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Plötzlich Insel

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Jahrzehntelang wartete man in Holzweiler auf die Braunkohle-Bagger. Vor einem Jahr die Kehrtwende: Das Dorf darf bleiben. Doch wie soll es ohne Nachbarn weitergehen?

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"Man hat sich innerlich damit abgefunden"

Tankstellenbesitzer Toni von Wirth erklärt, dass er immer damit gerechnet hat, umgesiedelt zu werden: "Für uns als Holzweiler stand fest - irgendwann werden wir weggebaggert!"

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Holzweiler teil02 bild08
Toni von Wirth in der Tankstelle. Er hat zu 98 Prozent Stammkunden.
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Das Leben von Toni von Wirth ändert sich schlagartig, als er erfährt, dass sich nichts ändern wird.

Jahrzehntelang hat er auf den Bagger gewartet. Die Kirche, die Kneipe, der Friedhof, das Kriegerdenkmal, seine Tankstelle, alles würde in einem großen Loch verschwinden. Das stand fest. Felsenfest. Bis zu diesem Freitag im März.

Seit diesem Tag wohnt Wirth in einem Ort, der bleibt, während die Nachbardörfer zerstört werden. Der bleiben darf. Oder bleiben muss.

Wirth ist 55 Jahre alt und hat nur in diesem Text einen Nachnamen. In Holzweiler ist er der Toni, der mit der Tankstelle. Es gibt noch Kajo, den mit der Kneipe. Und Frank, den mit den Brötchen.

Wirth verkauft Benzin, Lotto-Scheine, Zigaretten. Die Sprüche sind gratis. Eigentlich ist er KfZ-Mechaniker, aber derzeit repariert er nicht viel. Meistens steht Wirth an der Kasse. Die Personalkosten. „Wenn ich hier einen einstelle, muss ich jeden Abend Inventur machen.”

Er liebt sein Dorf, knapp 1500 Einwohner, nach Westen fährt man nach Erkelenz, nach Osten zur Autobahn. Und er liebt seine Heimat, Heimat, das sind der Fußballverein, die Schützenbruderschaft und das Feierabendbier im „Ochsen”.

Eine Heimat auf Zeit: Mehr als sein halbes Leben sagte man Wirth, dass er mit seinem Dorf umsiedeln müsse. Holzweiler, so die Pläne, würde gemeinsam die Kartons packen und nach Neu-Holzweiler ziehen. Keiner wusste genau, wo Neu-Holzweiler liegen würde. Aber jeder wusste, dass nichts übrig bleiben würde vom alten Holzweiler. Denn unter dem Dorf liegt Kohle und Holzweiler im Abbaugebiet von Garzweiler II.

Und so hatte sich Wirth das alles gut überlegt. Die Zukunft war vorbereitet. Er wartete nur noch auf den Tag, an dem das Garzweiler-Loch Holzweiler erreichen würde.

Holzweiler teil02 bild08
Toni von Wirth in der Tankstelle. Er hat zu 98 Prozent Stammkunden.
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Karte garzweiler 01
So sah das geplante Abbaugebiet aus
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Es gibt ein Recht auf Heimat, aber nicht hier. Als die nordrhein-westfälische Landesregierung um Johannes Rau 1995 endgültig entscheidet, Garzweiler II zu genehmigen, verlieren 7600 Bürger einen jahrelangen Kampf um ihre Dörfer.

48 Quadratkilometer umfasst das Abbaugebiet. Das ist eine Fläche von sehr, sehr vielen Fußballfeldern; genau 6723. Auch das Feld des SV Holzweiler muss weg, heißt es 1995. Knapp 40 Millionen Tonnen Kohle will RWE jährlich aus der Grube fördern. Eine riesiges Loch, dort wo früher einmal Menschen gelebt haben.

Die Bürger von Holzweiler stellen sich auf das Ende ein. Wie in allen anderen Dörfern gibt es einen Zeitplan: Erst kommt eine Umsiedlung, das dauert mitunter Jahre, RWE zahlt Entschädigungen. Anschließend wird die Kirche entweiht, die Ruinen ausgeschlachtet, alle Gebäude zerstört.

Dann kommt der Bagger.

