führungszeugnis konzentriert, […] Die Ausstellung […] kann im Einzelfall längere Wartezeiten in Anspruch nehmen und es ist durchaus möglich, dass sich die Vorlage [...] somit verzögert."

Julia berichtete außerdem, dass sie mit mehreren anderen Ordnern gesprochen habe. Keiner von ihnen habe demnach ein polizeiliches Führungszeugnis oder einen Personalausweis vorgelegt.

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Das Problem bestünde nicht, wenn Hertha BSC ein externes Sicherheitsunternehmen beauftragen würde. Denn diese sind gesetzlich verpflichtet, ihre Mitarbeiter streng zu überprüfen. Sie schauen nicht nur ins Führungszeugnis, sondern holen beispielsweise auch Auskünfte bei der Polizei ein - jedes Jahr neu.

Klubeigene Sicherheitsdienste müssen diese Auflagen nicht erfüllen, da sie kein fremdes Eigentum bewachen, sondern ihr eigenes Stadion. Viele Profiklubs in Deutschland setzen eigene Sicherheitsdienste ein - aus mehreren Gründen.

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Zum einen sparen die Vereine Geld. Ein Sicherheitsberater von Bundesligisten rechnet vor: Klubeigene Ordner kosten 8,50 Euro pro Stunde plus Zulagen. Angemietete Sicherheitskräfte sind mit mindestens 16,50 Euro plus Zulage fast doppelt so teuer.

Beispielrechnung: Ein Verein hat an 17 Heimspieltagen 100 Ordner für jeweils fünf Stunden im Einsatz. Je nach Bundesland spart er dann zwischen 65.000 und 150.000 Euro pro Saison.

Ein weiterer Vorteil: Kontinuität. Bei eigenen Sicherheitsdiensten ist eher gegeben, dass derselbe Ordner Woche für Woche an derselben Stelle steht. Das kann Vertrauen und Verständnis fördern.

Der DFB schätzt, dass in den Bundesliga-Stadien etwa 3.000 klubeigene Ordner im Einsatz sind, vermutlich sogar mehr. Bei Hertha BSC sind es etwa 150. Borussia Mönchengladbach setzt 500 eigene Ordner ein und liegt damit deutschlandweit auf Platz zwei hinter Borussia Dortmund mit etwa 1.000 klubinternen Ordnern.

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Doch auch die klubeigenen Sicherheitsdienste haben ein Regelwerk, an das sie sich halten sollen: die DFB-Sicherheitsrichtlinien. Diese sind zunächst ähnlich streng wie die gesetzlichen Vorgaben: Jeder Klub muss demnach seine Sicherheitskräfte von der Ordnungsbehörde und auch von der Polizei überprüfen lassen.

Außerdem fordert der DFB, dass jeder, der sich im Stadion aufhält, eine Zugangsberechtigung hat. Für Ordner sind deshalb ein Dienstausweis nötig und am besten noch eine Arbeitskarte für das jeweilige Spiel.

Doch auch diese Vorschrift wird offenbar nicht überall eingehalten - das zeigt das Beispiel Borussia Dortmund.

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Ein Ordner des BVB-Sicherheitsdienstes, wir nennen ihn Jens, berichtet davon, dass er und seine Kollegen keine Dienstausweise hätten. Können dadurch Unbefugte bei den Kontrollen durchrutschen? Sport inside will es wissen, schickt eine Testperson zu einem Heimspiel nach Dortmund.

Und tatsächlich: Unsere Testperson gelangt am Mitarbeitereingang ins Stadion, kann sich dort völlig frei bewegen. Er nutzt eine unübersichtliche Situation am Mitarbeitereingang, zweieinhalb Stunden vor Anpfiff. Die Testperson wird abgetastet, aber nach dem Namen und der Funktion fragt niemand.

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Sport inside teilt dem BVB die Rechercheergebnisse ausführlich mit. Doch der Verein sieht sich außer Stande, eine Stellungnahme abzugeben, ohne das Drehmaterial gesehen zu haben.

Alle Fragen bleiben unbeantwortet.

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Bei Hertha BSC und Borussia Dortmund decken die Stichproben von Sport inside also Lücken auf. Bei Borussia Mönchengladbach dagegen nicht.

Auch beim dortigen zweitgrößten klubeigenen Sicherheitsdienst im deutschen Fußball bewerben sich Testpersonen von Sport inside. Sie berichten: Ausweis, Führungszeugnis - alles wird gefordert. Und vor allem: Alle Ordner werden vor ihrem Einsatz auch polizeilich überprüft.

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Das derzeitige System mit klubeigenen Sicherheitsdiensten kann also funktionieren, birgt aber Gefahren. Sport inside hat den DFB mit den Ergebnissen der Stichproben konfrontiert. Der Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert sagte daraufhin: "Wir nehmen die Ergebnisse ernst und werden sehen, was sich daran verbessern lässt."

Große Lefert berichtete auch von eigenen Stichproben vonseiten des DFB. Doch die Vereine haben offenbar nicht viel zu befürchten, wenn sie die Sicherheitsrichtlinien nicht einhalten. Große Lefert konnte nur einen Fall nennen, in dem der DFB einen Klub wegen Sicherheitsmängeln mit einer Geldstrafe belegt hatte.

Der Verband setzt offenbar eher auf Aufklärung und Kommunikation.

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"Kooperativ die Situation verbessern"

Hendrik Große Lefert, der Sicherheitsbeauftragte des DFB, über die Zusammenarbeit mit den Klubs.

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Doch das Konzept der vereinseigenen Sicherheitsdienste hat noch eine weitere Schwachstelle. Die polizeiliche Auskunft über die eingesetzten Ordner, die der DFB von den Klubs fordert, ist juristisch heikel. Denn in den meisten Bundesländern darf die Polizei diese Auskunft nur erteilen, wenn der Ordner einwilligt. Doch auch eine solche schriftliche Einwilligungserklärung ist anfechtbar.

Bei gewerblichen Sicherheitsfirmen entfällt dieses Problem. Hier braucht die Polizei keine Einwilligung für eine sogenannte Zuverlässigkeitsprüfung. Deshalb hat Polizeigewerkschafter Plickert einen simplen Lösungsvorschlag.

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"Als Bewachungsunternehmen anmelden"

Arnold Plickert, Gewerkschaft der Polizei, über seinen Lösungsansatz.

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Der DFB dagegen hat eine andere Richtung eingeschlagen. Als Reaktion auf die unsichere Rechtslage plant er, seine Sicherheitsrichtlinien abzuschwächen. Demnächst soll gelten: Überprüfung ja, aber nur wenn rechtlich möglich. Übersetzt heißt das: Die Klubs dürfen weitermachen - mit unzureichend überprüften Ordnern.

Statt eine eigene Lösung zu finden, spielt der DFB den Ball weiter.

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Wunsch an den Gesetzgeber

Der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert über eine mögliche Gesetzesänderung.

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Eine schnelle Lösung ist also nicht in Sicht. Deshalb besteht auch weiterhin die Gefahr, dass in Fußballstadien Ordner im Einsatz sind, deren strafrechtliche Vorgeschichte niemand kennt.

Die Ironie der Geschichte: Das eigene, lasche Kontrollsystem hat den DFB bereits wieder eingeholt - beim Pokalfinale 2016 in Berlin.

Mehr dazu - und weitere Hintergründe - hat Sport inside in seiner Sendung vom 06.11.2016 gezeigt.

Hier geht's zum Film:
"Lücken im System" (13:49 Min.)

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