Hinweis

Für dieses multimediale Reportage-Format nutzen wir neben Texten und Fotos auch Audios und Videos. Daher sollten die Lautsprecher des Systems eingeschaltet sein.

Mit dem Mausrad oder den Pfeiltasten auf der Tastatur wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Durch Wischen wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Los geht's

Der Terror und wir

Logo http://reportage.wdr.de/jesuischarlie

Zum Anfang

7. Januar 2015, Paris

Vollbild

11 Uhr 30. Zwei bewaffnete Männer stürmen die Redaktionsräume der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo. Sie erschießen 11 Menschen.

Die Täter flüchten und töten einen muslimischen Polizisten. Sie rufen "Allahu akbar." Das macht alles nur noch schlimmer.

In NRW leben anderthalb Millionen Muslime und 16 Millionen Andersgläubige. Seit diesem 7. Januar wirft das unschöne Fragen auf: Wenn Muslime in Allahs Namen töten – was hat das mit dem Islam zu tun? Und: Wenn die Angst vor Islamismus ein ganzes Land erfasst – wie stabil ist dann Multi-Kulti?

Im Laufe dieser Reportage lernen wir Menschen kennen, die auf all diese Fragen Antworten wagen: Navid Kermani zum Beispiel, Jacques Tilly, Vanessa Konzok oder Max Jäger.

Schließen
Zum Anfang
Video ansehen
Video

Ein öffentliches Attentat

Es passiert am helllichten Tag in einem belebten Viertel. Wenige Minuten nach dem Anschlag geht die Nachricht um die Welt.

Zum Anfang

Das Original

Vollbild

Es ist 11 Uhr 52. Joachim Roncin hat soeben von dem Anschlag erfahren und ist schockiert. Er fühlt sich persönlich angegriffen – schließlich ist er Journalist. Er arbeitet für ein französisches Musikmagazin. Er will ein Zeichen setzen – für die Pressefreiheit und für Solidarität.

Er sucht nach Worten und findet einen Satz: "JeSuisCharlie." 

Sein Tweet schreibt Geschichte.


Schließen
Zum Anfang

Alle sind sich einig: Alle sind Charlie.
3,4 Millionen Tweets innerhalb von 24
Stunden – ein historisches Hashtag
auf Twitter.

Eigentlich komisch. Denn eigentlich ist
nicht die Meinungsfreiheit das Problem,
das uns in Europa umtreibt. Eigentlich 
ist es nicht der Journalismus, der für
Diskussionen sorgt. 

Es ist der Islam. 

Zum Anfang

Islam und Islamismus.
Islam und Deutschland.
Islam und Pegida.
Islam und Satire.

Das sind jetzt die Themen,
die das Abendland beschäftigen.

Zum Anfang

Max Jäger hat nie darauf geachtet,
aber jetzt fällt es ihm auf: Viele seiner
Freunde sind Muslime. Man zeigt mit
dem Finger auf sie. Max findet das
scheiße.

Er ist Musiker. Sein Künstlername klingt
wie ein Aufruf: MaximNoise –
Make some noise! Werdet laut! 

Die Ereignisse in Paris verschlagen 
ihm anfangs die Sprache.
Aber: Reden hilft. Max ist Rapper.
Reden kann er. 



Zum Anfang
Video ansehen
Video

Distanz und Distanzierung

Max erster Gedanke: Der Terror ist erschreckend nah.
Der zweite: Dieser Anschlag bedroht auch den Islam. 

Zum Anfang

Max hat etwas zu sagen. Und: Er wird gehört.
Als MaximNoise ist er ein YouTube-Star – er hat über 75.000 Abonnenten. Am Abend dieses 7. Januars schreibt er ein Lied gegen den Terror.

Denn der Stift ist immer stärker als das Schwert.

Zum Anfang
Video ansehen
Video

Max ist Charlie

"Ich bin Charlie" – so heißt der Song, den MaximNoise noch in derselben Nacht auf YouTube veröffentlicht.

Zum Anfang

8. Januar, Paris

Vollbild



Am Tag nach dem Anschlag sind die Täter noch immer
auf der Flucht. Eine Polizistin wird angeschossen
und stirbt an ihren Verletzungen.  

Paris ist wie gelähmt. Der Rest der Welt nimmt Anteil.
Je suis Charlie spricht uns allen aus dem Herzen.
So bekennen wir unsere Solidarität mit den
ermordeten Machern von Charlie Hebdo –
auf Facebook, auf Twitter, auf Demonstrationen.

