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Nach oben - Die Geschichte des Boxers David Saric

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David Saric über die Stimmung vor dem Kampf

"Sobald man den Ring betritt, hat man fast die vollkommene Sicherheit"

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David Saric ist Profiboxer - leben kann er davon nicht. Gewinnt er die Deutsche Meisterschaft, steht ihm der Weg an die Spitze offen.

Die Geschichte von einem, der sich nach oben kämpft.

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Noch vier Wochen bis zum Kampf

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Ein Hinterhof, natürlich
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Diese Geschichte beginnt in einem Hinterhof, natürlich beginnt sie in einem Hinterhof. Der Regen schlägt gegen eine baufällige Lagerhalle im Schatten einer Essener Brauerei. Stahltreppen führen zu einer russischen Disko, im Keller proben Rockbands. David Saric steigt aus seinem Auto, die Kapuze über den Kopf gezogen. Er will weder feiern noch Gitarre spielen. Saric will kämpfen.

Er öffnet die schwere Tür der Halle, schmeißt seine Tasche in den Flur, darin Sportschuhe, ein Seil, Handschuhe. Aus Saric, dem gelernten Elektroniker aus Gelsenkirchen, wird David, der ungeschlagene Profiboxer. Sechs Kämpfe, sechs Siege, kein Einkommen, eine Hoffnung: Es ganz nach oben schaffen.

Um dahin zu kommen, das hat sich seit „Rocky“ nicht geändert, muss man ganz unten anfangen. In einem Hinterhof, natürlich in einem Hinterhof.

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Ein Hinterhof, natürlich
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David will deutscher Meister werden, GBA-Juniorenklasse, Halbschwergewicht. Ein Titel, das würde bedeuten, dass Promoter auf ihn aufmerksam werden, Sponsoren, dass er von Platz 426 der Weltrangliste nach oben klettert. Es könnte das Sprungbrett für eine echte Karriere werden. Aber vorher muss David noch zwölf Kilo
abnehmen.

Das Essen ist seine Schwäche, wie bei vielen Boxern. Runter aufs Kampfgewicht, hoch auf Normalgewicht. Und wieder runter mit den Kilos. Ein bisschen zu viel Fleisch nach dem letzten K.o.-Sieg. Wie immer. David hat bisher immer durch K.o. gewonnen.

David hätte nach der Ausbildung zum Elektroniker studieren können, aber das hat noch Zeit. Vorerst ist er Profiboxer, sonst nichts. Zwei oder drei Jahre will er sich geben, um zu schauen, ob der Traum von der Weltspitze nicht doch wahr werden könnte. Sein Trainer, seine Trainingspartner, sein Bruder, seine Mutter – sie alle trauen es ihm zu.

Seine Geschichte ist die eines jungen Mannes, 23 Jahre gerade, der seine Zukunft verschiebt, um im Sport eine Zukunft zu haben.

Dafür muss er diesen Kampf gewinnen. Dafür muss er den Titel holen.

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Rocky hat Mickey.

David hat Youssef.

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"Wie mein Blut"

David und sein Trainer Youssef Ramadan sprechen über ihr Verhältnis. Seit 2012 trainieren sie zusammen.

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Noch drei Wochen bis zum Kampf

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Davids Rücken ziert ein riesiges Kreuz
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Zurück im Hinterhof. Die kleine Halle wirkt wie das Set eines Boxfilms. Medaillen an der Wand, der “Rocky”-Soundtrack liegt neben dem CD-Player, Poster alter Größen, vergilbte Fotos neuer Größen. Zwischen den Boxsäcken steht Youssef Ramadan, Stiernacken, schelmisches Grinsen. Davids Trainer.

Auch er nah am Klischee. Mit der Familie im libanesischen Bürgerkrieg aus Beirut in den Ruhrpott geflohen, galt Ramadan als Hoffnung im Kampfsport. Er arbeitete als Security-Mann, doch die Karriere endete, als ihm ein Angreifer bei einer Auseinandersetzung im Job ein Messer in die Schulter rammte. Seitdem hat Ramadan Lähmungserscheinungen, an Kämpfen ist nicht mehr zu denken.

