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Kinderehen im Niger

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Eine Multimedia-Reportage von
Dirk Gilson

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Ein Foto von ihrem Hochzeitstag. Für die 15-Jährige Hamsatou war es kein Tag der Freude.

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Wenn Eltern entscheiden, müssen Töchter gehorchen. So ist das in Hamsatous Heimat. Sie lebt in Gamkalley, einem Stadtteil von Niamey, der Hauptstadt des Wüstenstaates Niger in Westafrika.

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Hamsatous Elternhaus. Bis vor kurzem hat sie hier mit ihren Eltern und sechs Geschwistern gelebt. Ihr Vater, Seydou Mahaman, sagt, er hätte keine Wahl gehabt, als sie zu verheiraten.

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So argumentieren viele Eltern hier. Die Gesellschaft akzeptiert keine vorehelichen Beziehungen. Schwanger werden, ohne verheiratet zu sein, bringt Schande über die Familie – so die Überzeugung.

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Neben gesellschaftlichen Zwängen ist vor allem die extreme Armut im Land eine Hauptursache für Kinderehen. Etwa die Hälfte der Einwohner leben von weniger als einem Euro am Tag. Im aktuellen Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen belegt Niger den weltweit vorletzten Platz.

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Dazu kommt eine rasant wachsende und extrem junge Bevölkerung: 69 Prozent der Nigrer sind unter 24 Jahre. Im Schnitt bekommt jede Frau sieben bis acht Kinder. Für viele Eltern ist es schwierig, für alle zu sorgen. Töchter früh zu verheiraten, erscheint als einfache Lösung des Problems.

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Die Folge: Etwa jedes dritte Mädchen ist 15 Jahre oder jünger, wenn es heiratet. Von den 18-jährigen sind knapp 80 Prozent verheiratet. Damit hat Niger die höchste Kinderehen-Rate der Welt. In den meisten Fällen werden die Mädchen gezwungen. Eltern oder Verwandte arrangieren die Ehen. Für viele beginnt damit ein langer Leidensweg. Wie für die heute 22-jährige Nafissa.

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Nafissas Ehemann nahm sie mit in sein Heimatdorf – 1000 Kilometer entfernt von ihrem Zuhause. Schon nach wenigen Monaten begann er sie zu schlagen und zwang sie zum Sex. Mit 15 wurde Nafissa zum ersten Mal schwanger – sie verlor ihr Kind bei der Geburt. Als sie zum zweiten Mal schwanger wurde, entschloss sie sich zu fliehen.

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Das war Nafissas Rettung. Sie nahm an einem Programm der lokalen Hilfsorganisation SongES teil. Die Mitarbeiter halfen ihr, wieder zur Schule gehen. Stolz zeigt sie ihr Abschlusszeugnis. Kurz danach hat sie erfahren, dass sie einen Ausbildungsplatz bekommen hat.

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Kämpfen lohnt sich. Davon will Nafissa auch andere Mädchen überzeugen. Neben Ausbildung und Kindererziehung reist sie im Auftrag des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) als Botschafterin im Kampf gegen Kinderehen durchs Land. Wie hier in einem Vorort von Niamey.

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Tatsächlich wehren sich immer mehr Mädchen. Eine der ersten Anlaufstellen für Mädchen, die vor Kinderehen fliehen, ist die lokale Hilfsorganisation SOS. Die 13-jährige Chafa'Atou ist vor vier Tagen aus ihrem Heimatdorf Filingue hier angekommen. Sie erzählt SOS-Mitarbeiterin Hannatou ihre Geschichte. Um Chafa'Atou vor Anfeindungen zu schützen, zeigen wir ihr Gesicht nicht.

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Solche Geschichten hört Hannatou oft. Sie ist Ersthelferin bei SOS und betreut Mädchen wie Chafa'Atou. Sie bekommen hier Unterschlupf und die Helfer nehmen Kontakt mit den Verwandten auf, um zu vermitteln. Hannatou hat mit Chafa'Atous Eltern gesprochen. Sie haben zunächst zugestimmt, mit der Verheiratung noch zu warten, wenn Chafa'Atou nach Hause zurückkehrt.

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Chafa'Atou darf vorerst in der Obhut der Hilfsorganisation bleiben. Hannatou will erst einmal einen gemeinsamen Besuch bei ihren Eltern organisieren. Dabei wird sie ihnen erklären, dass sie mit der Verheiratung nicht nur die Zukunft ihrer Tochter gefährden, sondern auch ihre Gesundheit.

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Was das bedeutet, zeigt ein Besuch im Zentrum zur Behandlung so genannter Scheidenfisteln.

