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A40

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Die A40 führt zwischen Dortmund und Duisburg durch das gesamte Ruhrgebiet. Sie ist dabei nicht nur eine der Hauptverkehrsadern sondern trennt das Revier auch in einen armen Norden und einen reichen Süden.

In seinem Film aus der Reihe "die story" (Mittwoch, 21.06.2017 | 22.10 Uhr | WDR Fernsehen) beschreibt Marko Rösseler das Heranwachsen einer Generation, die durch die Verhältnisse, in die sie hineingeboren wird, bestimmt wird.

Eine der Städte, die durch die A40 getrennt wird, ist Essen. Arbeitslosigkeit, Bildungschancen, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und das Verhalten bei Wahlen - Zahlen aus Essen aus dem Jahr 2015 zeigen exemplarisch, wie sich das Phänomen der sozialen Trennung in den Statistiken zeigt.

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Der Blick auf die sozialdemographischen Daten im Ruhrgebiet macht eine Entwicklung deutlich, die in fast allen größeren Städten zu beobachten ist und die von Soziologen "Segregation" genannt wird.

"Es gibt soziale Segregation, also die räumliche Trennung von arm und reich", so Professor Klaus Peter Strohmeier, Soziologe an der Ruhruniversität in Bochum. Zur sozialen Segregation komme die Trennung von Einwanderern und Einheimischen und die demographische Segregation zwischen jungen und alten Menschen. "Fatalerweise hängen diese drei Dimensionen zusammen: Wo die meisten armen Leute leben, leben die meisten Menschen ohne deutschen Pass oder mit Mitgrationshintergrund. Und dort wachsen die meisten Kinder im Ruhrgebiet auf", so Strohmeier.

Damit wird in den Metropolen die Kluft zwischen arm und reich nicht nur größer, sondern verfestigt sich in der Stadt.

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Die Folge der räumlichen und sozialen Trennung: Die Lebensumstände, in die man hineingeboren wird, bestimmen mehr und mehr, welchen Lebensweg man einschlagen wird. Ein Wechsel zwischen beiden Welten wird zudem immer schwieriger, je mehr sich diese Verhältnisse verfestigen.

Im Ruhrgebiet mit seiner besonderen Vorgeschichte, in der es nur eine sehr kleine bürgerliche Mittelschicht gab, zeigt sich die Trennung sehr deutlich auf beiden Seiten der A40. Und das Beispiel Essen verdeutlicht, dass sich auch zwischen benachbarten Stadtteilen eine Grenze zwischen arm und reich, zwischen guten Chancen und Perspektivlosigkeit ziehen lässt.

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Der spätere Lebensweg wird durch die Herkunft bestimmt - das ist eine der Kerneffekte von sozialer Segregation. Das Versprechen des sozialen Aufstiegs durch die Gleichheit von Chancen gibt es so nicht mehr.

Das Beispiel Pippa Kolmar: Sie ist im Essener Süden aufgewachsen, hat gerade ihr Abi gemacht und plant jetzt ihr Jurastudium. Den Norden der Stadt kennt sie eigentlich nicht. Schule, Freunde, Freizeit - all das findet nur in ihrem direkten Umfeld statt.

Die 17-Jährige ist nur ein Einzelfall, doch der Blick auf die Schulstatistik in Essen zeigt: Dort, wo die Menschen mit Arbeit und Geld leben, gehen die Kinder tendenziell nach der Grundschule auf Gymnasien – und haben damit später die potenziell besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

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Im Essener Süden gehen drei von vier Kindern nach der Grundschule auf ein Gymnasium - im Essener Norden ist es teilweise nicht mal jedes vierte Kind.

Und es gibt noch einen weiteren Faktor, der einen Unterschied zwischen Nord und Süd zeigt: Im Norden wiesen Schülerinnen und Schüler bei der Schuleingangsuntersuchung 2015 deutlich häufiger Defizite in "schulrelevanten Bereichen" wie Sprache, Motorik oder Körperkoordination auf.

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Im Essener Süden gehen drei von vier Kindern nach der Grundschule auf ein Gymnasium - im Essener Norden ist es teilweise nicht mal jedes vierte Kind.

Und es gibt noch einen weiteren Faktor, der einen Unterschied zwischen Nord und Süd zeigt: Im Norden wiesen Schülerinnen und Schüler bei der Schuleingangsuntersuchung 2015 deutlich häufiger Defizite in "schulrelevanten Bereichen" wie Sprache, Motorik oder Körperkoordination auf.