Auf Twitter entsteht auch das Hashtag #JeSuisAhmed.
Gemeint ist Ahmed Merabet – der muslimische Polizist,
der am Tag zuvor von den Attentätern regelrecht
hingerichtet wurde. #JeSuisAhmed ruft zur Solidarität
mit den Muslimen auf. 

Die Resonanz auf dieses Hashtag ist erschreckend gering:
22.000 Tweets nach 24 Stunden – weltweit.











Schließen
Zum Anfang

Taner Beklen ist Student und engagiert
sich in der muslimischen Jugendarbeit.

Er schreibt auf Twitter:
"Terroristen glauben nicht.
Sie benutzen die Religion nur!"
Jeder andere hätte #JeSuisCharlie
dazu geschrieben.

Taner Beklen nicht. 

 

Zum Anfang
Video ansehen
Video

Er ist nicht Charlie

Er ist auch nicht Ahmed. Er ist vor allem Taner Beklen – ein demokratisch engagierter Muslim. 

Zum Anfang

Spezialkräfte der Polizei umstellen eine
Druckerei in Dammartin en Goëlle, 50 Kilometer nordöstlich von Paris. Said und Cherïf Kouachie
haben sich dort verschanzt.

Gegen 13 Uhr 35 fallen Schüsse – in einem
jüdischen Supermarkt im Zentrum von
Paris. Der Dschihad hat viele Krieger.
Einer von ihnen: Amedy Coulibaly. 


Zum Anfang
Video ansehen
Video

Eskalation der Gewalt

Amedy Koulibaly erschießt vier Juden. Der Supermarkt wird gestürmt, zeitgleich auch die Druckerei. Die Terroristen werden getötet.  

Zum Anfang

Er ist Schriftsteller und Orientalist.
Er ist auch Muslim, was manche seiner
Glaubensbrüder wahrscheinlich bedauern.
Navid Kermani ist ein unbequemer Denker.

Mit dem Islam geht er hart ins Gericht.

Zum Anfang
Video ansehen
Video

Wenn Muslime töten, ...

sind Muslime verantwortlich. So sieht es Navid Kermani.

Zum Anfang

Buddha ist gütig. Gott ist lieb. Allah ist streng.
Für Navid Kermani fängt da das Problem schon an. Dass seine Religion in Verruf komme, liege nicht allein am islamistischen Terror. Es liege auch an den muslimischen Gemeinden – und an der Art,
wie sie den Islam vermittelten. 

Manche halten ihn für einen Ketzer.

Zum Anfang
Video ansehen
Video

Glaubenskrise

Kermani wurde als Muslim erzogen. Aber mit den Jahren wurde sein Glaube ihm fremd.

Zum Anfang

Der Polizist Ahmed Merabet ist seit
drei Tagen tot. Seine Familie tritt vor
die Presse – aller Trauer zum Trotz.  

Malek Merabet, der jüngere Bruder,
hat etwas zu sagen. Was wird das sein?
Will er Rache schwören?
Die Politik anklagen?
Die Satire verfluchen? 

Nichts dergleichen. 

Zum Anfang
Video ansehen
Video

Der Appell

Malek ruft zur Besonnenheit auf und plädiert für ein friedliches Miteinander.

Zum Anfang

Der Wortlaut

Vollbild

Ich wende mich jetzt an alle Rassisten,
Islamophoben und Antisemiten, die nicht
unterscheiden zwischen Muslime und 
Extremisten. 

Die Verrückten haben weder Hautfarbe noch Religion.  
Seht, ich möchte noch einen Punkt unterstreichen:
Hört auf, das zu vermischen. Hört auf, Kriege in
Gang zu bringen, Moscheen und Synagogen zu
verbrennen. Ihr attackiert damit nur die Menschen.
Das bringt uns unsere Toten nicht zurück und
das wird unsere Familien nicht besänftigen. 

Danke. 

Schließen
Zum Anfang

Sie lebt in Paris und arbeitet als Übersetzerin.
Sie ist eine von anderthalb Millionen Menschen,
die am 11. Januar auf die Straße gehen.

Es heißt, es sei ein Trauermarsch.
Für Vanessa und für viele andere ist es
ein Bekenntnis. 

Es geht nicht um den Islam. 
Es geht um Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit –
für Christen, Juden und Muslime. 

Dieser Tag ist schlimm und schön zugleich. 



Zum Anfang
Video ansehen
Video

Der Trauermarsch

Für Vanessa Konzok ist dieser 11. Januar ein Wechselbad der Gefühle. 