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Die Krankengeschichten der Patientinnen von Schwester Allassane ähneln sich. Sie kommen aus ländlichen Regionen, wurden als Kinder verheiratet und sind sehr jung schwanger geworden. Das Problem: Wenn Kinder Kinder bekommen, kommt es häufig zu Komplikationen bei der Geburt, wenn der Fötus zum Beispiel zu groß für den Geburtskanal ist.

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Die Frauen liegen dann tagelang in den Wehen. Für Baby und Mutter endet das oft tödlich. Wer überlebt, trägt meist schwere Verletzungen davon. Eine der häufigsten ist die Scheidenfistel: Durch die Belastung reißt das Gewebe zwischen Scheide und Blase. Es entsteht ein Loch, eine so genannte Fistel, zwischen den Organen. Die 22-jährige Patientin Fati erzählt, was das bedeutet.

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Fati ist seit sieben Jahren in Behandlung. Die ersten vier Jahre hat sie hier in der Klinik verbracht, seit drei Jahren kommt sie regelmäßig zur Nachuntersuchung. Dass die Behandlung der Fisteln so lange dauert, ist hier nicht ungewöhnlich. Meist müssen die Frauen mehrere Operationen über sich ergehen lassen, um das zerstörte Gewebe wieder aufzubauen – bei Fati waren es sechs.

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Wer es bis in eine der wenigen Fistulakliniken des Landes schafft, hat gute Chancen, wieder gesund zu werden. Das Problem: Viele Frauen auf dem Land erfahren erst gar nicht, dass ihre Krankheit heilbar ist oder sie wollen sie geheim halten, weil sie sich schämen. Verlässliche Zahlen gibt es kaum. Aber Hilfsorganisationen schätzen, dass in Niger derzeit etwa 100.000 Frauen an Scheidenfisteln leiden und dass jedes Jahr rund 8.000 Fälle dazu kommen. Für Krankenschwester Allassane ist klar, dass eine bessere medizinische Versorgung alleine das Problem nicht lösen kann.

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Wie bekämpft man eine Tradition, die seit Jahrhunderten besteht und die tief in den Köpfen der Menschen verankert ist? Nafissa weiß, wer die Veränderungen anschieben müsste.

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Hilfsorganisationen kritisieren, dass die Regierung zu wenig tue, um die Mädchen zu schützen. Tatsächlich hat Niger kein Gesetz, das das Mindestalter für Ehen festlegt. Die Folge: Nicht gesetztes Recht, sondern Tradition entscheidet, wann ein Mädchen alt genug für die Ehe ist - damit liegt ihr Schicksal in den Händen von Vätern, männlichen Verwandten, Dorfältesten und Religionsführern.

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Genau dort setzt ein ungewöhnliches Projekt der NGO SongES an. Im Innenhof der Hilfsorganisation diskutieren zwölf Männer mit einem SongES-Mitarbeiter über Schwangerschaft, Familienplanung und Kinderehe. Keine klassischen Männerthemen in Niger. Genau das soll das Projekt ändern.

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Dazu gehört auch das Thema Verhütung. Denn die enorm hohe Geburtenrate von mehr als sieben Kindern pro Frau ist wichtiger Teil des Problems. Maman Abdou ist stolz, Schüler der Schule für Ehemänner zu sein. Zweimal im Monat treffen er und die anderen Männer sich hier. Sie alle sind anerkannte Persönlichkeiten in ihren Dörfern – Imame, Dorfälteste, Gemeindevorsteher. Die NGO lädt gezielt einflussreiche Männer ein, die Schule zu besuchen.

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Die Idee: Sie sollen die Erkenntnisse aus den Treffen in ihren Dörfern verbreiten und so mithelfen, die Position der Frauen und Mädchen zu stärken. Das Konzept funktioniere, so ein SongeES-Mitarbeiter: In Regionen mit Schulen für Ehemänner gingen mehr Frauen zu Vorsorgeuntersuchungen, es gebe mehr medizinisch betreute Geburten und auch mehr Frauen, die verhüten, sagt er. Außerdem würden die Schulen die Einstellung der Männer zu Kinderehen beeinflussen.

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Davon wollen Maman Abdou und seine Mitschüler auch die anderen Väter in ihren Dörfern überzeugen. Dass das nicht immer einfach ist, zeigt das Beispiel von Hamsatou. Ihr Vater kennt das Projekt und findet es gut. Dennoch:

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Vor wenigen Wochen war Hamsatou noch Schülerin, jetzt ist sie Hausfrau. Natürlich hat auch sie davon gehört, dass immer mehr Mädchen sich wehren. Das würde sie auch gerne tun, sagt sie. Doch die Angst vor der Reaktion der Eltern und Verwandten ist zu groß.

Außerdem hätte es noch schlimmer kommen können, ergänzt sie. Immerhin würde ihr Mann sie bis jetzt gut behandeln.

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