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Kastration beim Hund - sinnvoll oder gefährlich?

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Streitthema Kastration - die Vorteile schienen jahrelang klar auf der Hand zu liegen. Doch jetzt werden immer mehr Stimmen laut, dass der Eingriff eher schadet als nutzt. Aber was überwiegt? Nutzen oder Risiken?

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Für viele Hundehalter ist die Kastration ein legitimes Mittel, um mehrere Probleme beim Vierbeiner auf einen Schlag zu lösen und viele Tierärzte raten standardmäßig zu diesem Eingriff. Laut Kastrationsgegnern handele es sich aber um eine heftige Amputation mit zum Teil drastischen Nebenwirkungen. Neuste Studien bestätigen dies. Warum also werden trotzdem jedes Jahr in Deutschland Tausende von Hunde wie selbstverständlich kastriert? Was sind die Gründe für die Kastration und was für Alternativen gibt es?

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Hund unterm Messer - Die operative Entfernung der Hoden oder der Eierstöcke unter Vollnarkose gehört in den meisten deutschen Tierarzt-Praxen zum Alltagsgeschäft. Zwischen 150 und 450 Euro kostet der Eingriff, der etwa eine Stunde dauert.

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Bei der Kastration eines Rüden werden die Hoden unter Vollnarkose entfernt. Manche Tierärzte entfernen auch den Hodensack. Der Unterschied zur Sterilisation, bei der nur die Samenleiter durchtrennt werden, ist gravierend. Anders als bei der Sterilisation, erfolgt nach der Entfernung der Hoden keine Bildung der typischen Geschlechtshormone mehr, dies kann das Aussehen, Verhalten und die körperliche Entwicklung des Hundes beeinflussen.

Tierärzte bezeichnen die Kastration eines Rüden als einen unkomplizierten, weil oberflächlichen, Eingriff.

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Bei der Kastration einer Hündin werden die Eierstöcke entfernt, die sonst Eizellen freisetzen aus denen nach der Befruchtung die Embryos entstehen. Diese Operation geschieht unter Vollnarkose. Der Eingriff beendet die Fruchtbarkeit der Hündin und die damit verbundene Hormonproduktion. Eine solche Kastration ist nicht gleichzusetzen mit einer Sterilisation, bei der nur die Eileiter durchtrennt werden und die keinen Einfluss auf den Hormonhaushalt des Tieres hat.

Anders als beim Rüden ist der Eingriff nicht oberflächlich, sondern erfordert das Öffnen der Bauchhöhle und birgt damit höhere Risiken.

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Als Frühkastration bezeichnen Tierärzte im Allgemeinen die Kastration vor der Geschlechtsreife, bzw. bei Hündinnen speziell vor der ersten Läufigkeit.

Für die Kastration zu einem so frühen Zeitpunkt spricht die Erkenntnis, dass dadurch das Krebsrisiko maßgeblich sinkt.

Dagegen spricht die Erfahrung, dass Geschlechtshormone wichtige Bausteine für die Knochenentwicklung sind. Bei einer Kastration vor dem ersten Lebensjahr wird diese gestört.

Bei einer Kastration vor dem zweiten Lebensjahr (Abschluss der Pubertät) wird außerdem die charakterliche Reifeentwicklung der Tiere beeinträchtigt. Die Folgen: ein gestörtes Sozialverhalten und andauerndes Junghundgebaren.


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Laut dem Deutschen Tierschutzgesetz ist die Kastration von Hunden in Deutschland grundsätzlich verboten. Im Gesetzestext heißt es:

Verboten ist das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres. Das Verbot gilt nicht, wenn … der Eingriff im Einzelfall … nach tierärztlicher Indikation geboten ist.“ - § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 1 a) TierSchG

Als Ausnahme ist also ein medizinischer Grund zulässig, wie beispielsweise eine Vereiterung der Gebärmutter oder ein Hodentumor.

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Sophie Strodtbeck

Die Tiermedizinerin und Fachbuchautorin kritisiert die oft zu freie Auslegung des Tierschutzgesetzes.

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Verhaltensgründe: Um Dominanz oder Aggressionsverhalten, z.B. gegen andere Rüden, zu unterbinden.