Zum Anfang

Der Terror in Paris spielt Pegida in
die Karten. Und ihr Trumpf ist der
Islamismus.

14. Januar in Köln:
Melanie Dittmer greift zum Mikrofon.
Man kennt ihre Parolen. Heute aber
ist etwas anders:  

Sie spricht französisch.

Zum Anfang
Video ansehen
Video

Meinungsfreiheit

... muss man aushalten.

Zum Anfang

Der Bundespräsident:
"Wir lassen uns durch Hass nicht spalten!" 

Die Kanzlerin:
"Der Islam gehört zu Deutschland."

Sie formulieren es als Feststellung.
Doch es ist nur eine Hoffnung. 

Deutschland redet von Spaltung. 

Zum Anfang
Video ansehen
Video

Der Härtetest

Wie gefährlich ist Pegida?

Zum Anfang

Früher, in einem anderen Jahrtausend,
war Verviers weltberühmt für seine
Textilindustrie. Doch an diesem Abend
liefert die belgische Stadt den Stoff für
eine europäische Sicherheitsdebatte.

Um 17 Uhr 45 stürmen
Spezialeinsatzkräfte ein Haus
in der Rue de la Colline. 

Zum Anfang
Video ansehen
Video

Um ein Haar

... wäre es passiert: Der dritte Anschlag innerhalb von neun Tagen. 

Zum Anfang

Jan Hofer ist für die Aktuelle Stunde 
in Verviers. Der Weg dorthin ist kurz –
erschreckend kurz. 
Er berichtet, was geschah. Und er
recherchiert, wie es geschah:
Nämlich äußerst brutal – und zwar
auf beiden Seiten. 
Als die mutmaßlichen Islamisten
das Feuer eröffnen, werden sie
sofort erschossen.

Die Nerven liegen blank.  

Zum Anfang
Video ansehen
Video

Gewalt und Gegengewalt

Es ist wie im Krieg: Es wird erbarmungslos gekämpft – Mann gegen Mann.

Zum Anfang

Zwischen den Fronten

Vollbild

Das Bild ist krass: Ein Neo-Nazi steht auf einer Salafisten-Demo und beobachtet den Feind. Man ahnt, was er denkt.

Vorne stehen die religiösen Eiferer und propagieren den Dschihad. Das allein ist noch nicht justitiabel: Dschihad bedeutet eigentlich nur, sich jeden Tag aufs Neue für Allah zu bemühen – auf welche Art auch immer. 

Extremisten unter sich. Sie schaukeln sich hoch und bescheren sich Zulauf.

Zwischen den Fronten steht die bürgerliche Mitte und bekommt es mit der Angst zu tun. Es ist ein Teufelskreis:
Angst schürt Hass. Hass sorgt für Terror. Terror macht Angst. 

Geht das immer so weiter? Erst Paris, dann Verviers – und dann? 


Schließen
Zum Anfang

Hartmut Schneider ist Fotograf. Seine
bevorzugten Motive: Nazis, Hooligans
und Salafisten. Er geht dahin, wo's
schlimmstenfalls auch weh tut.
Als es bei den Kögida-Demos zu
Ausschreitungen kommt, ist Schneider
mittendrin.

Er fotografiert Menschen auf Abwegen –
Frustrierte, Verblendete, Anführer,
Mitläufer, Irre manchmal auch.
So behält er sie im Auge.

Die rechte Szene macht ihn wütend.
Der Islamismus macht ihm Angst.

Zum Anfang
Video ansehen
Video

Feindbilder

Der Extremismus in NRW beschäftigt Hartmut Schneider – nicht nur fotografisch.

Zum Anfang

Glaube, Gehorsam, Gewalt

Vollbild

Salafismus heißt: Rückbesinnung auf die Vorfahren – denn vor über 1000 Jahren hat man noch streng nach dem Koran gelebt. Der Koran wurde befolgt – nicht gedeutet.  

Mit Gewalt hat das noch nichts zu tun. Es ist nur eine ultra-konservative Religionsauslegung. 

Sure 33,59:
O Prophet! Sprich zu deinen Ehefrauen und Töchtern und zu den Frauen der Gläubigen, sie sollen ihre Gewänder tief über sich ziehen. 

Deshalb der Schleier. Auch das ist Dschihad.

Sure 4, 74:
Lasst also für Gottes Sache diejenigen kämpfen,
die das irdische Leben um den Preis des jenseitigen Lebens verkaufen. Und wer für Gottes Sache kämpft, alsdann getötet wird oder siegt, dem werden wir einen gewaltigen Lohn geben.