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Unterschiedliche Voraussetzungen

Betül Durmaz ist Schulleiterin an einer Grundschule im Nordviertel. Sie weiß, dass die  Voraussetzungen der Kinder für den Start in die Schule zwischen Nord und Süd deutlich auseinander gehen.

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Statistisch zeigt sich das bei den Ergebnissen der Eingangsuntersuchungen zur Einschulung. In den nördlichen Stadtvierteln liegt der Anteil der Kinder, die körperliche oder psychische Defizite aufweisen, deutlich höher als im Süden.

Den Kindern fehlt nicht nur die Vorbildung, sie leben auch in einem Umfeld, in dem das Lernen keinen hohen Stellenwert einnimmt. Das kann Folgen für die Schul- und Berufskarriere haben.


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Der Tritt in den Hintern fehlte

Michael Siminenko (23) ist bei der alleinerziehenden Mutter als eines von fünf Kindern groß geworden. Der Traum vom Fußballprofi platzte, er rutschte in Hartz IV. Mittlerweile macht er eine Ausbildung. Ohne Hilfe von Außen wäre das schwierig geworden. Ihm hat eine Initiative aus Mülheim geholfen.

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Und im Süden?

Dort hat Pippa Kolmar ihr Abitur gemacht und will Jura studieren. Sie weiß, dass sie Glück gehabt hat, im Süden Essens großgeworden zu sein, in einem Klischee von Haus, heiler Familie, Hund, Pferd, Urlaub und schönem Auto.

Den Essener Norden hat sie mittlerweile auch kennengelernt, weil sie eine Patenschaft für ein Mädchen  aus einer Grundschule im Nordviertel angenommen hat und mit ihr einmal pro Woche für die Schule übt.

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"Es gibt den Drang dazu Gutes zu tun"

Pippa Kolmar ist im Süden groß geworden und gibt im Essener Norden Nachhilfe - weil sie in der eigenen Stadt etwas tun möchte.

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Strukturwandel bedeutet im Ruhrgebiet der Abschied von den sicheren Arbeitsplätzen im Bergbau und die Suche nach Branchen, die die Lücke füllen können, die die Kohle hinterlassen hat.

Allein in Herten sind mit der Schließung der Zechen 15.000 Jobs weggefallen. Das Problem: Eine Branche alleine kann einen solchen Einschnitt nicht kompensieren, und für viele Jugendliche, die aus der Schule kommen, fehlt die Perspektive auf einen Job - und damit wächst für sie die Gefahr, schon mit 18 Jahren von staatlicher Unterstützung leben zu müssen.

Gleichzeitig haben es diejenigen, die neue Arbeitsplätze schaffen wollen, nicht leicht, geeignete Mitarbeiter für ihre Unternehmen zu finden. Was fehlt, sind gut ausgebildete Fachleute.

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Die Zahlen zur Arbeitslosigkeit stammen wir alle folgenden Angaben aus einer statistischen Auswertung der Stadt Essen vom November 2016. Der Stand der Zahlen ist der 31. Dezember 2015.

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Die Zahlen zur Arbeitslosigkeit stammen wir alle folgenden Angaben aus einer statistischen Auswertung der Stadt Essen vom November 2016. Der Stand der Zahlen ist der 31. Dezember 2015.

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"Es gibt wenig qualifizierte Arbeiter"

Andreas Weidner ist mit seinem Betrieb für Wassertechnik auf das ehemalige Zechengelände in Herten gezogen. Jetzt sucht er Fachleute - und hat Schwierigkeiten, welche zu finden.

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Dort, wo die Lebensverhältnisse schwierig und die Perspektiven schlecht sind, wachsen die meisten Kinder und Jugendlichen auf. Die "demografische Segregation" zeigt sich damit auch in Essen sehr deutlich.

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Im Essener Norden werden je 1.000 Einwohner mehr Kinder geboren als in den südlichen Stadtteilen.

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Im Essener Norden werden je 1.000 Einwohner mehr Kinder geboren als in den südlichen Stadtteilen.

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"Wir brauchen die ganze Generation"

Hans Peter Windfeder ist Vorsitzender der Wirtschaftsvereinigung Mülheim an der Ruhr. Seine Sorge gilt dem demografischen Wandel: "In 10, 15 Jahren - mit wem arbeiten wir dann noch?"

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Die schwierige finanzielle Situation hat auch Auswirkungen auf die Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe.