Die Bürger von Holzweiler ziehen weg oder machen Pläne für ihr Leben nach der Umsiedlung. Wirth rechnet mit der Entschädigung, freut sich auf die Rente. Alles ist ausgerichtet auf Neu-Holzweiler.

An der Zapfsäule spürt er die nahenden Bagger, denn die Kunden aus anderen Dörfern bleiben aus: Pesch ist weg. Otzenrath ist weg. Immerath eine Geisterstadt, noch nicht zerstört, aber weitgehend verlassen.

Bald ist Holzweiler dran, das weiß jeder im Dorf. Die Atomkatastrophe von Fukushima, die rot-grüne Landesregierung, das schwindende Vertrauen in die Braunkohle. All das wird nichts an unserem Umzug ändern, denkt man.

Bis zu diesem Freitag im März, als Wirth sein Autoradio einschaltet.

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So sah das geplante Abbaugebiet aus
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"Alles wird weggebaggert - außer Holzweiler"

Toni von Wirth über den Moment, als er im Radio hörte, dass Holzweiler nicht weggebaggert wird. Seine erste Sorge: "Eine Tankstelle kann man sich nicht auf den Rücken binden und den Dörfern hinterherfahren."

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Vorher/Nacher Ansicht

Das Garzweiler-Abbaugebiet mit und ohne Holzweiler

Geplante bisherige Grenzen links / Mögliches neues Abbaugebiet rechts

Vorher/Nachher-Ansicht starten

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Mit der Drohne über Holzweiler

Noch sind es drei Kilometer bis zur Abbruchkante. Ein Drohnenflug verdeutlicht, was auf Holzweiler zurollt - und das Dorf zur Insel macht.

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Tagesordnung der Generalversammlung der Dorfgemeinschaft Holzweiler im März 2015
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Zigarettenrauch steht in der Luft, an der Wand ein gerahmter Konrad Adenauer, man greift zum Radler. An diesem Abend trifft sich die Dorfgemeinschaft zur Generalversammlung des Heimatvereins von Holzweiler. Auf der Leinwand im 1. Stock der ehemaligen Schule des Ortes flackern Videoaufnahmen des Rosenmontagzuges, auf der anderen Straßenseite schaltet Toni von Wirth gerade die Lichter seiner Tankstelle ab.

Geschäftsführer Dirk Heupts referiert über das vergangene Jahr, erwähnt das Verschmelzen  der Tanzgruppen "Cherrys" und "Flippys" zu den „Twisters”, die Ausstellung der Hobbykünstler - und Garzweiler II: „Am 28. März 2014 verkündete die Landesregierung ohne Vorwarnung oder dass es sich im Vorfeld abgezeichnet hätte, den Willen, den Tagebau Garzweiler II zu verkleinern. Hierdurch bedingt soll, nach Willen der Landesregierung, Holzweiler vom Tagebau verschont bleiben.”

Neben ihm sitzt Johannes Oellers, der Vorsitzende des Vereins, und er nickt, als Heupts anfügt: „Diese Nachricht schlug in Holzweiler wie eine Bombe ein. Von Euphorie bis Niedergeschlagenheit war alles dabei.”

Zwei Tage später erzählt Oellers im Schatten der katholischen Kirche Sankt Cosmas und Damian, dass sich alle schon mit der Zukunft in Neu-Holzweiler beschäftigt hätten. Jeder im Dorf hatte Pläne für danach.

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Tagesordnung der Generalversammlung der Dorfgemeinschaft Holzweiler im März 2015
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"Von Holzweiler alleine leben, ist schwierig"

Johannes Oellers, Vorsitzender der Dorfgemeinschaft, über die gespaltene Reaktion der Holzweiler auf die Kehrtwende. Unternehmern wie Wirth fehle nun das Hinterland: "Die Geschäftsleute haben ein Problem."

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Aus Holzweiler kommend zeigt dieses Schild den Weg nach Otzenrath an. Die Straße endet in einer Sackgasse - das Dorf existiert nicht mehr.
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„Ein lachendes und ein weinendes Auge”, so beschreibt Wirth seine Reaktion auf die Entscheidung. Das Lachen, das ist die Heimat. Er war schon immer hier, ein Ur-Holzweiler.

Wenn nur das "aber" nicht wäre, könnte sich der ehemalige Schützenkönig ausgelassen freuen. Aber, das ist seine Altersvorsorge, wirtschaftlich fühlt sich die Entscheidung für Wirth wie eine Katastrophe an.