Ramadan hat vier Söhne, eine Frau, das ist seine erste Familie.

Seine zweite Familie sind die Jungs in der Boxhalle. Er selbst träumte vom Weltmeistertitel. Jetzt träumt er davon, seine Jungs ganz nach oben zu bringen. Aufwärmübungen, Seilchenspringen, Schattenboxen, Liegestützen auf einem Autoreifen. Es wirkt improvisiert, nur die Schweinehälften an Metallhaken fehlen. Dann Sparring, jeder gibt alles, gegen David geben alle noch ein bisschen mehr. Er muss Kampfhärte bekommen, Schläge kassieren, links, rechts, links, die Leber abdecken. Ohne Schmerzen wird man nicht Deutscher Meister.

Die Halle, das ist ein Querschnitt durch den Ruhrpott. Nicht mal ein Dutzend Kämpfer betreut Ramadan, sie haben Wurzeln im Libanon, im Irak, in Polen, in Deutschland, sind Muslime, Jesiden, Christen. Davids Mutter kommt aus Montenegro, auf seinem Rücken prangt eine riesige Tätowierung: ein Kreuz.

Youssef Ramadan hat schon einige Boxer groß gemacht, Manuel Charr hat sogar gegen Vitali Klitschko gekämpft. Er verdient nicht viel mit dem Training, die Jungs schmeißen für die Miete zusammen, ein paar Sponsoren helfen mit Sachspenden. Ramadan kennt man in der Szene, sein Training wird geschätzt, ab und zu kommen prominente Boxer vorbei.

Hier ist es familiär, ruhig, hier gibt man sich ironische Spitznamen. David heißt in der Halle Zuckerwatte, weil es bei ihm 2012, als er anfing mit Ramadan zu trainieren, noch nicht wirklich klappen wollte mit dem Bartwuchs. Ein entspanntes Umfeld für den Start in die Karriere. Aber David ist klar: Wenn alles klappt, wenn er erfolgreich wird, kommt irgendwann der Punkt, an dem er Youssef verlassen muss. Er denkt nicht gerne daran. Youssef aber wird ihn ziehen lassen; er weiß, wann auf einen guten Boxer die nächste Stufe wartet,  er ihn hier nicht mehr weiterbringen kann.

Wann aber kommt der Erfolg? David hat einen Schulabschluss, eine Ausbildung, alles schien auf einen geregelten Beruf hinauszulaufen. Jetzt ist er ein Profiboxer ohne Gehalt. David kämpft nicht um eine Chance im Leben, er hätte genug Chancen gehabt. Mit jedem Schlag gegen den Boxsack, mit jedem Sieg, festgehalten auf verwackelten Youtube-Videos, mit jedem Trainingstag, wird klar: Was ihn antreibt ist die Liebe zum Sport, vielleicht auch der Ruhm.

David, so scheint es, will auf eines der vergilbten Bilder an der Wand von Ramadans Boxhalle.

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Davids Rücken ziert ein riesiges Kreuz
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Das Publikum steht: Runde 1. Der Kampf beginnt, die Halle vibriert, ein Kampf geführt mit Youssefs Taktik und Davids Fäusten.

Nur noch dieser eine Gegner steht dem Titel im Weg.

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Die ersten beiden Runden

Youssef will, dass David den Gegner anschaut. Ruhig, lange Schläge, ruhig, ruhig. Aber David hat anderes vor.

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Zwei Brüder aus Gelsenkirchen.

Einer arbeitet unter Tage, der andere will nach oben.

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"Ich glaube schon, dass er das schafft."

David spricht über seine Boxanfänge, sein Bruder Daniel über die Disziplin, seine Mutter über Davids Verzicht.

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Noch zwei Wochen bis zum Kampf

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Das Essen ist fertig und der Hund hat es längst gerochen. Carlito hüpft vor dem Herd in der kleinen Wohnung der Sarics auf und ab. Frau Saric kocht gut, David sieht man es kaum mehr an, seinem zwei Jahre älteren Bruder Daniel etwas mehr.

Auch hier: Ein fast schon zu erwartbares Ruhrpottklischee. Aus der Küche blickt man auf die Garagen im Hof, auf dem Tisch eine Pfanne Fleisch, Daniel erzählt von der Arbeit im Bergwerk, unter Tage. Natürlich.