Für Kinder aus den armen Familien ist es schon schwer genug, die Schule trotz der schwierigen Startvoraussetzungen zu schaffen. An außerschulische Aktivitäten, die Geld kosten, ist überhaupt nicht zu denken.

Die Folge ist eine weitere Verfestigung der bestehenden Strukturen: Die Kinder haben ihre Kontakte ausschließlich im eigenen sozialen Umfeld, ein Austausch mit Kindern und Jugendlichen aus anderen Stadtteilen findet nicht statt.

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Ein wichtiger und regelmäßiger Aspekt gesellschaftlicher Teilhabe sind Wahlen. Dabei zeigte sich: Im Essener Norden gab es Stadtteile, in denen nur jeder dritte Wahlberechtigte auch tatsächlich zur Wahl gegangen ist.

Die Landtagswahlen im Mai 2017 bildeten hier eine Ausnahme - mit 65,2 Prozent war sie in Essen so hoch wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Eigentlich eine gute Nachricht.

Doch auch hier zeigt sich eine Trennlinie zwischen wirtschaftlich stärkeren und schwächeren Gebieten. Der Anstieg der Wahlbeteiligung entfiel nämlich überdurchschnittlich stark auf solche Wahlbezirke, in denen Menschen leben, denen es wirtschaftlich gut geht und die ohnehin bessere Möglichkeiten haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Die Bertelsmann-Stiftung kam nach einer Analyse von mehr als 270 Wahlbezirken im Ruhrgebiet sogar zu dem Schluss, dass der Anstieg der Wahlbeteiligung die soziale Spaltung sogar noch verstärkt hat.

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Die großen Unterschiede zwischen Nord und Süd bei der Teilnahme an Wahlen zeigte sich bereits 2012 bei den Kommunalwahlen. Teilweise ging in den nördlichen Stadtteilen nur jeder Dritte zur Wahl.

Bei der Landtagswahl war die Wahlbeteiligung zwar insgesamt höher - ein Nord-Süd-Gefälle gab es aber trotzdem. Und das hatte Auswirkungen auf das Wahlergebnis.

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"Die größte 'Partei' in diesem Milleu sind immer noch die Nichtwähler"

Professor Klaus Peter Strohmeier ist Soziologe und berät die Landesregierung in der Sozialpolitik.

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Gerade in den nördlichen Stadtteilen war die Wahlbeteiligung bei der Landtagswahl deutlich unterdurchschnittlich.

Das hatte auch Auswirkungen auf das Wahlergebnis. Denn die Kombination von niedriger Wahlbeteiligung und Unzufriedenheit mit den aktuellen politischen Akteuren stärkt vor allem diejenigen Parteien, die für Protest stehen.

Gerade in ihren ehemaligen Hochburgen musste die SPD in Essen 2017 Verluste von teilweise knapp 20 Prozentpunkten gegenüber der letzten Landtagswahl hinnehmen.

Gleichzeitig konnte die AfD profitieren. Auf 22,1 Prozent der Zweitstimmen kam die Partei im Stadtteil Vogelheim - dort hatte der ehemalige SPD-Politiker Guido Reil für die AfD kandidiert.

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Klaus Peter Strohmeier hatte bereits vor der Landtagswahl vermutet, dass durch die geringe Wahlbeteiligung die SPD verlieren und die AfD gewinnen würde.

Auch, wenn die Zahlen ihn in dieser Einschätzung bestätigen: Einen Rechtsruck sieht er nicht. Menschen, die über Generationen SPD gewählt hätten, würden ja nicht plötzlich alle zu Nationalisten oder Fremdenfeinden. Hinter der Wahl der AfD stecke vielmehr ein "ganz tiefer Frust".

Für ihn ist es nicht überraschend, dass sich die politische Landschaft gerade in den nördlichen Stadtteilen deutlich wandelt. "Wenn sie Stadtteile nehmen, die unter erheblicher Umwelt- und Umelt- und Verkehrsbelastung leiden, wo es nichtmal mehr einen Bäcker gibt, wo also Wohnungen und Wohnungsumfeld allmählich verwahrlosen, dann kann ich mir schon vorstellen, dass die Leute jemandem nachlaufen, der ihnen verspricht: 'Es wird besser'."


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Mobilisierung ohne echte Alternative

Professor Klaus Peter Strohmeier über die Rolle der AfD bei der NRW-Landtagswahl 2017.

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