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Die Kölner Silvesternacht

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Diebstähle, sexuelle Belästigungen und sogar Vergewaltigungen: Die Gewaltexzesse in der Kölner Silvesternacht 2015 haben weltweit schockiert. Wie haben Opfer die Übergriffe erlebt? Was ist aus den Tätern geworden? Und welche Rolle spielte die Polizei? Eine Spurensuche.

Von Robert Franz und Christian Wolf

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Claudia Vosen

Sie war in der Silvesternacht mit ihrer Familie in Köln. (Aufnahme: November 2016)

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Original Notruf (Stimme verfremdet)

Um 21:52 Uhr meldet sich dieser Anrufer bei der Polizei. (Zum Starten die Playtaste klicken)

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Polizistin:
 "Polizeinotruf."
Anrufer: "Hallo ich wollte mal Bescheid sagen, die sind hier voll am Austicken. Die schmeißen alles von oben nach unten. Hier ist Ausnahmezustand."
Polizistin: "Ist da keine Polizei?"
Anrufer: "Gar nichts. Hier ist gar nichts vor Ort. Nichts."

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Auf einen Ausnahmezustand ist die Polizei nicht vorbereitet. Es sind rund 150 Beamte von Landes- und Bundespolizei in der Kölner Innenstadt im Einsatz und damit mehr als an Silvester 2014. Doch schon weit vor Mitternacht zeichnet sich ab, dass es große Probleme geben wird.

Auf dem Bahnhofsvorplatz versammeln sich Hunderte Menschen, Raketen werden in die Menge geschossen, die Stimmung wird immer aggressiver. Irgendwann eskaliert die Lage. Passanten werden angepöbelt und begrapscht, Handys geklaut, und Männer machen Jagd auf Frauen. Die Situation rund um den Hauptbahnhof gerät außer Kontrolle.

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Szenen aus der Nacht

Videomaterial von Privatpersonen und der Polizei zeigt die Situation rund um den Hauptbahnhof.

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Die Polizei ist angesichts der Menschenmassen machtlos. Um eine Massenpanik zu verhindern, wird der Platz vor dem Bahnhof geräumt. Doch die Gewaltexzesse setzen sich fort. Im Schutz der Menge gehen überwiegend junge, alkoholisierte Männer gezielt auf Frauen los. Sie werden umzingelt, festgehalten, abgeleckt, an allen möglichen Körperstellen angefasst, und es gibt mehrere Vergewaltigungen. Viele der Täter kommen aus dem nordafrikanischen oder arabischen Raum und sind Flüchtlinge.

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Räumung des Bahnhofsvorplatzes

Videoaufnahmen der Polizei zeigen die Räumung des Bahnhofsvorplatzes

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360°-Ansicht starten

Die Übergriffe ereignen sich rund um den Dom oder im Bahnhof. Schwerpunkt ist der Bahnhofsvorplatz und die Treppe zum Dom. Zwei 360°-Ansichten sind knapp ein Jahr später aufgenommen worden.

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Eine wichtige Rolle an diesem Abend spielen auch die Ereignisse auf der Hohenzollernbrücke. Rund um Mitternacht herrscht auf dem Fußweg dichtes Gedränge. Passanten haben Angst, erdrückt zu werden und klettern auf die Bahngleise.

Die Folge: Der Zugverkehr wird für über eine Stunde eingestellt. Das hat fatale Auswirkungen auf die Geschehnisse im Bahnhof. Da keine Züge fahren, wird das Gedränge dort immer größer. Täter haben nun leichtes Spiel, und es kommt zu vielen Diebstählen und sexuellen Übergriffen.

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Claudia Vosen

Sie konnte in der Silvesternacht ihre Kinder nicht beschützen. (Aufnahme: November 2016)

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Während manche Betroffene noch in der Nacht Anzeige erstatten, melden sich viele andere erst Tage oder Wochen später bei der Polizei. Insgesamt geben 1.310 Personen an, in der Silvesternacht Opfer geworden zu sein. Bei 622 geht es um sexuelle Übergriffe. In 28 Fällen wird eine versuchte oder vollendete Vergewaltigung angezeigt.

Doch nicht nur die traumatischen Erlebnisse machen den Opfern zu schaffen. Auch die Hilflosigkeit schockiert. Entweder ist gar keine Polizei in der Nähe. Oder aber die Beamten helfen nicht. In ihrer Not melden sich die Betroffenen beim Notruf der Polizei.

