Hinweis

Für dieses multimediale Reportage-Format nutzen wir neben Texten und Fotos auch Audios und Videos. Daher sollten die Lautsprecher des Systems eingeschaltet sein.

Mit dem Mausrad oder den Pfeiltasten auf der Tastatur wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Durch Wischen wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Los geht's

Renaturierung im Ruhrgebiet: Die neue Emscher

Logo http://reportage.wdr.de/emscherumbau

Dies ist die Geschichte eines Flusses, der vor gut 100 Jahren in ein gerades Bett gezwängt und so zu einer Kloake für das Ruhrgebiet wurde: die Emscher. Ehemals ein fischreicher Fluss, verkam das Gewässer mit all seinen Nebenflüssen zur "Köttelbecke" des Reviers: Teilweise versteckt und unsichtbar in dicken Rohren unter der Erde, eingesperrt hinter verschlossenen Toren und Zäunen. Unerreichbar und doch durch ihren unangenehmen Geruch für die Anwohner allgegenwärtig, flossen die Emscher und ihre Zuflüsse als offene Abwasserkanäle mitten durch das Gebiet, dem ein anderer Fluss seinen Namen gab - das Ruhrgebiet. Seit 1992 plant und setzt die Emschergenossenschaft den ökologischen Umbau des Flusses um. Eine Multimedia-Reportage über das wohl größte Projekt dieser Art weltweit. 


Zum Anfang
Video

Goldfische im Kürtelbach

Willi Garth (78) ist am Hödrer Bach, einem Emscherzulauf, aufgewachsen. An den  gewöhnungsbedürftigen Geruch und die schwimmenden Hinterlassenschaften der Menschen kann er sich nur zu gut erinnern.

Zum Anfang

Vollbild

Doch diese "Goldfische" prägten nicht immer das Bild des Flusses: Einst mäanderte die Emscher in weiten Schlingen durch das Ruhrgebiet. Glasklares und fischreiches Wasser floss durch die kleinen Ansiedlungen. Mit der Erschließung des Kohlereviers ist das vorbei. Die Industrialisierung hinterlässt auch in der beschaulichen Emscher ihre Spuren. Die aus dem Boden gestampften Zechen und Kokereien ernähren nicht nur viele Menschen, sie produzieren auch eine Menge Dreck. Ebenso wie die vielen Tausend Arbeiter mit ihren Familien, die wegen der Arbeit ins Revier gezogen sind. Dreck, der zunächst ungefiltert in die Emscher geleitet wird.

Hinzu kommen weitere Folgen der Ausbeutung der Kohlenflöze tief unter der Erde: Bergsenkungen, Bewegungen an der Erdoberfläche, sorgen dafür, dass sich die Fließrichtung der Emscher und ihrer Zuläufe immer wieder umkehrt. Bei regelmäßigen Überschwemmungen ergießt sich eine braune, verschmutzte Brühe über die Felder und in die Siedlungen. Krankheiten und Seuchen sind die Folge. Dieses Bild entstand um 1900 bei Dortmund. Wenige Jahre später wurde die Emscher vom Fluss zum Abwasserkanal.

Schließen
Zum Anfang
Video

Die Emscher wird geopfert

Dr. Torsten Frehmann, Betriebsmanager Mittlere Emscher bei der Emschergenossenschaft über die Motivation der Gründerväter der Emschergenossenschaft, den Fluss in ein Betonbett zu zwingen.

Zum Anfang

Der Verlauf der Emscher mitten durchs Revier von ihrer Quelle bei Holzwickede über Dortmund, Castrop-Rauxel, Recklinghausen, Gelsenkirchen, Essen, Bottrop, Oberhausen und Duisburg bis zu ihrer Mündung in den Rhein bei Dinslaken wurde ihr also zum Verhängnis. Etwa 85 Kilometer legt der Fluss auf seinem Weg zurück. Das gesamte System des Flussgebiets – Emscher plus Nebenläufe – umfasst aber etwa 350 Gewässer-Kilometer. 
Die Emscher selbst hat von der Quelle bis zur Mündung 123 Meter Höhendifferenz überwunden, was einem mittleren Gefälle von nur etwa 1,5 Prozent entspricht. 120 Kilometer Deich entlang der Emscher und ihrer Nebenflüsse schützen die Anrainer vor Überflutungen. 
Entlang der "Köttelbecke" sind fünf Kläranlagen gebaut worden. Diese haben eine Kapazität für ca 4,8 Millionen Einwohner. 128 Pumpwerke sorgen im gesamten Flussgebiet dafür, dass das Ruhrgebiet nicht absäuft. Der ökologische Umbau des gesamten Emschersystems verschlingt in Summe etwa fünf Milliarden Euro.