Wirth steht an einer ausgeblichenen Wandkarte und zeigt mit einem Kugelschreiber auf die Dörfer, aus denen seine Kunden kommen. Er zeigt auf Immerath, auf Borschemich, auf Keyenberg, Oberwestrich, Unterwestrich, auf Kuckum und Berverath. Orte, die allesamt im Loch verschwinden, die bereits umgesiedelt werden oder auf gepackten Koffern sitzen.

Er rechnet laut. 120 Kunden hier, 40 Kunden dort, fast alle kommen oder kamen regelmäßig. Nach Holzweiler verirrt sich kaum einer zufällig. Wirths Tankstelle steht inmitten von Dörfern voller Autofahrer. Bald liegt sie am Rand eines gigantischen Lochs.

Wer soll dann noch bei ihm tanken? Niemand zahlt ihm eine Entschädigung für zehntausende Liter, die in den unterirdischen Tanks bleiben. Die anderen Geschäftsleute in Holzweiler würden auch hart getroffen. Der Bäcker belieferte das Krankenhaus in Immerath. Der Wirt vermietete seine Kegelbahn auch an Vereine aus den Nachbardörfern. Aber die seien noch ein wenig flexibel, meint Wirth. Verkaufswagen, Partyservice. Aber eine Tankstelle? Auf den Rücken binden könne er sich die nicht.

Wirth hatte seinen Frieden gemacht mit dem Tagebau, war froh, dass sein Sohn bei der Betriebsfeuerwehr des Tagebaus einen Job gefunden hatte.

Eigentlich, so erzählt er, hatte er sich die Zukunft ganz anders vorgestellt.

Holzweiler teil02 bild04
Aus Holzweiler kommend zeigt dieses Schild den Weg nach Otzenrath an. Die Straße endet in einer Sackgasse - das Dorf existiert nicht mehr.
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"Ich werde wohl bis 70 arbeiten müssen"

Toni von Wirths Plan war, mit der Entschädigung für seine Tankstelle in Rente zu gehen. Nun beginnt für ihn das Rechnen: "Die Altersvorsorge ist schon geplatzt."

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Schild in einem der wenigen noch bewohnten Häuser in Immerath, dem Nachbarort von Holzweiler.
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Die Schaufelradbagger rollen bald heran, fallen über Immerath, über Keyenberg, über Oberwestrich und Unterwestrich her, zerstören all die Orte, aus denen Wirths Kunden früher nach Holzweiler kamen, um zu tanken.

Wenn die Ankündigung von Hannelore Kraft eine endgültige Entscheidung wird, bleibt Holzweiler. Mit einem Rückzieher der Staatskanzlei rechnet hier niemand. Alle glauben nun, dass das Dorf eine Insel wird, eine Halbinsel direkt an der Abbruchkante von Garzweiler II.

Wie nah die Bagger kommen, weiß noch keiner. Technisch gesehen könnte das Loch 100 Meter hinter Holzweiler beginnen. Die Dorfgemeinschaft setzt sich für eine Entfernung von mindestens 500 Metern ein. Ende des Jahres wollen sie endlich Gewissheit.

Doch reicht das? Derzeit graben sie bei Pesch, oder dort, wo Pesch einmal war. Es sind keine drei Kilometer. Bei Ostwind hört man die Bagger schon jetzt, Tag und Nacht. Ist die Zukunft lebenswert?

Werden die Bürger von Holzweiler die Insel bewohnen wollen oder trotzdem fortziehen? Werden sie aus Angst vor dem Staub, dem Lärm und dem Dreck flüchten? Werden sie sich wünschen, sie hätten gemeinsam in Neu-Holzweiler neu anfangen können?

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Schild in einem der wenigen noch bewohnten Häuser in Immerath, dem Nachbarort von Holzweiler.
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"Ich hoffe, dass es sich noch rechnet"

Tankstellenbesitzer Toni von Wirth sagt, dass er "dem Chef" da oben vertraut. Wenn alle zusammenhalten, könne es in Holzweiler weitergehen: "Ich hoffe, dass die Geschäftsleute auch für das Dorfleben durchhalten."

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Toni, der mit der Tankstelle, will bleiben - obwohl sich in seinem Leben alles verändert hat.

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