Wer‘s glaubt, wird Krieger.





Schließen
Zum Anfang
Video ansehen
Video

Schlechte Nachrichten:

Unsere Angst scheint berechtigt.

Zum Anfang

Mit 16 sucht er nach einem Sinn.
Mit 17 konvertiert er zum Islam.
Mit 18 lernt er Pierre Vogel kennen.

Dominic nennt sich jetzt Musa. Er ist Salafist.
Er gibt Frauen nicht die Hand. Er hört keine Musik.
Sein Gesetz ist die Scharia.

Als einer seiner Freunde nach Syrien in den Krieg zieht, macht es bei Musa Klick. Er schafft den Ausstieg aus der Szene.

Jetzt ist er 27 und YouTuber. Sein Thema ist der Islam. Manchmal erzählt er auch von seinem Irrweg. Die Community soll daraus lernen.


Zum Anfang
Video ansehen
Video

Musa und Pierre

Pierre Vogel hat ganze Arbeit geleistet: Jahrelang hat Dominic sich nichts dabei gedacht.

Zum Anfang

Rund 150 radikale Islamisten aus NRW
kämpfen zur Zeit in Syrien und im Nord-Irak.

Früher gehörten solche Kämpfer zu
Dominics Bekanntenkreis. Ein guter
Freund von einst starb in Syrien den
Märtyrertod.
Wer überlebt, kehrt irgendwann zurück.
Und dann geht der Dschihad weiter.

Was geht in diesen Menschen vor?
Dominic hat eine Ahnung ...

Zum Anfang
Video ansehen
Video

Stationen

Syrien – NRW – Paradies

Zum Anfang

So heißt sein YouTube-Kanal.
Er versorgt seine Community mit
dem Dschihad à la Dominic:
Er bemüht sich, Allah zu gefallen,
in dem er einen modernen
Islam vermittelt. Es geht um
Toleranz und Offenheit – und oft auch
um Humor.

Navid Kermani hätte seinen Spaß daran –
denn die Zeiten ändern sich, und so
mancher Muslim auch.

Zum Anfang
Video ansehen
Video

Musa reloaded

Musa Dominic Schmitz hat seinen Weg gefunden.

Zum Anfang

Karneval im Rheinland – und Köln kapituliert:
Ein geplanter Charlie-Hebdo-Wagen wird
zwei Wochen vor Rosenmontag zurückgezogen. 
In Köln geht die Angst um. 

Zitat Hartmut Schneider: "Ich gehe davon
aus, dass es auch bei uns Schläfer gibt,
die nur auf die richtige Gelegenheit warten."

Die Gelegenheit wäre jetzt da.


Zum Anfang

In Friedenszeiten ist der Umzug in
Braunschweig die größte Sause 
Norddeutschlands. Doch an
diesem Sonntag bleiben 250.000
Jecken aus gutem Grund zu Hause:
Die Behörden befürchten einen
Terroranschlag.

Morgen ist Rosenmontag. Das kann
ja heiter werden. 

Zum Anfang

O-Ton Tilly: "Auch Muslime haben
das Recht, verspottet zu werden."
Er freut sich auf den Rosenmontag –
nicht trotz Charlie Hebdo, sondern
deswegen.

Tilly kämpft für Toleranz. Seine Waffe ist
die Satire. In dieser Session sind seine
Opfer Islamisten. 

Zu Risiken und Nebenwirkungen 
hat er eine Meinung:


Zum Anfang
Video ansehen
Video

Er ist so frei

Denn Satire darf alles – nur nicht schweigen.

Zum Anfang
Video ansehen
Video

Der Zoch kütt!

Ein gewagter Wagen – die Satire hat gesiegt.

Zum Anfang

Einerseits nichts Gutes:
Es bleibt die ungute Ahnung, dass es
jederzeit und überall wieder passieren
kann. Der Islamismus ist nicht totzukriegen.

Andererseits:
Es bleibt auch ein Gefühl, das mit Trotz
zu tun hat – und mit Stolz. Für unsere
multi-kulturelle Gesellschaft waren diese
Tage eine ernsthafte Bewährungsprobe. 
Wir haben sie bestanden.

Selbst Navid Kermani klingt da
fast versöhnlich: 




Zum Anfang
Video ansehen
Video

Das Schlusswort

Die Terroristen haben nicht gesiegt. Wir aber auch nicht. 

Zum Anfang
Scrollen, um weiterzulesen
Wischen, um Text einzublenden