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Original-Notrufe (Stimme verfremdet)

So schildern zwei Frauen der Polizei, was ihnen passiert ist. (Zum Starten die Playtaste klicken)

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Polizist: "Polizeinotruf"
Anruferin
: "Ja, hallo, wir sind am, also wir sind gerade in Köln und sind gerade durch den Hauptbahnhof durch den Eingang gelaufen. Und da stehen lauter Leute und wenn man da durchläuft, dann grapschen die einen, langen unters Kleid, und alles. Aber so richtig. Ziehen einen mit. Also - und lassen einen nicht los. Da stehen so Polizisten, aber die machen da gar nichts. Die machen da gar nichts."
Polizist: "Und Sie werden da belästigt, ja?"
Anruferin: "Ja, aber total. Die langen einem unter das Kleid und alles."

Polizist: "Polizeinotruf Köln"
Anruferin: "Eine Frage. Wir wurden gerade hier am Hauptbahnhof zu dritt überfallen. Also ohne das jetzt rassistisch zu meinen, aber es waren sehr viele ich sag mal schwarze Personen und ausländische Personen, die uns auf einmal alle angegriffen haben. Die haben mir zum Beispiel die Hose runtergerissen und das Kleid hochgerissen. Und ich habe nur noch um mich geschlagen."

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Die dramatischen Erlebnisse brennen sich bei vielen Opfern tief ins Gedächtnis ein. Und nicht nur das. Die Folgeschäden bleiben noch lange Zeit. So berichten Frauen davon, dass sie sich abends nicht mehr alleine vor die Tür trauen. Ihr Sicherheitsgefühl ist nachhaltig beschädigt.

Um ihr Trauma zu bekämpfen, gehen manche noch Monate später in ärztliche Therapie. Ihnen hilft es, über die Ereignisse an Silvester zu sprechen. Vergessen können sie noch lange nicht.

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Hassan Tabaa

Verurteilter Sexualstraftäter der Silvesternacht.
(Exklusivaufnahme für "die story", November 2016)

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Die Suche nach den Tätern ist schwierig. In der Menge haben viele Opfer ihre Peiniger nicht erkannt. Und wenn, dann können sie nur sehr vage Beschreibungen machen. Jede Straftat muss aber einer konkreten Person zugeordnet werden. Und in der Nacht selbst war die Polizei nicht in der Lage, sich um all die Täter zu kümmern.

So kommt es, dass nur rund 330 Beschuldigte namentlich ermittelt werden. 124 Verfahren werden wieder eingestellt - unter anderem, weil sich kein hinreichender Tatverdacht begründen lässt oder die Verdächtigen nicht mehr auffindbar sind. 

24 Angeklagte wurden bislang verurteilt, 18 davon rechtskräftig. In den meisten Fällen geht es um Diebstähle oder Hehlerei. Nur zwei Täter sind wegen sexueller Nötigung oder Beihilfe verurteilt. In einer weiteren Verurteilung geht es um Beleidigung auf "sexueller Grundlage".

Die Ermittler erklären sich die schleppende juristische Aufarbeitung so:







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Ulrich Bremer, Staatsanwaltschaft Köln

Er hat Straftaten aus der Silvesternacht verfolgt.

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Der Kreis der Verdächtigen lässt sich dennoch klar definieren. Mit knapp 200 Beschuldigten kommt ein Großteil aus Nordafrika. Viele davon sind Asylbewerber oder illegal Eingereiste. Auch 20 Deutsche sind unter den Tätern. Experten glauben, dass nur wenige von ihnen schon mit dem Ziel zum Hauptbahnhof gekommen sind, dort Frauen zu belästigen.

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Prof. Rudolf Egg, Gutachter und Kriminalpsychologe

Er hat die Silvesternacht für den Untersuchungsausschuss des NRW-Landtages analysiert.

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Polizist, der unerkannt bleiben will

Er war in der Silvesternacht im Einsatz.  (Exklusivaufname für "die story")

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Die Kölner Polizei gerät schnell in die Kritik. Sie war mit zu wenigen Kräften vor Ort und hatte das Geschehen über Stunden nicht im Griff. Dabei hätten in der Nacht noch Polizisten vom Land nachbeordert werden können.