Haltergründe: Zur Vereinfachung des Zusammenlebens, wenn der Rüde z.B. nicht mehr darunter leiden soll, dass die Nachbarshündin läufig ist.

Medizinische Gründe: Akute Erkrankungen (z.B. Prostatavergrößerung) oder als Präventionsmaßnahme zwecks Vorbeugung möglicher Erkrankungen (z.B. Hodenkrebs).



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Medizinische Gründe: Aufgrund akuter Erkrankungen (z.B. Gebärmutterentzündung) oder als Präventionsmaßnahme zwecks Vorbeugung möglicher Erkrankungen, z.B. Krebs in der Gesäugeleiste (Mammatumoren).

Haltergründe: Beispielsweise um zu verhindern, dass die Hündin vom Nachbarsrüden gedeckt wird oder dass der Teppich, während der Läufigkeit, durch Blutflecken verunreinigt wird.

Verhaltensgründe: Beispielsweise um „zickiges Verhalten“ während der Läufigkeit zu unterbinden.



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Missverständnisse bei der Risikoabwägung

Mauritius h 03055632 bearbeitet
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Ein von vielen Tierärzten aufgeführtes Argument für die Kastration des Hundes ist die Tumorprophylaxe. Also beispielsweise die Kastration zur Verhinderung von späterer Mammatumoren oder Hodentumoren.

Tatsächlich schützt die Kastration vor Tumorbildung und Entzündungen, insbesondere in den betroffenen Keimdrüsen. Ohne Hoden kann ein Rüde auch keine Hodenkrebs mehr bekommen. Wichtig ist die Abwägung der Risiken und dabei kommt es oft zu Missverständnissen.

Beispielsweise wird bei der Hündin oft zu einer frühen Kastration geraten, da sonst das Krebsrisiko drastisch ansteigen würde. 25% aller Hündinnen, die nicht oder erst zu spät kastriert würden, so die verbreitete Meinung, würden Krebs bekommen. Das ist falsch!

Doch bei den beschriebenen 25% Krebsrisiko handelt es sich schlicht um ein Missverständnis, bzw. eine Fehlinterpretation der Zahlen. Diese 25% beziehen sich nämlich nicht auf die Gesamtheit alle Hunde, sondern nur auf die kleine Risikogruppe, in welche weniger als 2% der Hündinnen fallen. Laut einiger Studien sinkt das Risiko auf nahezu 0%, wenn man vor der ersten Läufigkeit kastriert. Bei einer Kastration nach der zweiten Läufigkeit ist das Risiko etwa 0,5%, also 25% des Risikos von unkastrierten Hündinnen. Aus dieser einfachen Rechnung resultiert die Fehlannahme, das Krebsrisiko bei einer zu späten Kastration liege bei 25%.

Mauritius h 03055632 bearbeitet
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Sophie Strodtbeck

Die Tiermedizinerin sagt, dass viele medizinische Gründe oft nur als Vorwand für eine Kastration dienen.

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Bisher sind Tiermediziner davon ausgegangen, dass die Nachteile einer Kastration weitgehend überschaubar sind. So ist das Auftreten einer Harninkontinenz vor allem bei Hündinnen recht hoch. Sowohl bei Rüden als auch bei Hündinnen kann sich das Fell nach der Kastration verändern. Es wird zudem oft beobachtet, dass die Hunde ein stärkeres Hungergefühl entwickeln, was oft zu Übergewicht führt.

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Laut der Bielefelder Studie beobachteten die Halter bei 46% der kastrierten Hündinnen gesundheitliche/körperliche Folgen. Wie diese sich im einzelnen darstellen, zeigt das Diagramm.

Außerdem kam es bei 43% der Tiere nach der Kastration zu einer Verhaltensveränderung.

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Laut der Bielefelder Studie beobachteten die Halter bei 60% der kastrierten Rüden gesundheitliche bzw. körperliche Folgen. Wie diese sich im einzelnen darstellen, zeigt das Diagramm.

Außerdem zeigten 78% der Rüden nach der Kastratin Verhaltensveränderung.

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Tiermedizinerin Sophie Strodtbeck warnt davor, sich auf den über 30 Jahre alten Erkenntnissen auszuruhen und empfiehlt nachdrücklich, die Ergebnisse aktueller Studien ebenfalls zu berücksichtigen.