Davids Mutter lernte damals in Montenegro ihren zukünftigen Mann am Strand kennen, nach einem halben Jahr ließ die Familie sie nach Deutschland ziehen. Die Brüder wuchsen in Deutschland auf, eine kampfsportbegeisterte Familie, bis heute. David und Daniel kämpften im Verein, man sah das Talent, aber nur David überstand die Phase, in der Jungen den Sport Sport sein lassen und sich anderen Dingen im Leben zuwenden.

Mitten in der Pubertät der beiden zog Davids Vater aus, er wohnt noch in Gelsenkirchen, aber er ist nicht mehr präsent. Weder in der Wohnung noch in den Erzählungen.

Die Mutter arbeitet bis heute als Altenpflegerin, sie ist stolz auf ihre Herkunft, sie ist stolz auf ihre Söhne. Zu den Profikämpfen von David ging sie anfangs nicht; ob es ihre Angst um David oder Davids Angst um sie war, darauf können sie sich nicht einigen, während sie die Teller füllen. Beim Kampf wird sie aber am Ring stehen. Sie glaubt an ihn und seinen Traum.

Ob er nicht einen richtigen Beruf ergreifen und ausziehen soll? "Nein, wir Südländer sind da vielleicht anders. Er muss gar nicht ausziehen. Etwas Fisch?"

Manchmal wird es ihr vielleicht zu viel mit Davids Ehrgeiz, aber das lächelt sie weg. Die Lampe in seinem Zimmer hat er beim Training mit einem Holzbalken versehentlich zerstört, an der Decke hängen nur noch Glasreste, an der Wand seine Urkunden. Die kleine Kommode ist bedeckt mit Büchern über gesunde Ernährung und Vorratspackungen an Proteinpräparaten.

Man stellt sich Profiboxer immer an einem Pool vor, mit einem Tisch voller Dollarscheine, an jeder Hand zwei Golduhren. David macht erst einmal den Abwasch.

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Mit den Augen des Gegners

David ist kurz vor dem Kampf. So wird ihn sein Gegner sehen.

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Nur noch ein paar Tage bis zum Kampf

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Ein letzter Besuch in der Halle. Freitagabend, Sparring, David und seine Trainingspartner trudeln ein. Sie zeigen sich Videos auf ihren Handys, aber richtig gute Stimmung will nicht aufkommen. Einer der Jungs aus Youssef Ramadans Halle steht im Verdacht in einem Essener Dönerladen auf den Profiboxer Manuel Charr geschossen zu haben, ausgerechnet Charr, auch er ein ehemaliger Boxer in Ramadans Halle. Charr liegt im Krankenhaus, der Verdächtige kommt nicht zum Training. Er wird sich kurz vor dem Kampf der Polizei stellen.

Man verliert nicht viele Worte darüber. Das ist die Welt da draußen, das gehört hier nicht hin, in der Halle zählt nur das Boxen, nur der Titel. David trainiert härter an diesem Tag, fokussiert, seine Wut prallt am Boxsack ab und am Kopfschutz der Sparringpartner. Ramadan treibt ihn an, Schweiß, dreimal wechselt David das T-Shirt, dreimal wechselt es schnell seine Farbe. Er denkt schon an den Gegner, einen jungen Deutschen aus Trier, vier Kämpfe, zwei Siege, zwei Niederlagen. Der müsste doch zu packen sein?

Und wenn er gewinnt, was ist das dann? Beginnt dann seine Karriere, wird er vom Boxen leben können, wird aus dem Deutschen Meister irgendwann auch der Weltmeister? Wie werden sie ihn nennen? Ruhrpott-Rocky?

Oder geht er doch an die Uni, macht das Boxen nicht zum Beruf, sondern zum Hobby?

Er weiß es nicht. Er weiß nur, dass er eines sehr gut kann: Boxen.

Dann schlägt er.

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Runde 3. Jetzt soll David attackieren.

Jetzt gilt es.

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"Gong. Raus. Machen."

3. Gong. Die entscheidende Runde beginnt.

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Es geht um die Deutsche Meisterschaft der Junioren
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