Zum Anfang
Video

Der Oberlauf der Emscher und viele ihrer Zuläufe sind bereits renaturiert. Bei der Renaturierung des Gesamtsystems wird mit den Zuflüssen begonnen. Dazu gehört auch der Kirchschemsbach in Bottrop. Seit gut acht Jahren fließt der kleine Bach abwasserfrei in die Boye, die später in die Emscher mündet. In regelmäßigen Abständen untersuchen Biologen der Emschergenossenschaft, wie sich die Natur das Gewässer zurückerobert. Dr. Caroline Winking steigt hierzu mit Kescher und wasserdichten Hosen in den Bach.

Zum Anfang
Video

Mit dem Kescher durch den Bach

Dr. Caroline Winking untersucht die Kleintiere, die sich im Bach angesiedelt haben.

Zum Anfang
Video

Indikatoren für die Wasserqualität

Das Ergebnis des Kescherns kann sich sehen lassen. Die Biologin entdeckt viele kleine Tiere, die ihr Aufschluss über die Wasserqualität geben.

Zum Anfang

Bachflohkrebse, Köcherfliegen und anderes Getier hat Biologin Winking nach der Analyse in ihrem Becher. Die Ansiedlung der Arten gibt ihr Aufschluss über die Wasserqualität. Anspruchslose und flugfähige Arten siedeln sich oft zuerst an - etwa Zuckmückenlarven. Andere Tiere, wie kleine Muscheln oder auch die Bachflohkrebse, haben ihren Weg in den Kirchschemsbach vermutlich im Gefieder von Enten gefunden. Der Mensch greift bei der Ansiedlung der Arten so wenig wie möglich ein. Die Natur soll es richten. Auch wenn Winking Routine bei der Gewässeruntersuchung hat: Über manch einen Bachbewohner freut sich die Biologin besonders, weil der Fund dieses Tierchens zeigt, dass das Wasser bereits eine sehr gute Qualität hat. 

Zum Anfang
Video

Die grabende Eintagsfliege

Ein kleines Lebewesen zeigt an, dass der Sauerstoffgehalt des Wassers gut ist.

Zum Anfang
Video

Am Oberlauf fließt das Wasser der Emscher schon klar wie einst vor ihrem Umbau. Doch hinter Dortmund-Deusen werden immer noch Abwässer eingeleitet. Hier hätte die grabende Eintagsfliege keine Überlebenschance. Auch wenn es an einigen Stellen am Ufer idyllisch aussieht: die braune Brühe, die da mitten durchs Revier fließt, verbreitet immer noch einen unangenehmen Geruch.
Doch schon in wenigen Jahren soll sich das ändern. 2018 soll das neu gebaute Kanalsystem ans Netz gehen. Wenn es so weit ist, wird die Idylle am Ufer bald auch mit der Sauberkeit des Wassers übereinstimmen.

Zum Anfang
Schließen
Vorher/Nacher Ansicht

Zurück zur Natur

Die Ökologisierung der Emscher und ihrer Zuflüsse schreitet voran. Allerdings ist sie noch nicht an allen Stellen realisiert. Der Hellbach in Recklinghausen wird aktuell umgebaut. 2020 soll er wie auf der Animation aussehen. Zwischen beiden Aufnahmen werden dann 66 Jahre liegen.

Vorher/Nachher-Ansicht starten

Zum Anfang

Anfang der 1990er Jahre wurde der Beschluss gefasst, die Emscher zu renaturieren. Damals war das Ende des Bergbaus im Ruhrgebiet absehbar und damit auch ein Ende der Bergsenkungen. Die Abwasserführung unterhalb der Erde in dicken Kanalrohren ist wieder eine Option und soll bis 2018 umgesetzt sein. Zur Modernisierung des Kanalsystems gehört auch der Ausbau der Klärwerke entlang der Emscher. Sie wurden als erstes nach und nach auf den neuesten Stand gebracht. So wie das Klärwerk in der Welheimer Mark in Bottrop.