Laut aktueller Forschung sind die Gesundheitsrisiken einer Kastration für den Hund weitaus höher als bisher vermutet.

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Sophie Strodtbeck

Die Tiermedizinerin warnt vor gesundheitlichen Risiken der Kastration.

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Allerdings sind auch die Erkenntnisse aus den aktuellen Studien in Fachkreisen umstritten, da viele Zusammenhänge nicht ganz geklärt werden. So seien beispielsweise die Ergebnisse durch die Auswahl der getesteten Rassen laut Kritikern nicht universell übertragbar. Beispielsweise habe man Knochentumore vor allem bei Rottweilern festgestellt, Lymphkrebs aber hauptsächlich bei Golden Retrievern.

Dennoch dürfen die Hinweise für die erhöhten Erkrankungsrisiken durch Kastration laut Experten auch nicht ignoriert werden, denn sie entscheiden gegebenfalls über Wohl und Leid der Tiere.

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Kastration ist im Tierschutz üblich, um viele grundlegende Probleme, die sich in dem Zusammenhang ergeben, in den Griff zu bekommen, wie beispielsweise Dominanzverhalten im Tierheim oder unkontrollierte Vermehrung in gemischten Zwingern oder bei Straßenhunden. Das erhöhte Krankheitsrisiko wird dabei oft in Kauf genommen, um den Hunden überhaupt ein würdiges Leben zu ermöglichen.

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Dr. Ralf Unna

Der Tierarzt sieht unterschiedliche Beweggründe für die Kastration bei Haushunden und Hunden im Tierschutz

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Kastration von Straßenhunden im Ausland

Tiermedizinerin Sophie Strodtbeck kritisiert pauschale Kastration von Straßenhunden im Ausland und empfiehlt einen alternativen Lösungsvorschlag.

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Wie natürlich ist die Veränderung eines Hundes durch eine Kastration, sowohl körperlich als auch in Bezug auf sein Verhalten? Wenn ein Hund kastriert wird, um seine Erziehung zu erleichtern oder das Zusammenleben mit ihm bequemer zu machen, wo ist dann die Grenze zum Pet-Design? Und inwieweit ist es ethisch vertretbar den Charakter eines Hundes auf diese Art und Weise zu beeinflussen?

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Dr. Ralf Unna

Tierarzt aus Köln hält das Argument der "Natürlichkeit" für nicht stichhaltig.

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Sophie Strodtbeck

Für die Tiermedizinerin ist die Kastration ein massiver Eingriff. Insbesondere frühe Kastrationen seien nicht gerechtfertigt.

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Wenn eine Kastration nur aus Verhaltensgründen oder zur Unterbindung der Fortpflanzung gewünscht wird, bieten sich verschiedene „chemische“ Alternativen an.

Bei der sogenannten chemischen oder hormonellen Kastration werden die Fortpflanzungsfähigkeit und der Hormonhaushalt des Tieres durch das gezielte Verabreichen von Hormonen beeinflusst.

Für Rüden gibt es den Kastrationschip, der zwischen den Schulterblättern unter die Haut injiziert wird und etwa ein halbes bis ein Jahr wirkt. Dieses Verfahren wird mittlerweile häufig als Testlauf vor der chirurgischen Kastration angewandt.

Für Hündinnen gibt es eine Hormon-Injektion, um den Eisprung zu verhindern, die also ähnlich funktioniert wie die „Pille“ für den Mensch.



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Sophie Strodtbeck

Die Tiermedizinerin über chemische Kastration als Alternativen zur chirurgischen Kastration.

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Wer vor der Entscheidung steht, den Hund kastrieren zu lassen, muss viele komplexe Faktoren berücksichtigen, wie beispielsweise Rasse, Alter, Krankheiten und Verhalten. Eine pauschale Entscheidungshilfe gibt es außer bei einer akuten Erkrankung (z.B. Hodenkrebs) nicht. Wichtig ist es, den Rat eines Tierarztes einzuholen, der bei seiner Beratung den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigt.

Ziel sollte es sein, gemeinsam mit dem Tierarzt eine Lösung zu finden, die für das Tier am besten ist, auch wenn es manchmal für den Menschen nicht der bequemste Weg sein mag. Am Ende bleibt es aber immer eine Einzelfallentscheidung.

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