Wichtige Details versickerten zudem: So sprach der Gruppenführer am Bahnhof in einem Telefonat mit dem Chef der Leitstelle von "bürgerkriegsähnlichen" Zuständen und 80, 90 Prozent Migranten. Diese Info wurde aber nicht in eine interne Polizeimeldung aufgenommen. In der Pressemitteilung am Neujahrsmorgen war zudem von einer "entspannten" Einsatzlage und "friedlichen" Feierlichkeiten die Rede. 

Der Vorwurf der Vertuschung wird von der Polizei zurückgewiesen. Stattdessen ist von Kommunikationsfehlern die Rede. Das sagt auch die Bundespolizei. Sie war für die Sicherheit im Bahnhof zuständig und mit zu wenigen Beamten vor Ort. Das lag auch daran, dass viele Bundespolizisten wegen der Flüchtlingskrise an den Grenzen im Einsatz waren.

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Dieter Romann, Präsident Bundespolizeipräsidium

Er räumt Kommunikationsprobleme in der Silvesternacht ein.

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Im Nachhinein zeigt sich, dass die Polizei in der Nacht völlig überfordert war. Zwar hatte sie sich auf alkoholisierte Feiernde eingestellt, und die Terrorgefahr war latent hoch. Mehr als 1.000 enthemmte Männer auf der Jagd nach Frauen gehörten allerdings nicht zum Lagebild.

Anhand der aufgezeichneten Notrufe zeigt sich zudem, dass die Lage von manchen Beamten falsch eingeschätzt wurde. Anrufer wurden nicht ernst genommen oder an andere Kollegen verwiesen.


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Original-Notrufe (Stimmen verfremdet)

So reagiert die Polizei auf zwei Anrufer. (Zum Starten Playtaste klicken)

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Anrufer: 
"Wie die Leute dort angegangen werden von den Flüchtlingen ist nicht mehr normal. Da ist eine Meute von 100 Leuten, die die Leute angreifen." 
Polizist: "Da wir nicht 100, 120 oder 500.000 Polizisten dort herumlaufen haben, werden wir natürlich nicht überall sein können."
Anrufer: "Das ist mir scheiß egal. Dann muss man da einfach mal..."
Polizist: "Wie reden Sie mit mir? So führe ich das Gespräch nicht fort. Reden Sie vernünftig mit mir oder gar nicht. Auf Wiederhören."

Polizist: "Polizeinotruf Köln."
Anrufer: "Schönen guten Tag, ich wollte einen Handydiebstahl melden. Wir sind aus dem Bereich des Tatorts geflüchtet, weil gleichzeitig meine Cousine und meine Freundin wurden wirklich also - an der Vagina betatscht. Also unter den Rock gepackt."
Polizist: "Gehen Sie bitte zur nächsten Polizeiwache. Wenn Sie noch im Bereich rund um den Hauptbahnhof sind, dann ist die nächste Polizeiwache die Stolkgasse. Dort können Sie dann Anzeige erstatten. Und dann natürlich auch die Anzeige bezüglich der sexuellen Belästigung."


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Tagelang haben die Silvesterübergriffe die Öffentlichkeit bestimmt. Im Fokus stand dabei die Flüchtlingsfrage. Nach der positiven "Willkommenskultur" in den Monaten zuvor drehte sich die Stimmung. Trotz Warnungen vor Pauschalisierungen wurden Flüchtlinge fortan skeptischer betrachtet.

Auch die Arbeit der Medien wurde hinterfragt. Einer der Vorwürfe: Die Herkunft von Tätern werde zu oft verschwiegen.






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Angesichts des Silvesterschocks musste auch die Politik reagieren und Handlungsfähigkeit beweisen. Das Asylrecht wurde verschärft und Abschiebungen erleichtert. Dennoch erhielten Populisten Auftrieb. Sie nutzten die Silvesternacht für ihre Zwecke und machten Front gegen Flüchtlinge.

Um die Fehler der Nacht aufzuarbeiten und Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen, wurde im NRW-Landtag ein Untersuchungsausschuss eingesetzt. Die Abgeordneten vernahmen mehr als 170 Zeugen, darunter NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Innenminister Ralf Jäger, und gingen vielen Details nach. Aber auch für Wahlkampfzwecke wurde das Gremium genutzt. Bis zum Frühjahr 2017 muss ein Abschlussbericht vorliegen.

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