Zum Anfang
Video

Aufwändiger Umbau der Kanalisation

Torsten Frehmann über die Arbeiten unter der Erde

Zum Anfang
Video

Riesige Bohrer haben sich in den vergangenen Jahren durch das Ruhrgebiet gefressen. 320 von insgesamt 400 Kanalkilometern sind bereits fertig gestellt. Herzstück dieses Systems ist der Abwasserkanal Emscher (AKE) in 10 bis 40 Metern Tiefe. Allein der AKE hat eine Länge von 51 Kilometern. Seine Stahlbetonrohre haben einen Durchmesser von 1,60 bis 2,80 Meter. Bereits in zwei Jahren (2018) soll er das Schmutzwasser aus den Zuflusskanälen aufnehmen. Dann soll sauberes Fluss- und Regenwasser durch die Emscher fließen. Das Abwasser verschwindet wieder unter der Erde.

Zum Anfang

Auch wenn noch längst nicht an allen Stellen die neue Emscher zu sehen ist: Das Projekt neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu. Fast 30 Jahre hat die Umsetzung gedauert. Auch danach warten noch besondere Momente auf die Beteiligten. Einer wird die Flutung des Abwasserkanals Emscher sein.

Zum Anfang
Video

Spannender Moment

Torsten Frehmann fiebert der Flutung des Abwasserkanals Emscher entgegen. 

Zum Anfang
Schließen
Vorher/Nacher Ansicht

Teilprojekt Emschermündung

Auch die Neugestaltung und Verlegung der Emschermündung gehört zu den spannenden Teilprojekten des Umbaus. Wie sich das Mündungsgebiet in den kommenden Jahren noch verschiebt, zeigt die Animation.

Vorher/Nachher-Ansicht starten

Zum Anfang
Video

Nicht überall werden Emscher samt Zuläufen so aussehen wie der Kirchschemsbach in Bottrop, an dem Biologin Winking ihre Proben genommen hat. An manchen Stellen hat die Emscher nicht genügend Platz, sich frei auszubreiten. Die Städte sind im Laufe der Jahre bis ans Ufer gerückt. Dennoch soll sich auch an den engen Stellen nach Inbetriebnahme aller Abwasserkanäle klares Wasser und damit wieder eine große Artenvielfalt ausbreiten.

Zum Anfang
Video

"Ich wünsche mir stabile Lebensgemeinschaften"

Wie es in einigen Jahren in und entlang der Emscher aussehen soll, erklärt Biologin Caroline Winking.

Zum Anfang

Die ersten kleinen Fische sind schon da. Stichlinge findet man bereits im Wasser einiger Zuläufe und im Oberlauf der Emscher. Doch wenn möglich, sollen bald nach der Renaturierung auch die einstigen Bewohner, die Groppen (Foto), wieder durchs Ruhrgebiet schwimmen. Diese müssten allerdings mit Hilfe der Menschen angesiedelt werden. Bis dahin wird sicher noch einige Zeit vergehen. Für den Hörder Willi Garth sind aber die bisher sichtbaren Veränderungen schon ein Wunder. 

Zum Anfang
Video

"Das ist schon ein Wunder"

Über Generationen haben die Menschen in Hörde und Dortmund die Emscher nicht gesehen. Nun ist sie wieder da. Nicht nur Willi Garth freut sich darüber.

Zum Anfang

Die Geschichte der Emscher ist längst noch nicht zu Ende erzählt. Bis 2020 soll der Fluss wieder abwasserfrei sein. Auch die Uferbefestigungen aus Beton sollen dann der Vergangenheit angehören. Die Natur wird sich ihren Fluss zurückerobern. Damit verliert das Ruhrgebiet seine typische "Köttelbecke" – für die Menschen, die hier leben, ist dieser Verlust aber ein Gewinn.

Zum Anfang
Zum Anfang
Scrollen, um weiterzulesen
Wischen, um Text einzublenden